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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:10

Frédéric Chaubin im Interview

03.03.2011

»Es ist eines der exotischsten Dinge, die man finden kann.«

Er betrachtet die Träume, die den Architekten durch den Kopf gingen. Und diese stehen in riesigem Abstand zu dem, was wir von der Sowjetunion gemeinhin erwarten. Es seien eben nicht diese grauen Blöcke, meint Frédéric Chaubin. Die Epoche und das Land seien von intensiven Träumen bewegt worden, die eine in gewisser Hinsicht sowjetische Metaphysik trugen. Dieses mentale Konstrukt fasziniert ihn, wie der Fotograph LIDA BACH im Interview gestand.

 

Ab welchem Zeitpunkt faszinierte Sie die kommunistische Architektur?

 

Es begann in Georgien, als ich die Gelegenheit hatte, sehr ungewöhnlichen Gebäuden gegenüberzustehen und Bilder von ihnen zu machen und mich erinnerte, dass ich bereits in Litauen äußerst ungewöhnliche Gebäude vorgefunden hatte. Dieses Interesse weckte die Idee, tiefer in die Materie zu gehen. Es hing nicht nur damit zusammen, dass diese Gebäude kommunistisch waren oder in der Sowjetunion standen, was nur ein Detail war. Sie waren vor allem faszinierend insofern, als dass sie nicht dokumentiert worden waren. Sie waren eine absolute Überraschung für mich.

 

Wie wichtig ist für Ihre Arbeit, dass Sie eine aussterbende Architektur bewahren? Die Bauwerke werden abgerissen, verfallen und werden nicht mehr in diesem Stil erbaut.

 

Was besonders interessant ist, ist, dass der Fall der Sowjetunion eine Art Erdbeben gewesen war. Extrem verwirrend in seinen Konsequenzen. Ich hatte Gebäude gesehen, die sehr gegenwärtig waren, aber in der Realität wesentlich älter aussahen als sie waren. Genaugenommen, weil sie zu einem ästhetischen System gehörten, das zur gleichen Zeit kollabierte wie die Ideologie und politische Struktur. Das machte es sogar noch befremdlicher und ist wahrscheinlich der Grund, warum ich mich damit befasse. Eine meiner Prioritäten im Leben ist zu versuchen, irritierende Situationen und kulturelle Hintergründe zu finden, die eine neue Perspektive eröffnen. Dies war für mich extrem ungewöhnlich und vollkommen exotisch. Ich denke, es ist eines der exotischsten Dinge, die man finden kann.

 

Oberflächlich wirkt diese Thematik künstlerisch eher einschränkend.

 

Es ist ein gigantisches Thema. Es ist eine unendliche Geschichte, denn man hat eine Menge verschiedener Fragen zu diesen Gebäuden. Bei manchen ist es, wo sie sich befinden, denn abhängig vom Ort sind die äußeren Umstände nicht die gleichen. Die Wahrnehmungsweise ist nicht dieselbe. Manche sind relativ gut erhalten, andere sind verschwunden, seitdem ich die Bilder aufgenommen habe. All diese Fragen haben mich gefesselt.

 

Oft erinnert die Architektur an Geisterstädte und Ruinenlandschaften. Empfinden Sie Ihre Fotografie als traurig oder aber als aufmunternd, da sie Relikt einer untergegangenen Diktatur ist?

 

Fotografie, wo immer sie entsteht, hat viel mit dem Bewahren von Spuren zu tun. Das kann genauso die Schönheit einer Frau sein wie architektonische Überreste. Die meisten dieser Bauwerke sind weiterhin in Gebrauch und erfüllen noch immer ihre Funktion. Das Interesse war ästhetischer Natur und nicht nur persönliche Nostalgie bezüglich einer Welt, die verschwinden wird. Es sind vielmehr die befremdlichen Formen und die seltsamen Orte für solche Formen. Viele dieser Bauten sind isoliert. Mitten im Nirgendwo. Oder sie sind in einem ungeheuer dramatischen Umfeld errichtet, das voller Bedeutungen scheint.

