Men in Black 3 - jetzt im Kino! Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 23:06

Blutch: Der kleine Christian und Blotch - der König von Paris

10.03.2011

(Auto-)(Bio-)Graphisches zwischen Größenwahn und Tagtraum

Im Jahr 2009 bekam Blutch den Grand Prix des Comic-Festivals von Angoulême verliehen, aktuell ist hierzulande sein neues Werk Peplum erschienen. Höchste Zeit, um einmal zurückzublicken, mit was der Franzose sonst noch unsere Leselandschaft bereichert hat, findet CHRISTIAN NEUBERT.

 

Christian Hincker, besser bekannt als Blutch, zählt in seiner Heimat Frankreich zu den bedeutendsten Comic-Künstlern seiner Generation – und zu den stilistisch wie inhaltlich vielseitigsten. Daher mag es auf den ersten Blick ein wenig verwundern, dass die beiden Alben, um die es hier geht, autobiographisch gefärbt sind. Doch bei allen Bezügen zum realen Blutch liegen mit Blotch – der König von Paris und Der kleine Christian zwei Werke vor, die eigentlich nur eine Sache gemein haben: eine hohe erzählerische Qualität.

 

Gewöhnlichen Memoiren eines durchschnittlichen Jungen als Spektakel

Beim Kleinen Christian lässt Blutch seine Leser tatsächlich an einem Abschnitt seines Lebens teilhaben, und zwar an der Zeit, als er noch ein kleiner Schulbub war. Und da er keine außergewöhnliche Kindheit verbracht hat, erzählt Blutch eben die ganz normale Geschichte eines ganz normalen Jungen im Straßburg der Siebziger Jahre – unspektakulär, aber mit einer gehörigen Portion Charme und Esprit.

 

Der kleine Christian ist in seinen Tagträumen ein »Kaubeu«, wie seine Idole Lucky Luke und John Wayne. Auch seine anderen Vorbilder entstammen der Comic- und Fernsehwelt jener Zeit. Doch sogar ein Draufgänger wie Steve McQueen oder er selbst muss sich der Autorität seiner Mutter fügen und seinen Teller leer essen. So wächst der kleine Held also mit den typischen »ups and downs« eines Schuljungen heran und lernt schließlich eines Tages seine erste, selbstverständlich große und, ebenso selbstverständlich, unerfüllte Liebe kennen – natürlich erst, nachdem lange Zeit für Charlie´s Engel Farrah Fawcett geschwärmt wurde und Christian außerdem bemerkt hat, dass der Hintern der Mutter seines Freundes Eric ein echter Hingucker ist.

 

Das aufflammende Interesse für das weibliche Geschlecht lässt übrigens in der zweiten Hälfte des Buches ein sparsam eingesetztes Rot in den Schwarz-Weiß-Zeichnungen zu, die teilweise stark stilisierend, im Falle der Kindheitshelden Christians dagegen recht realistisch gehalten sind. Dies erzeugt einen Kontrast, der sich sehen lassen kann.

 

Was dem Kleinen Christian Größe verleiht, ist neben seinem subtilen Witz vor allem die Tatsache, dass mit dem Protagonisten ein fast klassisch zu nennender Prototyp vorliegt, der eine einwandfreie Identifikationsfläche abgibt, ohne lediglich ein bloßes Abziehbild zu sein. Dabei decken die kleinen Episoden der doch recht großen Geschichte natürlich fast die gesamte Bandbreite an Klischees aus dem Leben des gemeinen Schuljungen ab. Berechenbare Pennälerstreiche bleiben aber zum Glück ausgespart. Der Titelheld hat genug Persönlichkeit, um nicht selbst zu einem Klischee zu verkommen.

 

Dementsprechend findet sich dann auch jeder männliche Leser, vom Weichei bis zum ganz Verwegenen, problemlos und unwillkürlich im Kleinen Christian wieder – unabhängig welcher Generation. Denn sowohl die Probleme als auch die Helden sind, damals wie heute, jeweils die gleichen geblieben, auch wenn letztere mittlerweile andere Namen tragen. So ist es eine Freude, Christian beispielsweise zum Pfadfindertreffen oder auch nur zum Friseur zu begleiten, zu beobachten, wie er Nervosität gekonnt mit seinem geübten Steve McQueen-Blick überspielt, und mitzuerleben, inwieweit Marlon Brando als Beziehungsberater eines hoffnungslos verliebten Teenagers taugt.

 

Alter Ekel als Alter Ego

Bei Blotch – Der König von Paris liegt der Verweis auf den Autor schon allein durch den Titel nahe. Blutch hat mit diesem Werk jedoch kein autobiographisches Album vorgelegt, sondern vielmehr eine Art Selbstportrait, dessen wenig sensible Ironie und schonungsloser Umgang mit seiner Hauptfigur beinah einer Selbstkasteiung gleichkommt. Dies geschieht aus gutem Grund, denn mit seinem abstoßenden Alter Ego Blotch exorziert Blutch nach eigener Aussage das, wovor er sich am meisten fürchtet: Routine und Verbitterung.

 

Die Erzählung ist in den Dreißiger Jahren angelegt, wo Blotch, der selbsternannte König von Paris, ein blasierter, reaktionärer Typ, sich liebend gern und voller Überzeugung zum großen, nein größten Künstler stilisiert. In Wirklichkeit ist er ein mäßig talentierter Zeichner von Sparwitzchen für eine Humorzeitschrift, die rein zufällig Fluide Glacial heißt – wie die Gazette, in der Blutch die einzelnen Episoden seines Blotch einst veröffentlicht hat. Deren Chef und auch einige Zeichnerkollegen von Blutch bekommen hier und da den einen oder anderen Seitenhieb übergebraten, am schonungslosesten verfährt er allerdings mit seinem Alter Ego. Denn bei aller Talentfreiheit des widerwärtigen Possenreißers Blotch gibt es doch eine Sache, in der ihm so schnell keiner etwas vormacht, nämlich in der Fähigkeit, seine Fahne in den Wind zu hängen.

 

Blotch ist ein Opportunist, wie er im Buche steht. Seine Witzchen klaut er sich ohne jegliches Schamgefühl zusammen, egal ob bei Freund oder Feind. Im Grunde ist der Unsympath jedoch eine tragische Figur à la Stromberg, die es einfach nur nicht besser weiß und daher ebenso unverbesserlich wie unerschütterlich seine (nicht mal ausschließlich niederen) Ziele verfolgt. Zum Beispiel die eigene Signatur zur Perfektion zu bringen, wie zu Beginn jedes der fünfseitigen Kapitel, die für sich genommen ebenso gut funktionieren wie als zusammenhängende Geschichte.

 

Blotch – Der König von Paris ist eine Komödie, die, wie im Vorübergehen, den aufgeblähten Egos mancher Kunstschaffender wie auch dem Kunstbetrieb an sich Spiegel vor die verblendeten Antlitze hält. Dabei steht die zeichnerische Dichte der narrativen in nichts nach. Die freihändig gezogenen Panels drohen aufgrund der gebotenen Detailfülle manchmal beinahe zu bersten. Und hin und wieder scheint das gezeichnete Interieur die Figuren fast zu verschlucken, was aber jeweils nicht negativ verstanden werden soll – die scheinbar lässig hingeworfenen Schwarz-Weiß-Zeichnungen malen ein stimmungsvolles und glaubhaftes Bild vom Paris der Dreißiger, was der fiktiven Biographie zusätzliche Authentizität verleiht und mit ursächlich ist für den besonderen Reiz, der diesem Werk innewohnt.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Vorschlag zur Güte

Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Ecce Homo

»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...