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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:15

Lewis Trondheim: Nichtigkeiten von Lewis Trondheim - Der Fluch des Regenschirms

21.04.2011

Regenschirme aus der Vogelperspektive

Da isser wieder, der Herr Trondheim – dieser Comic-Workaholic, der im gefühlten Wochentakt ein neues Album veröffentlicht! Nachdem er bei Carlsen kürzlich den ersten Spirou-Band seit Langem mitzuverantworten hatte, der seinem Genre-Begriff »Funny« alle Ehre macht, gibt’s jetzt auch bei seinem deutschen Haus-und-Hof-Verlag Reprodukt Frischpapier von Trondheim: Der Fluch des Regenschirms ist ein autobiographisches Sammelsurium von witzigen Momentaufnahmen, Geistesblitzen und Alltagsbeobachtungen. Von FLORIAN HOFFMANN

 

 

»Am Anfang war das ein autobiografisches Projekt, das ich nur für mich selbst weiterverfolgte. Ich wollte lernen, wie man mit Wasserfarben umgeht«, erklärt Trondheim die Anfänge seiner Reihe Nichtigkeiten, in der Der Fluch des Regenschirms als erster Band erscheint (in Frankreich steht bereits der fünfte Band in den Buchhandlungen). »Ich schaute mich um, welcher Stoff sich dafür anbieten würde, und fand ihn direkt vor meiner Nase! Also fing ich an, diese kleinen, einseitigen Geschichten aufs Papier zu werfen, damit ich ständig die Farbatmosphäre zu ändern hatte. Nach vier Monaten dachte ich, dass ich das Material als Blog posten könnte. Und nach einem Jahr, dass ich ein Buch daraus machen könnte.«

 

Eine gezeichnete Zeitmaschine

Dieses Projekt begann Trondheim schon vor gut fünf Jahren. Und so verschlägt Der Fluch des Regenschirms den Leser zurück ins Jahr 2006, in dem der französische Comic-Erneuerer beim Festival in Angoulême den Großen Preis erhielt – die renommierteste Auszeichnung, die in Comic-Europa verliehen wird. Auch das ist natürlich ein paar Seiten lang Gegenstand von Trondheims Nabelschau: Wie er überlegt, die Auszeichnung nicht entgegenzunehmen, weil er bereits im Zug nach Hause sitzt, als er von ihr erfährt. Wie er nach der Preisverleihung abends alleine durch die Straßen von Angoulême läuft, weil all seine Freunde bereits die Stadt verlassen haben. Und schon diese zwei Mini-Anekdoten zeigen, was Trondheim so sympathisch macht: Er ist kein Autor, der sich selber feiert oder gefeiert werden will.

 

Das Weniger, das mehr ist

Stattdessen sucht er in seinem Alltag nach den Momenten, die weniger gewöhnlich sind, sondern eher ein bisschen Poesie, etwas Großstadtabsurdität, ein Geistesblitz, ein auffälliger Zwangsgedanke. Die Freude, einen Regenbogen zu sehen, wenn man schon nicht mehr damit gerechnet hat; die sommerliche Häutung des Menschen, wenn er die lange Hose gegen Shorts eintauscht, die kindliche Freude, mit dem Lichtschwert des eigenen Sohns herumzuhampeln, als wäre man selber gerade zehn Jahre alt.

 

Licht aus - Spot an

Die Suche nach dem großen kleinen Moment im Alltag führt zu äußerst abwechslungsreichen 128 Seiten, die von den bei Trondheim üblichen vermenschlichten Tieren bevölkert sind. (Nur am Rand: Er selbst zeichnet sich dabei als Vogel – laut Eigenaussage hat er es auch mal mit sich als Hase und Katze versucht, aber es hätte einfach nicht funktioniert.) Die Aquarelltechnik, um deren Erlernung es Trondheim ja ging, setzt er dabei wie ein Theaterbeleuchter ein: Wie mit einem Scheinwerfer-Spot fokussiert er das in lockeren Vignetten über die Seite verteilte Geschehen in Farbklecksen, die, je nach benötigter Atmosphäre, fröhlich hell oder depressiv düster alles ins rechte Licht rücken.

 

Es gibt keine Ausreden mehr!

Ein bisschen leidet dieser Sammelband darunter, dass er ein Sammelband ist: Wer Trondheims Blog auf seiner Internetseite folgt, bekommt eben nur eine Seite auf einmal zu Gesicht und nimmt daher seinen Gedanken, seine Beobachtung, seine Idee einen Tag zur Reflexion mit. Doch wer das Buch in Händen hält, kann ja nicht anders, als die Seite sofort umzublättern und sich der nächsten Momentaufnahme zu widmen.

 

So bleibt nach dem ersten Lesen zunächst wenig von Trondheims Darstellungen hängen. Erst beim wiederholten Betrachten wird einem bewusst, welche Fülle an Pointen, schrägen Ideen, treffsicheren Alltagsbeobachtungen und sorgsam ausgearbeiteten Bildern er dem Leser beschert. Trondheim-Fans werden den Fluch des Regenschirms sicher schon im Regal stehen habe. Für alle anderen Comic-Leser, die bisher einen Bogen um Trondheims Schaffen gemacht haben, gilt: Es wird Zeit! Einen schöneren Einstieg in Leben, Werk und Gedankenwelt dieses Künstlers gibt es nicht.

 

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