 

Das ist kein reiner Zufall, sondern hängt mit den Prioritäten dieses Architekturstils aus der Zeitepoche zusammen. Einige dieser Bauten waren mit sehr spezifischen Zwecken verbunden.

 

Können Sie einen besonders ungewöhnlichen Zweck nennen?

 

Eine der ideologischen Prioritäten der SU war es die Leute aus den Kirchen fernzuhalten. Um dies zu erreichen, wurden ausgewählte Architekten beauftragt, kreativ zu sein und den Gebäuden neue Formen zu verleihen, die für stark spirituelle Rituale genutzt wurden wie Hochzeiten oder Beerdigungen. Beispielsweise wurden am Ende in der SU hochinteressante Hochzeitspaläste errichtet, da Hochzeiten ursprünglich in den Kirchen stattfanden. So fing man auch an Krematorien und Friedhöfe zu konstruieren, die fremdartig und skurril wirkten – für uns zumindest. All die Ehrfurcht, die von religiösen Bauten ausging, mussten sie ohne diese Implikation vermitteln.

 

Allgemein wird kommunistische Architektur für trist gehalten. Ihre Fotografie lässt sie geradezu futuristisch wirken, wie Raumschiffe.

 

Das ist einer der ermunternden Aspekte, trotz der manchmal düsteren Erscheinung der gesamten Sammlung: Jedes mal betrachte ich die Träume, die den Architekten durch den Kopf gingen. Sie stehen gerade in riesigem Abstand zu dem, was wir von der Sowjetunion erwarten. Es sind nicht diese grauen Blöcke. Die Epoche und das Land wurden von intensiven Träumen bewegt, die eine in gewisser Hinsicht sowjetische Metaphysik trugen. Dieses mentale Konstrukt faszinierte mich.

 

Glauben Sie, es wird eine neue Ära sowjetischer Architektur geben?

 

Vielleicht sollte ich so etwas nicht sagen, aber mein Gefühl ist, dass momentan in Russland architektonisch nicht viel passiert. Hervorgehoben werden muss der Umstand, dass jede Epoche der sowjetischen Geschichte eine Art ästhetischer Ordnung mit einem sehr engen Rahmen produziert hat. Die erste Periode waren die Avantgardisten, die nach Lenins Tod fast verschwanden, die dann in eine wesentlich klassischere stalinistische Epoche überging. Die dritte Ära beginnt mit dem Tod Stalins und Chruschtschows. Dies ist die Ära, als Russland sich dem internationalen Design öffnete und sich der modernen westlichen Architektur angenähert hat.

 

Welche dieser Epochen reizt Sie?

 

Woran ich arbeite, ist die allerletzte Periode; wesentlich vielfältiger in ihrem Inhalt und ihren Stilrichtungen. Für mich drückt diese Blüte den Druck und die Energie aus, welche die Sowjetunion zum Untergang führen.

 

Sie finden Ihre Motive unter anderem in Südamerika und Kambodscha. An welchem Ort würden Sie gerne fotografieren?

 

Vor drei Monaten hatte ich eine große Ausstellung von Aktfotografie in Paris. Ich beschäftige mich nicht nur mit Architektur. Wenn es eine Region gibt, in die ich gerade jetzt gehen möchte, ist es Südamerika. Ich war bereits in Kuba, aber ich würde gerne nach Argentinien gehen.

 

Werden Sie in Berlin Aufnahmen machen oder in Deutschland? Denn hier gibt es natürlich ebenfalls kommunistische Architektur.

 

Ich gebe das französische Magazin Citizen K heraus und habe vor zwei Jahren eine Geschichte über zeitgenössische Architektur in München gemacht. Vor einigen Jahren war ich hier in Berlin und habe Fotos von Bauwerken, allerdings jeder Art Bauwerke, gemacht.

 

Wie empfinden Sie persönliche die Sowjet-Architektur?

 

Es ist eine verdrehte Architektur. Benutzerorientiert – wie man ein Auto benutzerorientiert entwickelt. Voll diverser Einflüsse, die umgeformt wurden für die sowjetische Welt.

 

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