Ab welchem Zeitpunkt faszinierte Sie die kommunistische Architektur?
Es begann in Georgien, als ich die Gelegenheit hatte, sehr ungewöhnlichen Gebäuden gegenüberzustehen und Bilder von ihnen zu machen und mich erinnerte, dass ich bereits in Litauen äußerst ungewöhnliche Gebäude vorgefunden hatte. Dieses Interesse weckte die Idee, tiefer in die Materie zu gehen. Es hing nicht nur damit zusammen, dass diese Gebäude kommunistisch waren oder in der Sowjetunion standen, was nur ein Detail war. Sie waren vor allem faszinierend insofern, als dass sie nicht dokumentiert worden waren. Sie waren eine absolute Überraschung für mich.
Wie wichtig ist für Ihre Arbeit, dass Sie eine aussterbende Architektur bewahren? Die Bauwerke werden abgerissen, verfallen und werden nicht mehr in diesem Stil erbaut.
Was besonders interessant ist, ist, dass der Fall der Sowjetunion eine Art Erdbeben gewesen war. Extrem verwirrend in seinen Konsequenzen. Ich hatte Gebäude gesehen, die sehr gegenwärtig waren, aber in der Realität wesentlich älter aussahen als sie waren. Genaugenommen, weil sie zu einem ästhetischen System gehörten, das zur gleichen Zeit kollabierte wie die Ideologie und politische Struktur. Das machte es sogar noch befremdlicher und ist wahrscheinlich der Grund, warum ich mich damit befasse. Eine meiner Prioritäten im Leben ist zu versuchen, irritierende Situationen und kulturelle Hintergründe zu finden, die eine neue Perspektive eröffnen. Dies war für mich extrem ungewöhnlich und vollkommen exotisch. Ich denke, es ist eines der exotischsten Dinge, die man finden kann.
Oberflächlich wirkt diese Thematik künstlerisch eher einschränkend.
Es ist ein gigantisches Thema. Es ist eine unendliche Geschichte, denn man hat eine Menge verschiedener Fragen zu diesen Gebäuden. Bei manchen ist es, wo sie sich befinden, denn abhängig vom Ort sind die äußeren Umstände nicht die gleichen. Die Wahrnehmungsweise ist nicht dieselbe. Manche sind relativ gut erhalten, andere sind verschwunden, seitdem ich die Bilder aufgenommen habe. All diese Fragen haben mich gefesselt.
Oft erinnert die Architektur an Geisterstädte und Ruinenlandschaften. Empfinden Sie Ihre Fotografie als traurig oder aber als aufmunternd, da sie Relikt einer untergegangenen Diktatur ist?
Fotografie, wo immer sie entsteht, hat viel mit dem Bewahren von Spuren zu tun. Das kann genauso die Schönheit einer Frau sein wie architektonische Überreste. Die meisten dieser Bauwerke sind weiterhin in Gebrauch und erfüllen noch immer ihre Funktion. Das Interesse war ästhetischer Natur und nicht nur persönliche Nostalgie bezüglich einer Welt, die verschwinden wird. Es sind vielmehr die befremdlichen Formen und die seltsamen Orte für solche Formen. Viele dieser Bauten sind isoliert. Mitten im Nirgendwo. Oder sie sind in einem ungeheuer dramatischen Umfeld errichtet, das voller Bedeutungen scheint.
Das ist kein reiner Zufall, sondern hängt mit den Prioritäten dieses Architekturstils aus der Zeitepoche zusammen. Einige dieser Bauten waren mit sehr spezifischen Zwecken verbunden.
Können Sie einen besonders ungewöhnlichen Zweck nennen?
Eine der ideologischen Prioritäten der SU war es die Leute aus den Kirchen fernzuhalten. Um dies zu erreichen, wurden ausgewählte Architekten beauftragt, kreativ zu sein und den Gebäuden neue Formen zu verleihen, die für stark spirituelle Rituale genutzt wurden wie Hochzeiten oder Beerdigungen. Beispielsweise wurden am Ende in der SU hochinteressante Hochzeitspaläste errichtet, da Hochzeiten ursprünglich in den Kirchen stattfanden. So fing man auch an Krematorien und Friedhöfe zu konstruieren, die fremdartig und skurril wirkten – für uns zumindest. All die Ehrfurcht, die von religiösen Bauten ausging, mussten sie ohne diese Implikation vermitteln.