Bindeglied zwischen süddeutscher und niederländischer Kunst
Die deutlichsten Spuren jener geradezu revolutionären altniederländischen Malerei trägt Witz’ Hauptwerk, der sogenannte »Genfer Altar« (signiert 1444): Auf ihm werden optische Phänomene künstlerisch umgesetzt, wie sie bis dato noch nie in Süddeutschland gesehen waren. Witz arbeitet mit mehreren Lichtquellen und bezieht auf illusorische Weise den Rahmen mit in die Schattenbehandlung des Bildfeldes mit ein. Das so entstehende Trompe-l’oeil trägt eindeutig die Handschrift des künstlerischen Vorbilds Jan van Eyck. Auch die zu jener Zeit nördlich der Alpen noch kaum gesehene Plastizität in der Figurenbehandlung macht diese künstlerische Verbindungslinie augenfällig.
Einen bedeutsamen Unterschied zur altniederländischen Malerei hingegen stellt das ausgeprägte Spiel mit Hell-Dunkel in den Bildwelten von Witz dar; hierin zeigt sich seine Experimentierfreude im Hinblick auf Licht- und Glanzeffekte, etwa bei der Darstellung von kostbaren Materialien wie Gold oder Edelsteinen – besonders aber bei der Inszenierung von Innenräumen, die dramatisch durch Kerzenschein illuminiert werden; oder in der meisterhaften Darstellung von Landschaften, wie sie etwa die Flügel des »Genfer Altars« zeigen – bereits in Witz’ spätgotischen Werken erobert hier eine neue Art von »Realismus« die Bildwelten.
Der künstlerischen Vielseitigkeit des Malers wird gleich in mehrfacher Weise Rechnung getragen: Neben unterschiedlichen Sujets (bei denen die religiöse Malerei aber den eindeutigen Schwerpunkt bildet) wird auch der gekonnte Umgang mit unterschiedlichen Bildgenera im Katalog deutlich: Neben Tafelbildern fertigte Witz auch Wandgemälde an, etwa den um 1440 entstandenen Totentanz des Baseler Predigerklosters; zudem weist seine Kunst vielfach thematische wie motivische Verbindungen zur Buch- und Glasmalerei auf. Dass ein so vielseitiger Künstler Schule machte, nimmt kaum Wunder: So wird im Katalog unter anderem auch auf die Rezeption des »Genfer Altars« im berühmten Stundenbuch Ludwigs von Savoyen verwiesen, das etwa 1445-1450 entstand und heute in Paris aufbewahrt wird.