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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:15

Emmanuel Lepage/Sophie Michel: Oh diese Mädchen!

14.04.2011

Freundinnen fürs Leben

Emmanuel Lepage hat mit Oh diese Mädchen! Sophie Michels Erzählung einer großen Freundschaft als Comic umgesetzt. Dieser ist ein Einzelband, der das Angebot des für seine Genre-Comics bekannten Splitter-Verlags ein wenig abrundet. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Oh diese Mädchen! – wie ist dieser Titel wohl zu lesen? Soll er schwärmerisch ausgesprochen werden? So, als ob dieser Ausruf Momente mit dem weiblichen Geschlecht, an die man sich gerne erinnert, beschwört? Oder ist der Titel eine Unmutsäußerung, weil sie, also die Mädchen, wieder mal nerven?

 

Beide Lesarten funktionieren. Kein Wunder, denn wie könnte es auch das eine ohne das andere geben. Daneben könnte Oh diese Mädchen! allerdings auch noch als halb ausgesprochener, halb gedachter Ausruf dem Gedanken vorausgehen, dass es von Mädchen viel zu erzählen gibt. Denn wenn es das Leben ist, das die Geschichten schreibt, dann schreibt das Leben von Mädchen wohl die schönsten Geschichten. Und kaum hat man die letzte dieser Geschichten gehört, gibt es bereits wieder etwas Neues zu berichten.

 

Dass es viel zu berichten gibt, verrät auch das Cover dieser Graphic Novel. Es zeigt die Freundinnen Chloé, Leila und Agnès, ins Gespräch vertieft. Sie dürften so um die sechzehn, vielleicht siebzehn Jahre alt sein. Chloé, das Mädchen mit der tiefsitzenden Jeans, teilt ihren Freundinnen etwas mit, was diese mit ernstem Gesichtsausdruck zur Kenntnis nehmen. Ob etwas nicht in Ordnung ist? Doch was es auch ist, so schlimm wird es schon nicht sein. Denn immerhin haben sie sich ja noch gegenseitig. Und das schon, seit sie denken können.

 

Drei ungleiche Freundinnen

Der Comic lässt seinen Leser in knappen Kapiteln an einzelnen Etappen aus dem Leben der drei ungleichen Mädchen teilhaben. Man wohnt jeweils ihrer Geburt bei und verfolgt nach und nach ihr Älterwerden im Paris der Gegenwart. Lepage hat dafür ansprechende Bilder gefunden, die vor allem durch die gelungene, fein abgestufte Kolorierung punkten können. Kühlere Töne dominieren die Optik des Bandes, doch niemals das Geschehen; das Wechselspiel der Farben, in das bei Bedarf auch mal kräftigere Töne gestreut werden, weiß stets der Dramaturgie zu entsprechen.

 

Die Darstellung der Protagonisten ist dabei, gemäß dem Sujet, das den Alltag herkömmlicher Mädchen beschreibt, dem Realismus verpflichtet. Und die Panelstruktur gehorcht einem ziemlich strikten Muster, weswegen der Erzählfluss gleichmäßig und unaufgeregt bleibt. Die ganz wenigen Abweichungen, in denen die Struktur aufgehoben wird, zeigen dann z.B. Chloé beim Ballett, um das Energetische eines solchen Moments besser zu transportieren. Auch dass größere Panoramabilder neben die kleinen Panels montiert sind, ist eher die Ausnahme; so wird das Geschilderte, bei aller zwischenzeitlicher Turbulenz, mit angenehmer Ruhe vermittelt.

 

Der episodenhafte Aufbau, der jeweils kurze Einblicke in das Leben der drei Mädchen gewährt, sorgt natürlich dafür, dass sich die Geschichte an den üblichen Ups and Downs, die der Alltag von Kindern und Jugendlichen mit sich bringt, entlang hangelt. Die sich ständig ablösenden Momente von Freude und Trauer, von Erfolg und Hilflosigkeit werden von Lepage sensibel eingefangen, und es ist schön zu beobachten, wie die einzelnen Figuren nach und nach an Tiefe gewinnen. Auch mit sozialkritischen Untertönen, die über die Personen der Mädchen hinausweisen, wird nicht gespart. Doch leider holt einen bei der Lektüre schnell das Gefühl ein, dass bei Oh diese Mädchen! alles etwas zu typisch verläuft.

 

Typisch Mädchen?

Denn so verschieden die Mädels auch sind, so prototypisch ist jede von ihnen. Und dies ist dann auch der Wermutstropfen des Comics. Die drei Freundinnen sind leider ein wenig zu sehr Vertreterinnen der Gattungen »Einwandererkind, das früh lernt, stets besonders viel leisten zu müssen, um die verdiente Anerkennung zu bekommen«, »Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die trotz knapper Kasse liebevoll umsorgt wird« und »Vernachlässigtes Mädchen, das die fehlende Zuneigung ihrer reichen Eltern in beliebigen sexuellen Kontakten zu kompensieren versucht«.

 

So ist Oh diese Mädchen! insgesamt etwas zu glatt, um einem nachhaltig in freudiger Erinnerung zu bleiben. Und hierin besteht schließlich der Grund, warum es die kurzweilige Coming-of-age-Story nicht schafft, aus dem Gros der Veröffentlichungen herauszustechen.

 

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