Men in Black 3 - jetzt im Kino! Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 23:11

Andy Diggle / Leonardo Manco: Hellblazer 10: Spritztour

17.03.2011

Der Magier in der Mogelpackung

Wer sich seine Leidenschaft für Superhelden-Comics bewahrt hat, muss oft die leidvolle Erfahrung machen, dass es zum beliebten Repertoire der Autoren gehört, das Leben von Figuren mit irgendwelchen einschneidenden Erlebnissen und kompletten Neustarts aufzupeppen, die sich letztlich aber immer als Rückkehr zum Status Quo entpuppen. Jetzt hat es angeblich den guten, alten John Constantine erwischt. BORIS KUNZ findet das in diesem Fall halb so schlimm.

 

Vielleicht sollte ich vorausschicken, dass ich mit der Figur John Constantin zwar vertraut bin, meine Lektüre sich allerdings auf die vor einigen Jahren noch im Schreiber & Leser-Verlag veröffentlichten Stories beschränkt hat. Die neun Vorgängerbände von Panini nicht zu kennen, hat es aber in keiner Weise schwer gemacht, bei Spritztour wieder einzusteigen. Schließlich übernimmt an diesem Punkt auch der neue Autor Andy Diggle die Serie und gönnt dem Kette rauchenden, zynischen Magier im verdreckten Trenchcoat eine Art Neuanfang.

 

Nachdem er einem alten Freund auf seine unnachahmliche Art und Weise einen Gefallen getan hat, bekommt John Constantine die Gelegenheit, mit seiner eigenen Vergangenheit aufzuräumen. Dass es hier theoretisch eine ganze Menge zu tun gäbe - Constantine hat ja nach 230 Ausgaben eine Menge auf dem Kerbholz -, soll erst einmal nicht stören. Es geht um einen Aufenthalt in einer Irrenanstalt, in der John vor vielen Jahren nach einem schrecklich missglückten Exorzismus beinahe dem Wahnsinn verfallen wäre. Nun kehrt er in das Sanatorium zurück. Das ist inzwischen ein Spielcasino, das John sich mit ein paar schmutzigen Tricks aneignet, um sich dort schließlich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen - was in dieser Comic-Reihe durchaus wörtlich zu nehmen ist.

 

Wende rückwärts

Danach, so will man uns erzählen, ist John Constantine eine Art neuer Mensch, der zu seiner alten Stärke zurückgefunden hat – sichtbar gemacht durch deutliche Referenzen an die allerersten Auftritte der Figur in den Swamp Thing-Ausgaben von Alan Moore: John trägt jetzt wieder teuren Anzug statt lockerer Krawatte unter dem Trenchcoat und seine Frisur nähert sich ein wenig wieder seiner 80er-Jahre- Dauerwelle an. Nur die weißen Handschuhe hat man weggelassen.

 

Nun ist John Constantine also wieder obenauf, wieder „zurück am Steuer“, hat sich wieder geholt, „was ihm zusteht“ – ich zitiere hier die markigen Sprüche auf dem Buchrücken der deutschen Ausgabe. Das Problem dabei ist nur: In den folgenden Geschichten (einer dreiteiligen Episode um eine äußerst phantasievolle, schwarzmagische Gentrifizierung von Londoner Stadtteilen und einer Einzelgeschichte um eine Parallelwelt voller „Urban Legends“, die Wirklichkeit zu werden drohen) ist davon nicht mehr viel zu merken.

 

Constantine bleibt eine Randfigur, die den düsteren Bedrohungen um sie herum zwar entgehen, sie aber nicht wirklich aufhalten kann. Er lässt sich missbrauchen und hereinlegen und sein größter Beitrag im Kampf gegen das Böse ist es am Ende, wenigstens seinen eigenen Kopf aus der Schlinge gezogen zu haben. Constantine muss in den Vorgängerbänden ja wirklich schreckliches Elend durchlitten haben, damit das als Wende zum Besseren durchgeht.

 

Back to the roots

Nicht, dass dadurch das Lesevergnügen getrübt würde, im Gegenteil: Die durchaus einfallsreichen, gut geschriebenen und mit dem richtigen Maß von  Brutalität und Düsternis versetzten Stories leben geradezu davon, dass der Titelheld am Ende nicht als strahlender Sieger da steht. Constantine ist eigentlich (nicht unähnlich seinem bis hin zum Kleidergeschmack mit identischen Lastern ausgestatteten Comic-Kollegen Inspektor Canardo) ein klassischer Film Noir-Held, nur dass seine Geschichten neben Verbrechen auch noch Magie, Monster und Untote enthalten.

 

Die Zeichnungen des bereits bewährten Leonardo Manco fügen sich bestens in den etablierten Stil der Serie ein, erinnern im besten Sinne an die Anfänge der Serie in den 80ern, manchmal aber auch an Steve Dillon (den Stammzeicher vom späteren Preacher-Autor Garth Ennis, der eine Weile lang wirklich neue Facetten der Figur  Constantine ausgelotet hat) oder an einen sehr gebremsten Todd McFarlane.

 

Man fragt sich also einfach nur, warum so ein Gewese um den „Neuanfang“ der Figur gemacht werden muss, wenn man am Ende doch lediglich jenen Status Quo bedient, der vor einiger Zeit die große Qualität der Serie um den zynischen Magier ausgemacht hat.  Die Stories, die in Spritztour abgeliefert werden, sind textlich und zeichnerisch solide bis richtig gute Arbeit und genau das, was man bekommen möchte, wenn Hellblazer draufsteht – egal, was John Constantine jetzt unter seinem Mantel anhat.

 

Ein wenig schade ist es allerdings auch, dass der ohnehin überlange Band mit einer weiteren Geschichte „abgerundet“ wird, die offensichtlich den Auftakt zu einem ganz neuen Zyklus um afrikanische Magier darstellt. Die Geschichte an sich ist zwar super, aber man hätte ruhig auch genug Vertrauen in die Qualitäten dieses Bandes haben können, um einen neuen Mehrteiler auch in einem neuen Band beginnen zu lassen, anstatt die Leser darüber hinaus noch mit einem Cliffhanger an sich zu binden. Wenn die Autoren und Zeichner so gute Arbeit abliefern wie in diesem Fall, sollten solche Sperenzchen eigentlich unnötig sein.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Vorschlag zur Güte

Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Ecce Homo

»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...