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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:11

Doxiadis/Papadimitriou/Papadatos/di Donna: Logicomix

31.03.2011

Die Logik, das Universum und der ganze Rest ...

Schon viel Lob ist ausgeschüttet worden über das ehrgeizige Unterfangen, die Biographie des bedeutenden Logikers und Mathematikers Bertrand Russel in Comic-Form zu erzählen. BORIS KUNZ musste erst noch überzeugt werden.

 

Logicomix bedient mehrere Ebenen, und das mit unterschiedlichem Erfolg: Als spannende Biographie funktioniert die Geschichte einwandfrei; auch wenn Russells Leben nicht bis zu Ende erzählt wird, sondern das Buch mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs abbricht. Dadurch geht zwar eine Menge spannender Erzählstoff verloren: Russel war bis zu seinem Tod 1970 eine streitbare Figur und mit Albert Einstein im Kampf gegen einen nuklearen Dritten Weltkrieg aktiv. Das ist aber auf der anderen Seite ein cleverer Kniff, der der Geschichte einen spannenden Fokus verleiht: Dreh- und Angelpunkt ist ein Gastvortrag Russells an einer amerikanischen Uni im Jahre 1939, wo er über die Bedeutung der Logik im menschlichen Verhalten referieren soll.

 

Russel, zu dieser Zeit schon bekannter Pazifist, nutzt die Vorlesung jedoch für eine Rückschau auf sein Leben, um eine Begründung dafür herzuleiten, warum er sich nicht vor den Karren einer amerikanischen Bewegung spannen lassen möchte, die gegen einen Kriegseintritt der USA protestiert. Er führt uns somit selbst durch seine Biographie, durch seine verzweifelte Suche nach einer absoluten, unanzweifelbaren, mathematischen und philosophischen Wahrheit. Und währenddessen stellt sich die spannende Frage, zu welcher Einstellung zum Krieg gegen Nazideutschland ihn diese Suche gebracht haben mag.

 

Philosophie im Zeitkolorit

Die Geschichte ist also zunächst klassisches »Biopic« und dafür gibt Russells Leben auch eine Menge her: die Kindheit als Waise auf einem englischen Landsitz unter der Fuchtel einer strengen und religiösen Großmutter, seine Emanzipation durch die Klarheit von Mathematik und Logik, prägende Begegnungen mit großen Denkern, lange Kämpfe, schwere Niederlagen, mühsame Erholung und ein steiniger Weg zu jener Altersweisheit, die den vortragenden Erzähler-Russel zu einem Sympathieträger macht.

 

Zudem spielt sich das alles zwischen 1880 und 1940 ab, also einer ergiebigen Zeit für große Geschichten: Revolutionäre Denker mit variabler Barttracht führen legendäre Debatten zwischen der Aufbruchstimmung der modernen Wissenschaft und der Düsternis des Fin de siècle, und verlässlich wie Genrezutaten tauchen die Schützengräben des Ersten Weltkriegs und die bedrohlich marschierenden braunen Horden des Nationalsozialismus auf.

 

Die in einer Art moderner Linie Claire gehaltenen Zeichnungen wissen mit einfachen Mitteln und guter Farbgebung sehr viel aus diesem Zeitkolorit herauszuholen. Vor diesem spannenden historischen Hintergrund gibt es eine stringent erzählte Entwicklungsgeschichte. Und das Fazit des Vortrags, also Russells abschließendes Statement für die Antikriegsdemonstranten, ist dann auch ein passendes Ende dieser Entwicklung – auch wenn es als politische Aussage (gerade im Hinblick auf die Aktualität der Debatte um humanitäre Kriegseinsätze) leider ein bisschen mau bleibt.

 

Nun war Russel aber kein Musiker, Dichter oder Staatsmann, sondern hat sich als Mathematiker und Logiker mit einer ungeheuer komplizierten Materie beschäftigt. Seine Zeitgenossen, die als Nebenfiguren in der Geschichte auftauchen, waren Figuren wie Wittgenstein oder Gödel – also Menschen, deren Namen und Werk vermutlich nur jenen etwas sagen, die sich bereits eingehender mit Mathematik und Philosophie befasst haben. Die Inhalte der weltanschaulichen Debatten Russells mit diesen Menschen sind essentiell für die Geschichte, lassen sich aber schlecht einfach so im Nebensatz erzählen. Also müssen diese Inhalte einerseits stark reduziert und vereinfacht werden, um verständlich zu bleiben, andererseits darf man sie nicht ihrer Tiefe berauben, sonst würde der Comic bedeutungslos.

 

»Wenn sich etwas auf sich selbst bezieht, ist das Paradox nicht weit.«

Obwohl Logicomix diese Gratwanderung immer wieder erstaunlich gut gelingt, wird hier nun eine dritte Erzählebene eingeflochten: Die Autoren und Zeichner machen sich und ihre inhaltlichen Debatten zum Teil der Geschichte. Wir werfen also auch einen Blick in das Zeichenstudio, in dem das Buch entsteht, das wir in der Hand halten, bekommen Absichtserklärungen, Selbstzweifel und Interpretationen der Autoren gleich mitgeliefert.

 

Obwohl diese Selbstreferenzialität in Comics (spätestens seit Art Spiegelmanns Maus) nicht die schlechteste Tradition hat, riecht so ein Mittel natürlich auch immer nach einer Notlösung und lässt erahnen, dass es den Machern nicht so ganz gelungen ist, das was sie vermitteln wollten, in der Geschichte selbst unterzubringen.

 

Natürlich ist es legitim, einen Computerexperten auftauchen zu lassen, der immer wieder auf die Bedeutung verweisen kann, die die Gedanken Russells und seiner Zeitgenossen sehr viel später für die Informatik haben sollten. Aber wenn der Comic-Autor selbst dem Leser immer wieder eins zu eins mitteilt, worum es in dieser Geschichte nun also gehen soll und worum nicht, fühlt man sich manchmal auch etwas zu sehr an der Hand genommen. 

 

Dies sei dem ansonsten rundweg charmanten und informativen Comic aber gerade im Hinblick auf seine große Leistung verziehen. Natürlich kommt es hier auch sehr darauf an, welche Vorbildung der Leser in Sachen Logik mitbringt. So gelingt es dem Comic, jene Leser abzuholen, denen die Haltung des Wiener Kreises oder Gödels Beweis der Unvollständigkeit mathematischer Systeme nichts sagt.

 

Für Kenner der Materie bleibt eine optisch anspruchsvolle Biographie, die man an der einen oder anderen Stelle vielleicht als populärwissenschaftlich vereinfacht empfindet. Ich persönlich hätte mir etwas mehr von jenen Passagen gewünscht, in denen z.B. das Russell′sche Paradox (Enthält die Menge aller sich nicht selbst enthaltenden Mengen sich selbst?) anhand mehrerer Beispiele ausführlich erklärt anstatt nur erwähnt bzw. auf seine weltanschauliche Essenz reduziert wird.

 

Der Band wird dann aber durch einen ausführlichen Anhang ergänzt, und wer noch tiefer in die Materie einsteigen will, der sollte mehr als genug Leseanregungen durch die darin auftauchende Namen bekommen. Das werden dann allerdings sicherlich wesentlich anstrengendere Leseerfahrungen als das kurzweilige Logicomix.

 

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