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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:10

Frédéric Chaubin: Cosmic Comunist Constructions Photographed

03.03.2011

Überreste einer Utopie

Eintönig und nichtssagend wirkt der blassgraue Umschlag. Ein durch zwei Jahrzehnte verschlissenes Buch, abgenutzt aus zweiter Hand. Nur ein paar dünne Blätter mit Text in Kyrillisch, dazwischen alte Fotografien noch älterer Gebäude. In einem gewöhnlichen Buchgeschäft in Tiflis wartet das bejahrte Werk scheinbar vergeblich darauf, dass sich jemand für es interessiert. Kommunistische Architektur aus 70 Jahren ist im Jahr 2003 kein Thema, dass viele Betrachter fesselt. Von LIDA BACH

 

Schillernd und bizarr lockt das fantastische Einbandmotiv. Druckfrisch ist der großzügig entworfene Hochglanzband, noch unergründet, abgesehen von zwei begehrten Ansichtsexemplaren. Über dreihundert großformatige Seiten bergen Übersichten, Erläuterungen und Originalberichte. Ausführliche Texttafeln erklären in Englisch, Deutsch und Französisch die Thematik des Werks. Im Berliner Flagship-Store des Taschen Verlags, der dank seiner vielbeachteten Buchpräsentationen als Event-Stätte der ungewöhnlichen Art hervortritt, wartet das Publikum auf die Vorstellung des Buchs. Kommunistische Architektur aus 14 verschiedenen ehemaligen Sowjetrepubliken ist im Jahr 2011 faszinierender denn je.

 

O brave new world that has such buildings in it ...

Rund ein Vierteljahrhundert liegt zwischen den beiden Bildbänden. Obwohl sie kaum verschiedener sein könnten, besitzen sie den gleichen faszinierenden Themenhintergrund. Im Geist des Künstlers Frederic Chaubin fanden überalterte und avantgardistische Darstellung kommunistischer Architektur ihren Berührungspunkt. Der abgegriffene Bildband, den der französische Fotograf und Herausgeber des Magazins Citizen K in Tiflis aufstöberte, führte ihn auf die Fährte kommunistischer Architektur. Chaubins Suche nach seinen »CCC«, den »Cosmic Comunist Constructions«, sprengte selbst die weitläufigen Gebietsgrenzen der ehemaligen Sowjetstaaten. Die eigensinnigen Geisteskinder des architektonischen Konstruktivismus waren bis nach Südamerika und Kambodscha gewandert. Den Ertrag seiner Suche präsentiert Frederic Chaubin in dem neu erschienen Bildband Cosmic Communist Constructions Photographed. Fünf umfassende Kapitel strukturieren die baulichen Bizarrerien in Bereiche des öffentlichen Lebens, angefangen bei »Unterhaltung und Kultur« über »Wissenschaft und Technologie« bis hin zu »Riten und Symbole«.

 

Das Attribut »Cosmic« wirkt beinah untertrieben für die architektonischen Fantasien der Sowjetarchitektur. Galaktische Gebäude erinnern an Szenerie-Relikte aus Science-Fiction-Filmen. Verwinkelte Konstruktionen recken sich in einsamen Landschaften gleich einem Motiv M. C. Eschers gen Himmel. Die Architektonik ist geistiges Konstrukt einer gesellschaftlichen Epoche, deren zentrales Moment die Vision war. Visionär sind die Gebäude in ihrer ausufernden Abstraktion und groteske Geometrie. Fast beängstigend wirken manche der surrealen Gebilde. Das Klettergerüst auf einem verwaisten Spielplatz reißt das Maul eines gespenstischen Tierwesens auf, das diejenigen, die dort toben könnten, zu verschlingen scheint. Die Revolution frisst ihre Kinder.

 

Die Kreativität der Architekten, die in dem repressiven System keinen Ausdruck fand, scheint sich in den überbordenden Gebäuden freizukämpfen. Die befremdlichen Bauten werden zu eigentümlichen Vorboten einer strahlenden Zukunft, deren Platz eine niederschmetternde Gegenwart einnahm. Ihre Monumentalität spiegelt die des kommunistischen Staatsgrundsatzes. The shape of things to come sollte The shape of things to overcome sein. Sie wurde The shape of things to never come.

 

Café Moskau – Erbaut 1961 bis 1964 von Josef Kaiser und Horst Bauer in der Karl-Marx-Allee 34, wird es geziert vom prächtigen Mosaik mit Szenen Aus dem Leben der Völker der Sowjetunion. Direkt gegenüber erhebt sich mit der Hausnummer 33 das einst größte Lichtspieltheater der DDR.

 

Kino International  - Der von Josef Kaiser und Heinz Aust errichtete Bau wurde 1963 mit einer Filmpremiere eröffnet. Vermutlich war die erste der zahlreichen Premiere-Vorstellungen des Prestigebaus besser besucht als die letzte: am 9. November 1989.

 

Kosmos – Kaiser und Aust entwarfen auch das zweite Großraumkino, das 1963 eröffnet wurde. Wer vom Dachgarten der Häuser im Zuckerbäckerstil auf die runde Grundkonstruktion blickte, konnte das Kosmos für ein Ufo halten. Ein mutiger Pionier der architektonischen Mutterschiffe, die Frederic Chaubin in den Cosmic Comunist Constructions Photographed einfängt.

 

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In Zentral- und Osteuropa gab es, ebenso wie in Westeuropa unterschiedliche Ausprägungen des Internationalen Stils und ähnliche Themen in der Architektur jener Zeit. Wie diese aussieht zeigt die Webseite www.ostarchitektur.com, welche seit mehr 10 Jahren Bauten in Osteuropa dokumentiert.
| von peter sägesser, 02.09.2011

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