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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:15

Annette Zoch: Neben der Spur

29.04.2011

Ein netter Versuch

Der Untertitel Das Fahrradhasserbuch deutet an, worum es geht: Da will Annette Zoch witzig bis amüsant auf die Fahrradzunft eindreschen – die ach so bösen Radler werden von ihr aufs Korn genommen. Ein echter Radler hat Neben der Spur für uns entdeckt. Protokoll: FRANK KAUFMANN

 

Fahrradfahren ist was Tolles – und Lesen auch, denkt unser Radler und radelt zur nächsten Buchhandlung seines Vertrauens. Die neuesten ökologischen Ratgeber kennt er schon alle, aber unter der Rubrik Neuerscheinungen wird er sogleich auf ein schmalbrüstiges Büchlein aufmerksam, das sich durch seine bunte Erscheinung geschickt in Szene setzt. »Kauf mich!« scheint es zu rufen, und: »ich möchte ein wenig provozieren«. Na klar, denkt er, also wird es eingeladen. Außerdem ist sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite ein Radler abgebildet. Schon auf dem Weg zum Fahrrad schwant ihm Böses. Stand da nicht im Untertitel Das Fahrradhasserbuch? Doch unser Radler versteht Spaß. Und die Lektüre wird sicherlich ganz witzig, denkt er.

 

Also fährt er in den nächsten Biergarten und bestellt sich ein schönes Hefeweizen. Aber schon beim Vorwort stockt ihm der Atem. »Bei 12,6 Prozent der Unfälle war der Radler betrunken« liest er da und storniert seine Bestellung. Ohne Alkohol liest es sich eh’ besser, denkt er schließlich. »Das Fahrrad ist ein gefährliches und mysteriöses Gerät«, steht da weiter, und schlimmer noch: »Auf dem Fahrrad wird der Mensch zum Monster.« Oh je! Sollte er am Ende durch jahrzehntelanges Radeln zum Zombie mutiert sein, wovon er aber bislang nichts mitbekommen hat? Seine Frau und die Arbeitskollegen müssten das doch bemerkt haben … aber natürlich ist man ja nur auf dem Fahrrad das Monster, ansonsten ein ganz »normaler« Zeitgenosse. Wie bei Jekyll und Hyde eben.

 

Ordnung muss sein

Er liest weiter: »Zivilisatorische Grunderrungenschaften wie Rücksichtnahme, Empathie und Selbsterkenntnis sind mit einem Schlag von der Festplatte gelöscht.« Und die Autorin fragt besorgt: »Was passiert da mit uns? Aber: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Und deshalb gibt es dieses Buch.« Typisch deutsch geht’s also los, indem das Verhalten quer zur Ordnung untersucht wird. Ordnung muss sein, und ein Problem existiert nur da, wo das Chaos herrscht – so erscheint dem Radler das Motto klar vor Augen. Wenn der Mensch nur endlich Regeln befolgte, ja wenn nur, dann würde alles gut.

 

Weil die Aufzählung von Regelverletzungen der Pedalritter aber irgendwie so einen starren Unterton erzeugt und schnell langweilig wird, fährt Annette Zoch eine Radlertypologie auf, die gängige Klischees in Form und Farbe gießt. Hm, denkt unser Radler da, bin ich nun »Der Tugendradler«, »Der Naturbursche« oder »Der Profi«? Also, das »Tigerenten-Fahrrad-Mädchen« und der »Radl-Rentner« bin ich schon mal nicht, aber vielleicht der »Edel-Radler«, der schick mit Anzug und Krawatte abgebildet ist, und der die Zahnräder mit einer Zahnbüste reinigt. Der diesem in den Mund gelegte Text unter der Rubrik »Bevorzugte Autofahrerbeschimpfung« »Ey du, ich hol dich aus deiner Karre! Aus deiner … scheiß-schönen Silber-Metallic-Karre!« will allerdings gar nicht zu dem schicken Bild passen – und zu mir, denkt unser Radler, passt das auch nicht.

 

Klischees und Fahrradsteuer

So ist das eben mit Klischees. Sie wollen auf alles passen und passen dann doch auf nichts und niemanden, wenn man genauer hinschaut. Aber weil auf den großzügig gesetzten Seiten noch viel Platz ist, sind da noch die schön gezeichneten Bilder von Kai Pannen und die Zitate aus deutschen Zeitungen, mit Meldungen rund um die »Monster« auf zwei Rädern. Hier werden dann mächtige Geschütze gegen die Fahrradzunft aufgefahren. Das große Problem der Mitnahme von Fahrrädern im ÖPNV zum Beispiel, hässliche Fahrradständer, die unsere Innenstädte verschandeln, oder das leidige Thema Fahrradkuriere etwa. Das weiß auch Oma Meier, dass die immer so rücksichtslos fahren müssen.

 

Aber was muss unser Radler da schließlich verärgert zur Kenntnis nehmen? Er hat es ja schon erwartet, kann ja auch nicht anders sein, in einem Text, der zuweilen wie ein rhetorisches Pfeifen der Autolobby daherkommt. Natürlich: das Eintreten für eine allgemeine Fahrradsteuer – übrigens gelegentlich Thema der großen konservativen Partei Deutschlands. Recht und Ordnung braucht Regeln, die eingehalten werden müssen. Wo kämen wir da hin? Steuern und Fahrradkennzeichen müssen her, dann wird alles gut. Versprochen. Dann könnten die Monster auf zwei Rädern endlich in ihre Schranken verwiesen werden. Nach Darstellung der Autorin wäre die praktische Umsetzung dieses Ansinnens auch kein Problem, und auch die Bürokratie erhöhe dies keineswegs – einfach nur zahlen, das »Kennzeichen kommt per Post«.

 

Fazit aus dem Biergarten: Außer einem netten, manchmal sogar absolut witzigen Versuch, per se umweltschonende Radler in Misskredit zu bringen, kommt leider nicht ganz so viel dabei heraus. Das Aufzählen gängiger Klischees gegen Fahrradfahrer reicht als Mittel zur Selbsterkenntnis nicht aus. Der Frage nachzugehen, was mit Radlern tatsächlich im Inneren passiert, wenn sie auf dem Fahrrad sitzen und womöglich Regelverletzungen begehen, wäre tatsächlich sehr interessant gewesen, – so etwas sucht man aber vergebens. Der Versuch allerdings, der Fahrradproduktion ein Kohlendioxid-Problem zu attestieren, wo schon der Kraftzelle Mensch nichts vorzuwerfen ist, ist immerhin erstaunlich. Ein Glück, dass unser Radler das Büchlein nach dem dritten alkoholfreien Radler bereits ernüchtert und ein wenig genervt ausgelesen hat.


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