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Tardi/Verney: Elender Krieg 1914 - 1915 - 1916

03.03.2011

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Nie wieder Krieg – so lautet die Losung im ersten Band von Elender Krieg, Tardis neuem Schlachtengemälde, das er gemeinsam mit dem Historiker Verney geschaffen hat. Schon wieder, nach Grabenkrieg und Soldat Varlot. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Pünktlich zum 90. Jahrestag des Versailler Vertrags hat Tardi den Ersten Weltkrieg mit seiner großen Mobilmachung und seinen vergeudeten Menschenleben erneut zum Thema gemacht. Dabei hat er bereits vor allem mit Grabenkrieg auf eindrucksvolle Weise aufgezeigt, wie eindringlich sich Entsetzen und Elend des Weltkriegs in Comic-Form darstellen lassen. Unvergessen sind die schonungslosen Bilder und die lakonische, oft auch zynische Erzählweise, weswegen es für Tardi kein leichtes Unterfangen ist, mit seinem neuesten Streich nicht hinter die Qualität seiner älteren, den Krieg betreffenden Werke zurückzufallen.

 

Kein 08/15

Mit Unterstützung des Geschichtswissenschaftlers Verney ist es Tardi gelungen, die textliche Inszenierung gleichermaßen packend wie bei seinen früheren Antikriegs-Comics zu gestalten. Dafür, dass Elender Krieg nicht zu einem bloßen Aufguss verkommt, sorgt der Aufbau, der die historischen Ereignisse der Kriegsjahre in chronologischer Reihenfolge nachzeichnet.

 

Aus der Sicht eines einfachen Infanteristen – sein angeschlagener Erzählton entspricht in etwa den Schilderungen bei Grabenkrieg – werden in der auf zwei Bände angelegten Reihe die Schlachten an der Westfront dokumentiert, wobei jedes Kriegsjahr von Originalzitaten französischer Politiker und Heerführer eingeleitet wird. Trotz seiner recht knappen Seitenzahl ist Elender Krieg auf diese Weise mehr Geschichtsbuch als der episodenhafte Grabenkrieg – und will dies auch sein. Immerhin wird, quasi als Anhang, ein Drittel der 72 Seiten von Verney dafür hergenommen, um in Textform und durch zahlreiche Photos ergänzt ausführlich den Kriegsverlauf (mit Hauptaugenmerk auf Frankreich) zu referieren.

 

Während Soldat Varlot noch komplett durch skizzenhafte Schwarz-Weiß-Zeichnungen gestaltet und Grabenkrieg in der graphischen Aufmachung mit wenigen Graustufen ausgekommen ist, hat Tardi sein neues Schlachtengemälde farbig inszeniert. Doch trotz gefälliger Kolorierung der Bilder bleibt die Atmosphäre düster – Elender Krieg erreicht eine vergleichbare Intensität wie Tardis frühere Weltkriegsdramen. Der Franzose hat es nämlich verstanden, die eingesetzten Farben zum narrativen Instrument zu machen.

 

Green Fields of France

Die ersten Seiten des Comics kommen noch recht bunt daher – schließlich ist man zu Beginn des Krieges noch euphorisch und die blitzsauberen Uniformen zeigen keine Verschleißerscheinungen. Aber je länger der Krieg andauert, desto mehr verblassen auch die Farben. Die in den Anfangstagen des Krieges noch grünen Wiesen Frankreichs weichen schnell einer immer dichter werdenden Schicht aus Schutt und Asche, während sich auch die für Abgrenzung sorgenden Uniformen der „Erbfeinde“ im Morast der Gräben bald kaum noch unterscheiden lassen. Im dritten Kriegsjahr ist es schließlich nur noch Feuer und Blut, das die graue, von unzähligen Gefechten gezeichnete Landschaft einfärbt.

 

Die einzelnen Seiten des Comics sind – wie schon bei Grabenkrieg – zum allergrößten Teil durch drei untereinander angeordnete, die gesamte Breite beanspruchende Panels gestaltet. Dieser Panoramablick auf die zerstörten Kriegsschauplätze und die geschundenen Menschen ist insofern weise gewählt, als dadurch die Erzählerfigur nur selten in den Vordergrund des Bildes tritt, wodurch verdeutlicht wird, dass der Schützengraben keine Individuen kennt. Krieg entmenschlicht, der einzelne Soldat ist Kanonenfutter – auf beiden Seiten des Niemandslandes zwischen den Gräben. Die symmetrische Panelstruktur zeigt diesen tragischen Sachverhalt sehr deutlich, wenn sich auf zwei spiegelbildlich angeordneten Comicseiten deutsche und französische Frontkämpfer zunächst im Graben gegenüberstehen, dann auf beiden Seiten von der Artillerie Gebrauch gemacht wird und schließlich durch zwei blutgetränkte Bilder vorgeführt wird, worin der Zweck der abgefeuerten Geschosse besteht.

 

Mit der Hilfe von Verney hat Tardi sein Lieblingsthema abermals mit einem wunderbaren Comic bereichert. Wer Grabenkrieg und Soldat Verney kennt, muss mit sich selbst ausmachen, ob dieses weitere Stück ungeschminkter Weltkriegsdramatik einer Anschaffung wert ist – und wird dies im Wissen um die Qualität von Tardis Oeuvre wahrscheinlich bejahen. Der zweite Band, der den Zeitraum von 1917 bis 1919 abdeckt, ist übrigens auch schon erschienen.

 

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