Eine ganze Weltregion dürstet zurzeit nach Gerechtigkeit, so sehr, dass sie sich all jener Despoten entledigt, die sie ihr so lange vorenthalten haben. Offen und stolz wird dabei auf beiden Seiten auch von Rache gesprochen und ebenso offen und stolz wird sie vielerorts auch vollzogen. Wir werden mediale Zeugen dieser Entladungen und - wir zeigen Verständnis. Wer wollte sich hier aufschwingen und gegenüber den jahrzehntelang Unterdrückten den Moralapostel geben wollen?
Gerechtigkeit, das ist Versprechen und Anklage zugleich. Das Versprechen, dass das Paradies im Diesseits möglich ist und die Anklage dieses Versprechen endlich auch einzulösen. Gerechtigkeit bzw. Gerechtigkeitsverständnis ist demnach zum Einen der Bindestoff einer intakten Gemeinschaft, ihr Leitstern, zum Anderen ist sie als Grundlage vieler, wenn nicht aller Religionen, eine immerwährende menschliche Sehnsucht.
Der Begriff »Gerechtigkeit« beschreibt im Grunde also eine Misere, die menschliche Tragödie, weswegen er sich auch in Literatur und Film, in der Kunst überhaupt, so stark widerspiegelt – und das quer durch die Jahrtausende. Kaum gibt es etwas Tiefsitzenderes, etwas, das gründlicher unsere Aufmerksamkeit zu beanspruchen vermag als dieser Begriff. Doch warum? Vermutlich, weil wir alle fest davon überzeugt sind, ein untrügliches Gespür für Gerechtigkeit zu besitzen, allein durch unser Menschsein also a priori Gerechtigkeitsexperte sind. Wenn dem so ist - und wenig spricht dagegen -, dann ist Gerechtigkeitsbedürfnis und -empfinden also konstitutiv für unsere Exisenz.
Thomas Rothschild klammert in seinem Essay den Bereich des Transzendentalen weitestgehend aus und begnügt sich mit dem tragischen Potential dieses starken Movens sowie der Komplexität eines irgendwie auch praktikablen Gerechtigkeitsbegriffs. Seine Annäherung erfolgt zu einem guten Stück über die Gefühlsebene: Da wo wir neidisch sind, wollen wir im Grunde Gerechtigkeit, da wo wir Rache schwören, wollen wir im Grunde Gerechtigkeit und da wo wir Terror ausüben, wollen wir im Grunde wiederum nichts anderes als Gerechtigkeit!
Thomas Rothschild weist uns also schmerzhaft darauf hin, dass selbst Systeme, die sich über eine gelebte Gerechtigkeitskultur definieren (z.B. der Rechtsstaat Deutschland oder Österreich), imstande sind, gegenüber anderen Ländern und Kulturen Ungerechtigkeiten zu produzieren – und das sogar systematisch, also in kalkulierter Ungerechtigkeit. (Man denke hier nur an den völlig asymmetrischen Handel mit sogenannten Dritt- oder Viertweltstaaten.) So leben wir nach innen, untereinander eine Kultur des Rechts, gestehen uns gegenseitig zumindest die Möglichkeit einer symmetrischen Auseinandersetzung zu und begehen gleichzeitig als Gemeinschaft gegenüber anderen Gemeinschaften konsequent Unrecht. So produzieren wir täglich Neid, Rachelust und Terror, verurteilen diese Regungen jedoch, gestehen sie anderen nicht zu und reagieren auf diese Regungen als höhnischhe Krönung sogar mit kriegerischen Akten - seien diese nun wirtschaftlicher oder militärischer Natur. Ist das kulturelle Arroganz, muss man sich fragen? Oder kulturelle Unreife? Oder schlicht Machtausübung mit neokolonialem Gehabe? Diese Unaufrichtigkeit gepaart mit wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und militärischer Potenz ist in ihrer Ungerechtigkeit eine gigantische Dauerprovokation. Das sollte uns klar sein - oder zumindest allmählich werden.