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Reinhard Kleist: Castro

26.05.2011

Geschichte und Geschichten

Nach seinem Comic-Tagebuch Havanna begibt sich Reinhard Kleist erneut nach Kuba. Diesmal erzählt er die Geschichte Fidel Castros – jedoch ohne sich vom Mythos lösen zu können. Von SVEN JACHMANN.

 

Mit Castro beschreitet der Berliner Künstler Reinhard Kleist in gleich zweifacher Hinsicht bekannte Wege: Nach seinem vielfach preisgekrönten Band Cash. I see a darkness (2006) präsentiert er seine nunmehr zweite Comic-Biographie, dieses Mal gewidmet dem besagten kubanischen Revolutionsführer. Als flankierende Vorstudie könnte man zudem sein 2008 veröffentlichtes Comic-Tagebuch Havanna betrachten, in dem Kleist in Gestalt kleiner Portraits, Reflexionen und Impressionen seine Reise in die kubanische Hauptstadt dokumentiert.

 

In zu großen Teilen chronologischer Form samt Literaturapparat im Anhang zeichnet der Plot die Entwicklung Castros vom Widerstandskämpfer zum Staatsoberhaupt nach, beschränkt auf den Zeitraum des bewaffneten Kampfes bis zur Machtkonsolidierung und den sich anschließenden politischen Konflikten von welthistorischem Ausmaß. Als vermittelnde Instanz fungiert der fiktive deutsche Journalist Karl Mertens, aus dessen Perspektive die Figur Castro konturiert wird. Gleichfalls dient dieses Verfahren dazu, den Mythos Castro zu bannen – mit allerdings ambivalentem Ergebnis.

 

Denn auf der einen Seite ist Mertens die Rückversicherung, den aufgearbeiteten Wissensbestand nicht als Konstruktionsleistung zu vergessen. Durch ihn wird die Akribie der Fakten narrativ übersetzt, wie sich zugleich an ihm beweist, welche Wirkungen der politische und soziale Wandel in der Bevölkerung zeitigt. Die Aufbruchsstimmung der Revolutionszeit weicht einem repressiven Elend, das sich im Großen als struktureller Prozess ausdrückt, sozusagen als große Gewalt der Geschichte mit ihrem linearen Verlauf, und im Kleinen als individuelles Schicksal, in dem sich die Gewalt der Geschichte niederschlägt. Im Sinne eines chronologischen Verlaufs mag dies eine probate Methode sein. Die entscheidenden historischen Ereignisse sind berücksichtigt, die wechselhafte Entwicklung Kubas ist akkurat zusammengefasst.

 

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Castro als Ikone

Aber so sehr implizit in Mertens – der zu Beginn als Kriegsreporter den Freiheitskampf der Rebellen eher furchtsam begleitet, sich dabei aber zum regelrecht fatalistischen Anhänger Castros entwickelt – die Bedingungen des Mythos gebrochen werden sollen – beispielsweise wenn wir durch ihn indirekt erfahren, dass die Tauben dressiert sind, die sich während seiner Siegesrede um Castro platzieren –, so sehr streben die Panels wiederum zur Ikonisierung eines charismatischen Führers. Mit ein wenig zu viel Revolutionspathos in den Dialogen und einem Castro, dessen Gestalt sich geradezu schicksalhaft vor mit Gefangennahmen, brennenden Häusern und Bombardierungen gefüllten Hintergründen abzeichnet, kann sich auch die Erzählung selbst nicht von der Falle der Mythologisierung lösen – zu sehr laufen solche Bilder Gefahr, Entscheidungen zu Schicksal zu verdichten.

 

Als Galionsfigur ist Castro nicht nur unverzichtbar, sondern wird auch – und dies gänzlich ohne doppelten Boden – in einer Weise als Führungspersönlichkeit stilisiert, die jede Ambivalenz vergessen lässt. Zur Ikone hochgejazzt, wird er zur Projektionsfläche einer Revolutionsromantik, die Politik und Geschichte als ein Handlungsfeld von Entscheidungsträgern und Machthabern begreift. Gäbe es jene nicht als Zentrum, wäre die Ordnung eines solchen Erzählprinzips gefährdet. Würden die Figuren wegfallen und statt ihrer Prozesse, die gleichwohl widersprüchlich verlaufen können, in den Mittelpunkt rücken, bliebe von einer geradlinigen Erzählung nur wenig übrig. Am Ende bleibt also ein Faszinosum, das seinen Gegenstand zu demütig vermitteln und zu wenig sezieren will: Dafür ist ihm zu sehr daran gelegen, aus Geschichte Geschichten zu fertigen.

 

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