Seltsame Allianzen
Personell bilden die Islamkritiker eine abenteuerliche Sammlung von Politikern vom rechten Flügel der drei Alt-Parteien, Atheisten mit geistlichen Beratern (Grell), Esoterikern, dogmatischen Kemalisten (Kelek), Verschwörungstheoretikern, Zionisten, Hassbloggern, Skandaljournalisten, Elitefeministinnen bei Bild (Schwarzer), jüdischen Verfolgten (Giordano), dem Bischof von Limburg und freikirchlichen Evangelikalen.
Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie auf einer extrem schmalen Quellenbasis argumentieren, dass ihre Quellen Verlautbarungen von Geistesverwandten, aus dem Kontext gerissen oder einfach nicht nachprüfbar sind und dass sie vereinzelte echte Missstände ins Gigantische verzerren, um daraus Massenphänomene zu konstruieren. So wurde aus einer missverständlichen Passage in der Urteilsbegründung einer Frankfurter Richterin im Jahr 2007 die heimliche Einführung der Scharia an deutschen Gerichten. Auf ähnliche Weise entstand aus Einzelfällen die epidemische Verweigerung des Sportunterrichts durch türkische Mädchen, Hunderte von Ehrenmorden, zahllose Zwangsheiraten oder auch das systematische Mobbing fast aller deutschen Schüler. Es versteht sich fast von selbst, dass die anstehende Verschwörung zur islamischen Machtübernahme in Europa (S. 242-245) nicht fehlt. Die Islamkritiker haben sich rhetorisch eine widerspruchsfreie Zone geschaffen, wo sie die Tabus der Political Correctness brechen und gegen den Meinungsterror der Gutmenschen als einzige die schmerzhafte Wahrheit verkünden. Politische und wissenschaftliche Gegner sind wechselweise naiv, bösartig, feig oder gekauft. Dialog ausgeschlossen. Alice Schwarzer musste ihren Anwurf »verdeckter Konvertit« gegen einen Erlanger Islamwissenschaftler allerdings zurücknehmen (S. 235). Nicht nur an dieser Stelle fallen strukturelle Parallelen zum Diskurs des Antisemitismus vor 1933 auf.
Der von diesen Damen und Herren dargestellte und »kritisierte« Islam ist, wie nicht anders zu erwarten, ein unveränderliches monolithisches System von Zwang, Eroberung, Frauenerniedrigung und Gewalt, das mit dem Grundgesetz und »unseren« Werten unvereinbar ist. Was nun mit den derartig unter Generalverdacht gestellten Musliminnen und Muslimen in Deutschland geschehen soll, dafür gibt es keine Antwort. Vorerst noch.