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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:05

Peer Meter / Isabel Kreitz: Haarmann

24.02.2011

Es war einmal in Hannover

Nein, kein Märchenstoff, sondern eher die Nachzeichnung einer Legende: Die Kriminalstudie über Deutschlands bekanntesten Serienmörder Haarmann weiß zu fesseln und zu verstören – und sieht dabei auch noch sehr schön aus. CHRISTIAN NEUBERT hat Blut geleckt.

 

Fritz Haarmann, der Schlächter von Hannover, genießt innerhalb der europäischen Geschichte wohl die gleiche zweifelhafte Berühmtheit wie Londons Jack the Ripper. Er ist längst zum Gegenstand von Sachbüchern, Liedtexten und Filmen geworden – besonders Romuald Karmakars hervorragendes Kammerspiel Der Totmacher (mit einem brillanten Götz George in der Rolle des Massenmörders) dürfte aufgrund seiner intensiven Spannung noch sehr präsent sein.

 

Während sich Karmakars Film auf die originalen Verhörprotokolle stützt und anhand dieser die letzten Tage im Leben von Haarmann minutiös und mit eindringlicher Authentizität nacherzählt, geht es in der  Graphic Novel dagegen um die letzten Wochen im Leben des 1924 hingerichteten Schwerverbrechers. Dabei werden polizeilich nachgewiesene Fakten mit fiktiven, sich der Gerüchteküche bedienenden, aber durchaus möglichen Inhalten so verschmolzen, dass nicht nur das Monstrum Haarmann in all seiner Menschlichkeit, sondern auch der Mensch Haarmann in all seiner Monstrosität erscheint, ohne dass dies jeweils reißerisch oder banalisierend wirkt.

 

Ein Stück deutsches Kriminalgeschichte

Daneben stellt der Comic vor allem auch den Justizskandal dar, der an die Haarmann-Morde geknüpft ist. Denn immerhin war der vorbestrafte, mehrfach aus diversen Irrenanstalten geflohene und aufgrund »diagnostiziertem Schwachsinn« vom Wehrdienst befreite Haarmann über längere Zeit als Polizeispitzel tätig und mit einem zwar nicht offiziell verliehenen, aber offiziell gültigen Polizeiausweis ausgestattet. Dieser ermöglichte es ihm, als »Kriminal Haarmann« das Vertrauen junger Männer, die er am Bahnhof abfing, zu gewinnen und sie nach Hause zu locken, wo er mit ihnen sexuell verkehrte, bevor er ihnen die Kehlen durchbiss, sie geschickt zerlegte, ihnen das Fleisch von den Knochen trennte und die Knochen schließlich in der Leine versenkte.

 

Dass dies in aller Regelmäßigkeit geschehen konnte – 24 Morde wurden ihm nachgewiesen – ist neben grober Fahrlässigkeit von Seiten der Polizei sicherlich auch den wohlwollend wegsehenden Anwohnern Haarmanns anzurechnen. Auch wenn er bei vielen als Sonderling verschrieen war – der bieder wirkende, oft überschwänglich freundliche Haarmann war durchaus beliebt, versorgte er doch seine Freunde und Nachbarn in den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren mit den Kleidern seiner Opfer. Und immer wieder auch mit frischem Fleisch ...

 

Ein Comic mit ordentlich Fleisch auf den Knochen

Insgesamt sträuben sich einem bei der Lektüre von Haarmann des öfteren die Nackenhaare. Diese Wirkung verdankt der Comic zuallererst Isabell Kreitz´ hervorragenden Bleistiftzeichnungen, die das Hannover der 1920er und seine Bewohner fast schon fotorealistisch einfangen, wodurch eine Nähe zum Geschilderten entsteht, die den Leser beinahe zum Zeugen der Verbrechen macht. Die textliche Inszenierung des Bandes in Mundart ist, was Eindringlichkeit und Glaubwürdigkeit betrifft, ebenfalls seinen Machern hoch anzurechnen. Und dass sich der Comic auf die Interaktionen Haarmanns außerhalb seiner kleinen Wohnung, die wieder und wieder zum Tatort wird, konzentriert, und entsprechend nicht das Darstellen von Gewaltakten ein Thema ist, ist außerdem positiv hervorzuheben. Es braucht eben kein zur Schau gestelltes Blutvergießen, um das Grauen einzufangen.

 

Die von Peer Meter als Bonusmaterial zusammengetragenen und im Anhang präsentierten Fakten zu Fritz Haarmann, inklusive einiger zeitgenössischer Fotos, runden das geglückte Stück Kriminallektüre noch zusätzlich ab. Somit hält man als Leser alles in allem einen handwerklich tadellosen Comic in den Händen, der zu fesseln vermag, obwohl einem die Geschichte bereits im Vorfeld bekannt ist – auch, wenn Haarmann nicht die Intensität von Der Totmacher entfaltet oder nicht mit der literarischen Wucht von Alan Moores´ und Eddie Campbells´ Comic From Hell, der sich Jack the Ripper widmet, aufwarten kann.

 

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