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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:15

SZ-Bibliothek: Graphic Novels

28.04.2011

Für Liebhaber und solche, die es vielleicht nie werden wollten ...

Die Bibliothek der Süddeutschen Zeitung hat sich für eine neue Reihe nun auch des Mediums Comic angenommen. Anstatt wie dereinst die Bild-Zeitung möglichst querbeet durch dieses weite Feld zu trampeln, konzentriert man sich hier auf preisgekrönte Graphic Novels. BORIS KUNZ erklärt, warum das eine gute Entscheidung war.

 

Ich lese und sammle Comics, seit ich denken kann, und habe dabei weder vor den höchsten Höhen noch den tiefsten Tiefen Halt gemacht. Von den billigsten Bastei-Heften bis zu sündhaft teueren Werkausgaben im Schuber sind mir so ziemlich alle Sorten von Comics in die Finger gekommen, die man sich vorstellen kann. Doch bei der von der Süddeutschen Zeitung herausgebrachten Edition der Graphic Novels gibt es etwas, das habe ich bis dato noch niemals bei irgendeiner Comic-Publikation erlebt: ein Lesebändchen. So etwas haben nicht einmal die französischen "Intergral"-Wälzer, die schon mal eine komplette Comic-Reihe zwischen zwei Buchdeckeln zusammenfassen.

 

Die Tatsache, dass die Macher der SZ-Edition ihre Comics also mit einem Lesebändchen ausgestattet haben (ein Luxus, der nicht einmal der regulären Romanedition vergönnt war), ist keine unbedeutende Kleinigkeit, sondern verrät viel darüber, wie hier an das Thema Comic herangegangen wurde. Lesebändchen gehören nicht in die Welt simpler Kioskanschaffungen, sondern zu Bildbänden, die man neben dem Lesesessel liegen hat, die zu umfangreich  sind, um sie in einem Rutsch durchzulesen, und zu edel, um sie durch ständiges Herumfuhrwerken in den Seiten zu beschädigen. Und genau das sind die Graphic Novels der Süddeutschen Zeitung auch.

 

Die stabilen Hardcovereinbände, das einheitliche und schmucke Design, die hohe Qualität der buchbinderischen Verarbeitung und das erwähnte Lesebändchen: Schon die Haptik der SZ-Edition verspricht Lesevergnügen auf hohem Niveau (zu einem wirklich guten Preis, nebenbei bemerkt). Der Inhalt löst das Versprechen ein.

 

Comics als Fenster zur Welt

Die Auswahl der Graphic Novels ist gelungen und (fast) unbestreitbar stimmig, beschränkt sich allerdings durch die geringe Titelanzahl von nur 10 Stück doch mehr auf Klassiker und hat etwas weniger Platz für unerwartete Überraschungen, durch die z.B. die Cinemathek der SZ immer wieder punkten konnte. Trotzdem ist es möglich (ich bin das lebendige Beispiel) auch als langjähriger Comic-Fan noch keinen der ausgewählten Bände im Regal stehen zu haben –  auch wenn man sie natürlich zumindest dem Namen nach kennt. Den Einstieg bildet passenderweise Ein Vertrag mit Gott von Will Eisner, also jenes Werk, für das der Begriff „Graphic Novel“ erst erfunden worden ist, und auch Joe Saccos Palästina steht als erste offiziell so gehandelte „Comic-Reportage“ für einen Genre-Meilenstein. Waltz with Bashir und Persepolis sind aufgrund höchst populärer Verfilmungen die beiden „großen Namen“ in der Edition, die auch dem weniger comicaffinen Käufer signalisieren, dass er sich hier auf etablierte Kultur einlässt.

 

Die Edition tritt den Beweis an, dass Comics der Literatur in nichts nachstehen, sucht sich dafür aber auch explizit Sujets aus, die man klassischerweise eher in der Literatur vermutet, seien dies nun historisch angehauchte Kriminalromane, Künstlerbiographien, Reiseberichte oder autobiographische Erzählungen: Die Bezeichnung „Graphic Novel“ wird hier sehr ernst genommen. Nicht dass irgendeiner der Bände nicht auch ästhetischen Ansprüchen vollauf genügen würde, dennoch sind die (fast immer in schwarz weiß gehaltenen) Zeichnungen hier ganz deutlich zuerst Mittel der Erzählung, kein Eye-Candy. Die meisten der Comics basieren auf wahren Begebenheiten, meist selbst erlebt, sonst gründlich recherchiert oder sind zumindest einem Milieu entnommen, in dem der Autor und Zeichner (hier fast immer in Personalunion, also ein Auteur ) sich sehr gut auskennt. So funktionieren die Comics als Fenster in unsere reale Welt, als treffend beobachtete Milieustudie und als Schilderung von Lebenswirklichkeiten, nie ohne gesellschaftspolitische Relevanz.

 

Erstaunlich ist das Gefühl von Authentizität, dass sich durch sämtliche Bände zieht, nicht trotz, sondern weil die Wirklichkeit durch Zeichnungen abgebildet ist; das Subjektive, das sich etwa bei Dokumentarfilmen gerne als vermeintlich objektiv tarnt, ist hier im Medium schon mit enthalten und braucht nicht weiter thematisiert zu werden. Sieht man sich etwa Saccos Zeichnungen von den palästinensischen Flüchtlingslagern an, wird einem schnell klar, dass weder Beschreibung noch Fotografie die Beschaffenheit eines solches Ortes derart eindringlich und punktgenau hätten vermitteln können.

