Gewöhnlichen Memoiren eines durchschnittlichen Jungen als Spektakel
Beim Kleinen Christian lässt Blutch seine Leser tatsächlich an einem Abschnitt seines Lebens teilhaben, und zwar an der Zeit, als er noch ein kleiner Schulbub war. Und da er keine außergewöhnliche Kindheit verbracht hat, erzählt Blutch eben die ganz normale Geschichte eines ganz normalen Jungen im Straßburg der Siebziger Jahre – unspektakulär, aber mit einer gehörigen Portion Charme und Esprit.
Der kleine Christian ist in seinen Tagträumen ein »Kaubeu«, wie seine Idole Lucky Luke und John Wayne. Auch seine anderen Vorbilder entstammen der Comic- und Fernsehwelt jener Zeit. Doch sogar ein Draufgänger wie Steve McQueen oder er selbst muss sich der Autorität seiner Mutter fügen und seinen Teller leer essen. So wächst der kleine Held also mit den typischen »ups and downs« eines Schuljungen heran und lernt schließlich eines Tages seine erste, selbstverständlich große und, ebenso selbstverständlich, unerfüllte Liebe kennen – natürlich erst, nachdem lange Zeit für Charlie´s Engel Farrah Fawcett geschwärmt wurde und Christian außerdem bemerkt hat, dass der Hintern der Mutter seines Freundes Eric ein echter Hingucker ist.
Das aufflammende Interesse für das weibliche Geschlecht lässt übrigens in der zweiten Hälfte des Buches ein sparsam eingesetztes Rot in den Schwarz-Weiß-Zeichnungen zu, die teilweise stark stilisierend, im Falle der Kindheitshelden Christians dagegen recht realistisch gehalten sind. Dies erzeugt einen Kontrast, der sich sehen lassen kann.
Was dem Kleinen Christian Größe verleiht, ist neben seinem subtilen Witz vor allem die Tatsache, dass mit dem Protagonisten ein fast klassisch zu nennender Prototyp vorliegt, der eine einwandfreie Identifikationsfläche abgibt, ohne lediglich ein bloßes Abziehbild zu sein. Dabei decken die kleinen Episoden der doch recht großen Geschichte natürlich fast die gesamte Bandbreite an Klischees aus dem Leben des gemeinen Schuljungen ab. Berechenbare Pennälerstreiche bleiben aber zum Glück ausgespart. Der Titelheld hat genug Persönlichkeit, um nicht selbst zu einem Klischee zu verkommen.
Dementsprechend findet sich dann auch jeder männliche Leser, vom Weichei bis zum ganz Verwegenen, problemlos und unwillkürlich im Kleinen Christian wieder – unabhängig welcher Generation. Denn sowohl die Probleme als auch die Helden sind, damals wie heute, jeweils die gleichen geblieben, auch wenn letztere mittlerweile andere Namen tragen. So ist es eine Freude, Christian beispielsweise zum Pfadfindertreffen oder auch nur zum Friseur zu begleiten, zu beobachten, wie er Nervosität gekonnt mit seinem geübten Steve McQueen-Blick überspielt, und mitzuerleben, inwieweit Marlon Brando als Beziehungsberater eines hoffnungslos verliebten Teenagers taugt.