Internet kills the Videostar
Entsprechend voreingenommen hat Siegel seine Reise eben auch begonnen. Doch die Stationen, die er dabei abgelaufen ist – und an denen er seine Leser teilhaben lässt – räumen auf mit den Klischees von mafiösen Strukturen, Nötigungen und den Millionendeals in abgedunkelten Hinterzimmern. Stattdessen zeigt er eine Szene, die ausgesprochen mitteilsam und – obwohl Deutschland der zweitgrößte Markt für Pornographie weltweit ist – trotz aller Unübersichtlichkeit überschaubar, eingeschworen und fast schon familiär ist. Und die, nachdem Video die Moviestars der Branche gekillt hat und aktuell Internet den Videostar killt, bei weitem nicht die Profite erzielt, die den Begriff Pornoindustrie rechtfertigen würde. Daneben müssen die Macher noch mit dem deutschen Jugendschutzgesetz zurechtkommen, das zu den härtesten der westlichen Welt zählt.
So ziemlich das einzige, was den Pornoaktivisten vor und hinter der Kamera also noch bleibt, ist der Spaß an ihrer Arbeit. Die allermeisten der Produzenten und Darsteller erledigen ihre Arbeit aus Überzeugung und mit Freude. Kaum einer aus der Branche, bis auf die letzten, großen Produzenten, lebt vom Pornogeschäft allein. Was sie weitermachen lässt, ist primär die bei den Dreharbeiten gebotene Möglichkeit, sich sexuell auszuleben. Dieser Aspekt wird fast einstimmig und unabhängig vom Geschlecht als Antrieb angegeben – und findet im Boom des Amateurpornos auch seine Bestätigung. Und während die Darstellerinnen sich ein wenig Geld zum Studium oder zum eigentlichen Beruf dazuverdienen, werden bei vielen Drehs die männlichen Akteure gar nicht entlohnt. Überhaupt – und im strengen Gegensatz zur landläufigen Meinung, das wird einem bei der Lektüre von Porno in Deutschland schnell klar – sind, wenn man überhaupt davon sprechen kann, im deutschen Pornobetrieb eher Männer diejenigen, die so etwas wie Ausbeutung oder Erniedrigung erfahren.
Philip Siegel scheint auf seiner einjährigen Reise gründlich recherchiert zu haben, und obwohl sich einige sicher wundern werden, dass seine Erfahrungen so gar nicht dem Image der Pornobranche entsprechen, kann man dem Autor bestimmt keine Einseitigkeit in seiner Berichterstattung vorwerfen. Eine romantische Verklärung ist beim Thema Porno in Deutschland allerdings ohnehin nicht drin. Wie sollte so etwas denn aussehen? Und haben wollen würde es dann auch keiner. Das weiß man ja vom Porno.
