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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:13

Riad Sattouf: Meine Beschneidung

09.06.2011

Einschneidende Erlebnisse

Mit Meine Beschneidung lässt der teilweise in Syrien aufgewachsene Franzose Riad Sattouf seine Leser an einem Abschnitt (s)einer Kindheit teilhaben – und zeigt durch seine subjektiven Schilderungen beiläufig objektive Missstände auf. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Der kleine Riad steckt in der Klemme: Nicht nur, dass er als einziger Junge in seinem syrischen Dorf blonde Haare hat, nein: er hat auch noch einen Pimmel, der wie ein Rüssel aussieht, und nicht, wie bei seinen Cousins, wie ein Champignon. Kein Wunder, dass er gehänselt wird; immerhin liegt aufgrund dieser Unzulänglichkeiten der Verdacht nahe, dass er vielleicht ein Jehuda ist – ein Jude. Und als solcher hat man es nicht leicht: Jeder weiß, dass Jehudas mit ihren Müttern schlafen, das lernt man ja in der Schule.

 

Zu allem Überfluss eröffnet ihm sein Vater auch noch, dass er ihn in drei Monaten beschneiden lassen will. Was genau sich hinter dem Wort verbirgt, erfährt Riad nicht. Auch sein Lehrer ist ihm dabei keine Hilfe, im Gegenteil: Wo die Prügelstrafe an der Tagesordnung ist und auch vor Stockschlägen ins Gesicht nicht zurückgeschreckt wird, gibt es – im Gegensatz zu einer landläufigen Behauptung – sehr wohl dumme Fragen.

 

Banges Warten auf die Klinge

Von seinen Freunden erfährt er dann, was es heißt, beschnitten zu werden: Man schnippelt ihm die Haut vom Pimmel ab, vielleicht auch ein Stück vom Pimmel, so genau weiß das keiner mehr. Auf jeden Fall bedeutet eine Beschneidung, dass man – so wie Conan, der Barbar, das große Vorbild von Riad und seinen Freunden - »das Rad der Schmerzen ertragen muss«. Das schüchtert einen natürlich ganz schön ein. Nachdem ihm sein Vater aber als Belohnung einen Spielzeugroboter verspricht, stellt sich Riad der Herausforderung. Immerhin wird er dann, wenn er erst beschnitten ist, als richtiger Mann und aufrechter Syrer ernst genommen werden. Zumal der versprochene Spielzeugroboter so groß ist, dass er bestimmt Israelis umbringen kann – wozu sollte er denn sonst da sein?

 

Der in Paris geborene Riad Sattouf ist in Algerien, Libyen und Syrien aufgewachsen. Inzwischen lebt er wieder in Frankreich, wo er sich als Comic-Zeichner, Synchronsprecher und Regisseur verdingt. In Meine Beschneidung steht das titelgebende religiöse Ritual steht im Mittelpunkt, genauer: die bangen Wochen, in denen sich Riad um sein bestes Stück sorgt, da er überall nur auf Mauern des Schweigens stößt und keiner ihm sagen kann oder will, was sich hinter dem furchteinflößenden Wort genau verbirgt.

 

Diese Handlung dient Sattouf allerdings vor allem dazu, die traditionell streng patriarchalische Ordnung Syriens inklusive seines idealisierten Männerbildes sowie des institutionalisierten Antisemitismus zu kritisieren. Dabei verfährt er ziemlich schonungslos – der ungefilterte Blick des Jungen stellt die streng religiöse syrische Provinz als einen Ort bloß, an dem Härte und Grausamkeit sowie Unwissen und Doppelmoral bewusst aufrechterhalten werden.

 

Beschneidung als Aufhänger

Dadurch, dass Geschichte konsequent aus der Sicht eines kleinen Schuljungen geschildert wird, wird das Ganze satirisch auf die Spitze getrieben. Sattouf erzeugt einen harten Kontrast zwischen der schonungslosen Realität einer archaischen Gesellschaftsstruktur und dem spielerischen Umgang mit dieser von Seiten der Hauptfigur. Bei allem bitteren Ernst ist Meine Beschneidung eine lustige Geschichte – auch, wenn einem das Lachen manchmal im Halse stecken zu bleiben droht. Durch subjektive Eindrücke werden objektive Missstände aufgezeigt. Dies macht die Erzählung zu einer klugen Lektüre: Sattouf klagt nicht an – er macht den Schrecken durch Beiläufigkeit offensichtlich.

 

Einen waschechten Comic darf man allerdings nicht von Meine Beschneidung erwarten. Sattouf hat hier eher so etwas wie eine mit einfach gezeichneten Figuren illustrierte Erzählung geschaffen, die durch einen Fließtext und nicht etwa durch eine Panelstruktur konstruiert wird. Es handelt sich genau genommen um ein Prosawerk, bei dem sowohl die Dialoge als auch die inneren Monologe durch gezeichnete Figuren und Sprechblasen ersetzt worden sind. Das rückt den Band zwar in die Nähe von Comics, macht aber aus ihm keinen Comic. Was das sonst noch macht? Nichts. Denn egal, in welche Schublade man das Buch stecken möchte: Meine Beschneidung ist gut, seine Lektüre eine Bereicherung. Ganz einfach.

 

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