Marc Spitz: David Bowie
08.04.2011
Auf eine letzte Gitanes mit dem Thin White Duke!
Marc Spitz und sein persönlicher Blick auf David Robert Jones. Von STEFAN HEUER
Nicht wenige Menschen haben ein dunkles Geheimnis, das wie ein Schatten über ihrer Existenz liegt: einer am Rande der Altersarmut lebenden Omi die Geldbörse gestohlen, meine Nachbarn nicht nur zum Teufel gewünscht, sondern auch entsorgt; als Wahlhelfer bei der Stimmauszählung betrogen, sodass die Bundestagswahl wiederholt werden muss – nun ja, ganz so schlimm ist es bei mir nicht. Aber, ich gestehe es: Ich habe bei der Bravo angerufen! Nicht um mit dem Dr.-Sommer-Team zu sprechen, sondern um eine von David Bowie an seine Anhängerschaft gerichtete Nachricht zu hören. 1987 war das, sein geschmeidiges Album Never Let Me Down war gerade erschienen. Also den Telefonhörer direkt an den Kassettenrecorder und aufgenommen – an der Kassette nagt der Zahn der Zeit, aber immerhin: Ich habe sie noch.
Es sieht so aus, als wäre ich das, was man als einen »Fan« bezeichnet: In meinen Regalen befinden sich sämtliche Alben und Soundtracks (als LP, die meisten auch zusätzlich als CD mit Bonus-Tracks) und unzählige Singles. Zudem (in räumlicher Nähe) die Bücher: Neben Bowie In His Own Words, dem wunderbaren Moonage Daydream und der Sondernummer der Zeitschrift DU ist es ein gutes Dutzend Bücher über Bowie, die ich – wie alte Drei???-Kassetten – nahezu auswendig kenne. Entsprechend skeptisch war ich, als mir eine neue Bowie-Biografie zur Rezension angeboten wurde. Kann diese mit etwas wirklich Neuem aufwarten? Und woraus könnte dieses Neue bestehen? Schließlich liegt das Erscheinen des letzten regulären Studioalbums bereits eine beträchtliche Zeit zurück (2003, Reality). Sicher, Bowie gilt als unabdingbare Referenz für so ziemlich jeden Rock- oder Pop-Musiker. Auch die heutige Musikergeneration beruft sich beinahe ausnahmslos auf ihn – aber seinen eigenen künstlerischen Zenit mag er wohl doch überschritten haben. Und dennoch ein neues Buch über ihn?
Facts, Fiction, Frauengeschichten
Viele Musiker-Biografien beschränken sich – abgesehen von geringfügigen Ausschmückungen – auf die akkurate und chronologische Aneinanderreihung von Fakten sowie akribisch zusammengetragene Details: auf einzelne Songs und Alben, Start der US-Tournee im Jahre X, Chartplatzierung für LP Y. Das alles garniert mit den Namen von Band und Produzent und diversen Frauengeschichten, die bei einer Bowie-Biografie stets nur am Rande auftauchen können, da sie den Rahmen eines gebundenen Buches sprengen würden! Welcher Schwulengott sonst hat, nach eigener Aussage und fremder Bestätigung, mit über 5.000 Frauen geschlafen? Bei Schilderungen von Details dürfte dieses Buch nur noch unter dem Ladentisch angeboten werden.
Es gibt also Fakten, Fakten, Fakten: Über Kindheit und Jugend, über die erste Band und das erste Konzert, den großen Durchbruch uswusf. Und natürlich bringt auch Spitz diese Fakten und mit ihnen die (Erfolgs-) Geschichte, die man als Bowie-Fan ohnehin präsent hat: Die Wandlung vom Sänger einer unbedeutenden Band zum internationalen Solo-Künstler, die ersten Hits, Bowies große Zeit mit seinen »Spiders from Mars«, die im Juli 1973 mit der (selbst für Teile der Band, nur Gitarrist Ronson war angeblich eingeweiht) überraschenden Ansage »Not only is it the last show on the tour, but it is the last show that we will ever do – thank you!« endete. Dies jedoch lediglich das Ende von »Ziggy Stardust«, Bowies Alter Ego, von dem er noch lange glaubhaft versicherte, es sei mehr als eine Rolle und er selbst Ziggy gewesen. Weitere Figuren folgen, »Aladdin Sane«, später dann der »Thin White Duke«. Der ebenso heftige wie medienwirksame Flirt mit faschistoiden Ideologien Mitte der 70er, die im Schneesturm verdämmerte Zeit in Los Angeles (in der Bowies einziges Interesse den Männern galt, die mit Beuteln voll Kokain zu ihm kamen und sein Haus mit Geldbündeln wieder verließen …), die zur Überraschung aller das beeindruckende, kraftvolle Album Station to Station hervorbrachte.
