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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:14

Ingmar Bergman. Von Lüge und Wahrheit

24.03.2011

Camera Obscura

Das Wunder der bewegten Bilder kostete ihn teuer. Einhundert Zinnsoldaten zahlte Ingmar Bergman als kleiner Junge seinem Bruder für dessen Laterna Magica – Hexenkunst der Illusionsproduktion gegen einen Haufen Metall. Jedes Ding hat den Wert, der ihm beigemessen wird. Für den schwedischen Regisseur gab es wohl nichts Kostbareres als die Filmkunst. Eine umfassende Ausstellung im Berliner Film- und Fernsehmuseum sucht die Verbindungspunkte Von Lüge und Wahrheit in Werk und Leben des stilprägenden Autorenfilmers. Von LIDA BACH

 

Filmszenen, Drehaufnahmen, persönliche Fotos – ohne Texttafeln wären sie unmöglich voneinander zu unterscheiden. Ob der Weg an Kulissen vorüberführt oder biografischen Schauplätzen vermag der Betrachter, vermag mitunter die Ausstellung selbst nicht zu sagen. Unauflösbar sind Leben und Werk Bergmans ineinander verflochten. Der Versuch einer eindeutigen Trennung wirkt aussichtslos. Paradoxerweise wird gerade darin Ingmar Bergman. Von Lüge und Wahrheit dem Charakter des nicht nur bewunderten, sondern umstrittenen und verfemten Filmkünstlers gerecht. Die Grenze zwischen Drama und Dasein, so scheint es, hat Bergman bewusst verwischt. Wenn sie überhaupt für ihn existierte. Nicht den gravitätischen Großmeistern des Kinos fühlte Bergman sich verbunden. Die Schausteller und Komödianten aus dem fahrenden Volk waren seine Seelenverwandten.

 

Szene aus "Das siebente Siegel" Szene aus "Das siebente Siegel"

Aus dem Leben des Marionettenspielers

Schon als Kind führte der Sohn eines protestantischen Pastors Stücke Henrik Ibsens auf der Bühne seines Puppentheaters auf. Die Faszination mit Gaukelei, Scharlatanerie und Taschenspielerei spricht aus so unterschiedlichen Filmen wie Das siebente Siegel, Das Gesicht und Fanny und Alexander. Zauberkunst und unterhaltsames Blendwerk sind ein Gesicht eines Janushauptes, dessen Schattenseite Verleumdung, Selbstbetrug und Manipulation sind. Die authentischen Orte von Bergmans Leben erstehen in den Filmsets, durch die reale Charaktere streifen, die Sätze sagen, die – so scheint es beim Wandern durch die Räume – tatsächlich gesprochen wurden, die einander mit Stummheit begegnen, in der tatsächlich geschwiegen wurde.

 

Im Zentrum Von Lüge und Wahrheit steht gleich eines geheimnisumwitterten Mysteriums die Laterna Magica selbst. Laterna Magica betitelte Bergman seine Autobiografie. Ihr Auge sieht ein Zauberreich aus Licht und Schatten. Klar umrissene Formen verschwimmen, will man sie definieren. Tritt man näher an sie heran, wachsen die Bilder ins Überdimensionale. Gestalten werden zu Schemen, Schemen zu Schwärze. Bis Dunkelheit alles verschlingt.

 

La grande Illusion

Oder sind biografischen Szenen nur gestellt, die Familiengeschichte eine Vorführung, das ganze Leben nur ein Schauspiel, kongenial erdacht und vollendet von einem dämonisch-brillanten Regie-Geist bis hin zum Tod auf Faro? Bergman verfiel der spröden Schönheit der kleinen Nordseeinsel, auf der er nach Wie in einem Spiegel mit seiner Lebenspartnerin Liv Ullmann Persona und Schande drehte. Ein eigenes Kino hatte Ingmar Bergman auf Faro, seinem Zufluchtsort und Exil, wo er im Juli 2007 verstarb. Gab es für ihn eine essentielle Wahrheit, dann wohl die, dass ein Leben ohne Lebenslüge unerträglich ist.

 

Die Untrennbarkeit von Fiktion und Realität ist das Resümee der minuziösen Ausstellung. So gewählt und informativ Ingmar Bergman. Von Lüge und Wahrheit ist, führt die Ausstellung dennoch zu keiner tieferen Erkenntnis über den Regisseur. Die Sammlung gewährt einen An-, keinen Einblick. Werk- und Künstlerbiografie werden auf den Seziertisch gelegt. Das analytische Skalpell kratzt jedoch nur an der Oberfläche. Das Phänomen Ingmar Bergman lässt sich, wenn überhaupt, nur durch seine Filme ergründen. Denn die Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt.

 

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