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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:10

Thomas Rothschild: O Gerechtigkeit

04.03.2011

Eine gigantische Dauerprovokation

Thomas Rothschild erkundet mit seinem Essay O Gerechtigkeit in Literatur und Film die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten einer Realisierbarkeit von Gerechtigkeit. Und er spürt in Rache, Neid und Terror diesem menschlichen Urbedürfnis noch tiefer nach ... Von CHRISTOPH POLLMANN

 

Eine ganze Weltregion dürstet zurzeit nach Gerechtigkeit, so sehr, dass sie sich all jener Despoten entledigt, die sie ihr so lange vorenthalten haben. Offen und stolz wird dabei auf beiden Seiten auch von Rache gesprochen und ebenso offen und stolz wird sie vielerorts auch vollzogen. Wir werden mediale Zeugen dieser Entladungen und - wir zeigen Verständnis. Wer wollte sich hier aufschwingen und gegenüber den jahrzehntelang Unterdrückten den Moralapostel geben wollen?

 

Gerechtigkeit, das ist Versprechen und Anklage zugleich. Das Versprechen, dass das Paradies im Diesseits möglich ist und die Anklage dieses Versprechen endlich auch einzulösen. Gerechtigkeit bzw. Gerechtigkeitsverständnis ist demnach zum Einen der Bindestoff einer intakten Gemeinschaft, ihr Leitstern, zum Anderen ist sie als Grundlage vieler, wenn nicht aller Religionen, eine immerwährende menschliche Sehnsucht.

 

Der Begriff »Gerechtigkeit« beschreibt im Grunde also eine Misere, die menschliche Tragödie, weswegen er sich auch in Literatur und Film, in der Kunst überhaupt, so stark widerspiegelt – und das quer durch die Jahrtausende. Kaum gibt es etwas Tiefsitzenderes, etwas, das gründlicher unsere Aufmerksamkeit zu beanspruchen vermag als dieser Begriff. Doch warum? Vermutlich, weil wir alle fest davon überzeugt sind, ein untrügliches Gespür für Gerechtigkeit zu besitzen, allein durch unser Menschsein also a priori Gerechtigkeitsexperte sind. Wenn dem so ist - und wenig spricht dagegen -, dann ist Gerechtigkeitsbedürfnis und -empfinden also konstitutiv für unsere Exisenz.

 

Thomas Rothschild klammert in seinem Essay den Bereich des Transzendentalen weitestgehend aus und begnügt sich mit dem tragischen Potential dieses starken Movens sowie der Komplexität eines irgendwie auch praktikablen Gerechtigkeitsbegriffs. Seine Annäherung erfolgt zu einem guten Stück über die Gefühlsebene: Da wo wir neidisch sind, wollen wir im Grunde Gerechtigkeit, da wo wir Rache schwören, wollen wir im Grunde Gerechtigkeit und da wo wir Terror ausüben, wollen wir im Grunde wiederum nichts anderes als Gerechtigkeit!

 

Thomas Rothschild weist uns also schmerzhaft darauf hin, dass selbst Systeme, die sich über eine gelebte Gerechtigkeitskultur definieren (z.B. der Rechtsstaat Deutschland oder Österreich), imstande sind, gegenüber anderen Ländern und Kulturen Ungerechtigkeiten zu produzieren – und das sogar systematisch, also in kalkulierter Ungerechtigkeit. (Man denke hier nur an den völlig asymmetrischen Handel mit sogenannten Dritt- oder Viertweltstaaten.) So leben wir nach innen, untereinander eine Kultur des Rechts, gestehen uns gegenseitig zumindest die Möglichkeit einer symmetrischen Auseinandersetzung zu und begehen gleichzeitig als Gemeinschaft gegenüber anderen Gemeinschaften konsequent Unrecht. So produzieren wir täglich Neid, Rachelust und Terror, verurteilen diese Regungen jedoch, gestehen sie anderen nicht zu und reagieren auf diese Regungen als höhnischhe Krönung sogar mit kriegerischen Akten - seien diese nun wirtschaftlicher oder militärischer Natur. Ist das kulturelle Arroganz, muss man sich fragen? Oder kulturelle Unreife? Oder schlicht Machtausübung mit neokolonialem Gehabe? Diese Unaufrichtigkeit gepaart mit wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und militärischer Potenz ist in ihrer Ungerechtigkeit eine gigantische Dauerprovokation. Das sollte uns klar sein - oder zumindest allmählich werden.

 

Thomas Rothschild Thomas Rothschild

Offenes Visier

Apropos Subtilität: Man mag Thomas Rothschild in seinem Essay vorhalten können, dass er einen Idioten gerne einen Idioten nennt, sprich: dass er dazu neigt, persönlich zu werden. Aber er will wohl nicht länger ins Subtile verbrämen, was so offen liegt, er will die Dinge beim Namen nennen wollen – flankiert natürlich stets von Analyse. Das mag nicht jedem schmecken, vor allem nicht den Benannten, aber es hat Prinzip und hierdurch auch Transparenz. Kein Versteckspiel der Höflichkeiten wird hier inszeniert.

 

Thomas Rothschild bietet uns in O Gerechtigkeit viel: Offenes Visier und scharfe Analyse, Pamphlet und genaue Abhandlung, Fußnote und Anekdote. Das ist schon ein ordentliches Programm. Am genauesten und ertragreichsten ist er jedoch in seinen Literatur- und Filmanalysen, auch deshalb, da gegen Ende des Bandes spezifisch österreichische Fragen (auch wenn diese mit deutschen verknüpft werden) für ein bundesrepublikanisches Publikum wohl etwas zu stark zum Tragen kommen. Aber vielleicht wollte uns Thomas Rothschild genau darauf hinweisen: Wie eng sind doch deutsche und österreichische Geschichte miteinander verwoben, und wie fern sind wir uns in der gegenseitigen Kenntnis voneinander. Wie also soll Gerechtigkeit nur ansatzweise global funktionieren, wenn wir als Nachbarn so viel gegenseitige Unwissenheit und Ignoranz aufzubringen imstande sind? O menschliche Beschränktheit ...

 

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