Der Umzug nach West-Berlin, dem im Jahre 1977 mit Low und Heroes die beiden nach Ansicht vieler Kritiker wichtigsten und besten Alben in Bowies Karriere folgten (beide produziert und co-komponiert von Ex-Roxy-Music-Soundtüftler Brian Eno). Das nachfolgende Scary Monsters… als Versuch, songorientierter zu komponieren, 1983 dann der kommerzielle Höhenflug mit Let’s Dance. In der Folge Tonight und Never Let Me Down, zwei Alben, die als kreativitätsbefreites Zugeständnis an die EMI zu werten sind, deren großzügig dotierter Vertrag Bowie endgültig von allen finanziellen Sorgen befreite und in die höchste Liga des Business aufsteigen ließ. Bowie selbst war sich dessen bewusst und überlegte zu dieser Zeit, komplett mit der Musik aufzuhören, um sich zukünftig ausschließlich Filmprojekten und der Malerei zu widmen. Wie aus dem Nichts dann Ziegenbärte und Bikerboots, »Tin Machine«, eine 4-Mann-Band in recht klassischer Manier, die Bowies Pop-Hörerschaft mit Gitarrenlärm und bowie-untypischem Gesang verunsicherte (und größtenteils verprellte – was ich bis heute nicht verstehen kann, da beide veröffentlichten Alben großartige Songs zu bieten haben). 1995 1. Outside, dem leider keine Fortsetzung folgte, anschließend Drum’n’Bass, dann Reality.
Wenig Neues - viel Lesenswertes
Das alles wird erzählt – auf über 500 Seiten und in schönstem Hardcover. Ohne die ausführliche Schilderung der Etappen von Bowies musikalischer Karriere könnte eine Biografie natürlich nicht auskommen. Seine Unterstützung bei der musikalischen Reanimation eines Iggy Pop kann ebenso wenig fehlen wie seine Hochzeit und Scheidung von Angela, seine Kollaborationen mit Queen oder Lou Reed, die Geschichte seiner unterschiedlichen Augenfarben, der Selbstmord seines Halbbruders, der den Kopf auf die Schienen legte oder Bowies angeschlagene Gesundheit, die ihn dazu zwingt, seit seinem letzten Album kürzer zu treten.
Ich hatte es erwartet: Inhaltlich für einen Bowie-Fan wenig wirklich Neues, jedoch sind es zwei Begebenheiten, die dieses Buch dennoch zu etwas Besonderem machen. Erstens: Spitz verwendet relativ viele Seiten auf die Schilderung von Kindheit und Jugend. Während andere Musiker-Biografien frühestens bei der ersten LP in Schwung kommen und mit Geschichten vom aufblühenden Ruhm einsetzen, wird hier viel Feinarbeit geleistet. Die Familienverhältnisse, das soziale Umfeld der Familie Jones (David Robert Jones, so Bowies bürgerlicher Name), der Militärdienst von Bowies älterem Halbbruder Terry, aus dem dieser psychisch verändert heimkehrte. Bowies musikalische Sozialisation durch Little Richard und Elvis, seine frühe Begeisterung für den Film im Allgemeinen und James Dean im Besonderen. Und der zweite, mindestens ebenso wichtige Punkt, der dieses Buch zu einer angenehm zu lesenden und trotz der bekannten Fakten interessanten Biografie macht: Spitz erzählt nicht nur Bowies Geschichte, sondern vor allem auch seine eigene: die Geschichte eines Fans. Und er tut das so sympathisch, dass man ihn unverzüglich in einen Pub zerren und zum Guinness einladen möchte. Abgeklärt könnte er schreiben, er als Musikjournalist, der schon lange im Geschäft ist und im Laufe der Zeit so viele Stars ins Diktiergerät hat sprechen lassen. Stattdessen beginnt er sein Buch mit der Schilderung seiner ersten Begegnung mit seinem Idol: dem Tag, als er Bowie zufällig auf der Straße in New York traf und sich vor Aufregung beinahe in die Hose schiss – selbstverständlich, ohne sich als Fan zu outen, denn cool zu sein ist ja schließlich das Wichtigste!
In einigen Kritiken im Internet wurde bemängelt, dass der Autor der Biografie sich an einigen Stellen des Buches selbst zum Thema macht. Ich hingegen finde es nur schlüssig, wenn ein Fan mit Begeisterung schreibt und in manchen Passagen die journalistische Objektivität vermissen lässt. Fazit: ein angenehm unaufgeregt geschriebenes Buch, das zudem einige Fotos enthält, die selbst ich als langjähriger Bowie-Afficionado noch nicht kannte – für Fans ebenso wie für Neueinsteiger ein gefundenes Fressen! Danke!
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