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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:15

Oliver Hilmes: Liszt

22.04.2011

Musikbiographisches Junkfood

Mund- und termingerecht serviert Oliver Hilmes Liszt – Biographie eines Superstars. HANS-KLAUS JUNGHEINRICH hat einen Bissen gekostet.

 

Schon vor vierzig Jahren riskierte Ken Russel mit knalligen Musikfilmen, darunter Lisztomania, den Brückenschlag zwischen der noch jugendfrischen Popästhetik und »hochkulturellen« Sujets. Das glitzerndste Repräsentationsstück für diese Tendenz wurde Amadeus, besonders in Milos Formans Filmversion – grelles Pendant zu Wolfgang Hildesheimers krawattlkorrekter literarischer Mozartmonographie. Irgendwie rutschten die Gene Russels und Formans in die Person des damals entstehenden Musikschriftstellers Oliver Hilmes (er ist nämlich Jahrgang 1971) und besorgten da von langer Hand einen neuen  – bedenklichen  – Typus von Musikbiographik. Mit Alma Mahler-Werfel und Cosima, der Ahnfrau des Wagnerclans, hat Hilmes sich einschlägige Musik-Megären vorgenommen und zu thrillerartigen Bestsellern verwurstet. Vielleicht gebührt ihm der Ruhm, Schöpfer eines neuen Genres, des musikliterarischen Grusicals, geworden zu sein. Aus dem Umkreis der Bayreuther Dynastie lässt sich noch viel Mist herausfahren und midasmäßig zu Gold machen. Dies war wohl auch das Kalkül seines Liszt-Wälzers, den er mund- und termingerecht in dessen 200. Geburtsjahr 2011 serviert.

 

Man braucht aber nicht zu den Sternen Russel oder Forman zu greifen, um die banale Absicht eines auf Erfolg geeichten Autors zu deuten. Hilmes kennt die Tricks, wie sich ein mit seinen bedeutendsten Kompositionen eher spröder und im Halbschatten der Musikgeschichte stehender Künstler optimal verkaufen lässt. Als erstes muss dem biographischen Gegenstand ein appellatives Logo angeheftet werden, und so bekommt Franz Liszt bereits im Titel das Markenzeichen eines »Superstars«. Schon scheint die Wahrnehmung des heutigen Lesepublikums kurzgeschlossen mit dem Klangzauberer aus dem fernen 19. Jahrhundert. Das Genie eines elitären Musiklebens wird identifiziert mit dem Massenidol einer kommerziell funktionierenden Unterhaltungsindustrie. Diese aber kündigt sich in ehedem hysterisch angehimmelten Musikerfiguren wie Paganini und Liszt gerade erst an – immerhin war »Lisztomania« schon ein zeitgenössischer Ausdruck.

 

Die noch nicht einmal halb zutreffende Bezeichnung »Superstar« wird aber bei Hilmes zum Programm. Liszts Leben, das sich merkwürdig zusammensetzt aus palimpsestartig unverbunden scheinenden Stationen der Zurückgezogenheit und des gesellschaftlichen Glanzes oder Skandals, aus einer mehr und mehr lässig gehandhabten Karriere als Glamourpianist und der immer ernster genommenen Berufung zum kompositorischen Erneuerer, Förderer und Talentsucher (vor allem in der Weimarer Musikdirektorenzeit), aus Phasen erotischer Verstrickung in provokant unkonventionelle Beziehungen und solchen der mönchischen Askese und prononciert-theatralischen Heiligmäßigkeit – dieses so vielgestaltige und widersprüchliche Leben wird nur an einem Zipfel mit dem Begriff »Superstar« erfasst, und sicher nicht am interessantesten. Aber natürlich an dem, der sich mit den literarischen Mitteln eines Oliver Helmes am knackigsten darstellen lässt.

 

Oliver Hilmes
Foto: Maximilian Lautenschläger Oliver Hilmes
Foto: Maximilian Lautenschläger

Spektakelndes Ausschreien eines »Superstars«

Und so erfahren wir auf vielen Seiten die im Auf und Ab bewegten Beziehungsgeschichten mit den adligen Damen Marie d’Agoult und Carolyne von Sayn-Wittgenstein, aber auch viele periphere Amouren bis hin zu bizarren Histörchen mit liebeskranken und revolverfuchtelnden Schülerinnen. Die Freundschaft zu Richard Wagner erscheint als ein Inferno der halbkomischen Konvulsionen und Sensationen. Aus Franz Liszts recht plötzlichem Tod während der Bayreuther Festspiele 1886 quetscht Hilmes noch ein Höchstmaß an Dramatik heraus, nicht ohne die Liszttochter Cosima dabei als herzlos zu beschuldigen.

 

Das spektakelnde Ausschreien eines »Superstars« ist umso verhängnisvoller, als es den Blick auf die kompositorischen Leistungen Liszts nahezu vollständig verstellt. Für einlässliche Werkbeschreibungen nimmt sich Hilmes einfach keinen Platz mehr. Wahrscheinlich befürchtet er, den avisierten eiligen Leser eines geplanten Bestsellers (immer werden deren Leser als »eilig« imaginiert, obwohl man ihnen andererseits ohne weiteres Schwarten von vielen hundert Seiten zumutet) damit zu langweilen. So schreibt er von einem Hauptwerk wie der Faust-Symphonie lediglich in ein paar Zeilen, die noch nicht mal einen leisen Hauch von der Essenz dieses Stückes mitteilen. Kein Indiz auch für das Einmalige der h-Moll-Klaviersonate. Der ganze immense Werkblock der Symphonischen Dichtungen, einer Jahrhundert-Kreation, wird in einem pauschalen Aufwasch abgehakt, und dabei fehlen sogar wichtigste Titel der einzelnen Tonpoeme.

 

An mangelndem schriftstellerischen Geschick liegt das wohl nicht; gelegentlich sticht eine Formulierung heraus, die auf nähere Werkanalysen aus Hilmes’ Hand neugierig macht, doch dann geht es gleich wieder zur nächsten »superstar«-notorischen Klatschnummer. Hilmes fabuliert überwiegend so, wie man es in einer Werkstatt zur planmäßigen Hervorbringung von Bestsellern gelernt haben könnte: leicht, locker, lecker, im angeregten und niemals überladenen, vor allem nicht überfordernden Plauderstil. Schon das Prolog-Einleitungskapitel ist reinstes Junkfood. Mit dem Anmerkungs- und Quellenapparat (eine Zeittafel fehlt freilich) geriert sich das Buch als »seriöse« Biographie wie die Musikerbücher von Martin Geck oder Peter Gülke. Doch Hilmes’ Superstar ist – als aus- und abschweifende Lebensbeschreibung ohne längeren Blick auf die Musik – nicht mehr als ein ärgerlicher Hinkemann. Eine vertane Chance im Lisztjahr.

 

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