 

Reisender, kommst Du nach Paris...

Welche Welten also gibt es zu erkunden? Will Eisner zeichnet ein vielschichtiges, über das ganze vergangene Jahrhundert reichendes Bild seiner Heimatstadt New York, erzählt deren Geschichte anhand eines bunten Figurenensembles (Ein Vertrag mit Gott). Marjane Satrapi vermittelt uns hautnah und mit liebeswürdig naiven Zeichnungen, wie es ist, als Frau im kriegserschütterten Iran aufzuwachsen (Persepolis). Peer Meter und Barbara Yelin lassen anhand der Giftmorde der Gesche Gottfried ein düsteres Bild der Bremer Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auferstehen(Gift), während uns Guy Delisle anhand eigener Erfahrungen eher humorvoll den Blick eines Europäers auf eine chinesische Industriestadt beschreibt (Shenzhen).

 

Joe Sacco schildert mittels des genialen Einsatzes detailfreudiger Undergroundästhetik das Leiden des palästinensischen Volkes zur Zeit der Intifada (Palästina). Alison Bechdel und Jiro Taniguchi liefern (einmal mehr und einmal weniger autobiographisch) tiefgründige und unaufgeregte Familienportraits aus Kleinstädten (in Pennsylvania, USA oder Kurajoshi, Japan), deren Protagonisten einen stillen Kampf um die Erfüllung unterdrückter Träume und Sehnsüchte kämpfen (Fun Home / Vertraute Fremde). 

 

Reinhard Kleist vertritt mit seiner exzentrischen Johnny Cash- Biographie das erstaunlicherweise auch im Comic sehr beliebte Sujet der Musikerbiographie (Cash). Auch Waltz with Bashir, eigentlich „nur“ ein Sekundärwerk zu dem Zeichentrickfilm über die Kriegserinnerungen israelischer Soldaten, in dem die ursprünglichen Filmbilder noch einmal zu einer Comic-Erzählung montiert sind, steht entgegen meinen Erwartungen erzählerisch und graphisch den anderen Bänden der Edition in nichts nach. Fast allen Geschichten ist gemeinsam, dass auch Abgründiges mit Ehrlichkeit und beinahe leichtem Strich auf das Papier geworfen wird; sie alle müssen sich dabei weder Oberflächlichkeit noch Schwerfälligkeit vorwerfen lassen.

 

Einzig Jacques Tardis Blei in den Knochen wirkt im Vergleich dann eher wie eine „Graphic Short Story“, was nicht nur an der vergleichsweise geringen Seitenzahl von 94 Seiten liegt, sondern vor allem auch daran, mit wie viel großformatigen Bildern und wenig Inhalten Tardi diese Seiten füllt. Natürlich ist Tardi auf seine Weise ein Meister seines Fachs und seine Darstellung des Paris der 50er Jahre ist Eisners New York ebenbürtig – doch die Kriminalgeschichte, die sich in der Manier von Adeles ungewöhnliche Abenteuer in einem aberwitzigen Konvolut von Geständnissen unter vorgehaltenen Waffen auflöst, ist dann eben doch ein eindeutiges Phantasieprodukt und nicht mehr  aus dem Leben gegriffen.  Und nicht zuletzt ist Nestor Burmas Abenteuer auch der einzige Band, der spürbar einer ganzen Comic-Reihe entstammt,  und in dem auch auf Ereignisse aus einem vorherigen Album Bezug genommen wird.

 

Fabulierer müssen draußen bleiben!

Blei in den Knochen weist aber nicht nur über die Gebühr auf das Gesamtwerk seines Autors hin, sondern auch auf jene Seite der Graphic Novel, die in dieser Edition gar nicht vertreten ist und die doch eigentlich einen wesentlichen Teil des Mediums Comic ausmacht: das Phantastische, das Erfundene, das frei von der Leber weg Fabulierte, das seinen Realitätsbezug aus anderen Sphären als dem Dokumentarischen und Autobiographischen gewinnt. Magische Welten, Superhelden, SciFi, Steampunk, Abenteuergeschichten und Horror sucht man in dieser Edition vergebens – Künstler wie Moebius, Hugo Pratt, Alan Moore, Frank Miller oder Neil Gaiman, die alle auch Werke verfasst haben, die den ausgewählten Titeln auf küstlerischer Ebene in nichts nachstehen würden, haben keinen Eingang gefunden. Tardi hat sich gerade noch hineinmogeln können, weil zumindest seine Schauplätze authentisch sind.

 

Nicht, dass das unbedingt schlecht wäre. Die Auswahl der Edition ist in sich sehr stimmig und ganz klar auch für ein Publikum gemacht, das bei dem Medium bislang vielleicht Berührungsängste hatte. Ein geradezu ideales Geschenk nicht nur für Menschen, von denen man weiß, dass sie sich irgendwie auch für Comics interessieren, sondern vor allem für jene, denen man schon lange den Beweis erbringen wollte, dass Comics durchaus ernstzunehmende Kunst sind, die es mit Film und Literatur schon längst aufnehmen können. Die Edition zeigt eindrucksvoll, was mit den Mitteln des Comic bewerkstelligt werden kann - die Bandbreite des Comics in seiner ganzen Vielfalt wird allerdings noch nicht erkundet. Da wäre durchaus genug Potential für 10 weitere Bände. Da ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass die Lektüre der Edition durch ihr hohes Niveau große Lust auf Mehr macht.


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