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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:16

Gaiman / Bolton: Harlequin Valentine

14.07.2011

Es ist der Morgen des vierzehnten Februar, als ich mein Herz an Missys Haustür spieße...

Der siebte Band der Neil Gaiman Bibliothek präsentiert eine kleine, etwas verspielte und auch ein wenig blutige Harlekinade. Von BORIS KUNZ.

 

Ein Harlekin umtanzt unsichtbar seine neuerwählte Colombina: eine etwas unterkühlte Blondine namens Missy, der er sein Herz mit einer Hutnadel an die Haustüre gepinnt hat. Als Liebesgeschenk. Missy nimmt diese doch eigentlich recht verwunderliche Gabe mit pragmatischer Gelassenheit hin. Sie schnappt sich Küchenkrepp und Desinfektionsmittel, entfernt den blutigen Liebesbeweis von ihrer Türe, verstaut ihn in einem Gefrierbeutel und macht sich auf den Weg in die Stadt, um die Identität ihres eigentümlichen Verehrers zu erkunden.

 

Die Nüchternheit, mit der sie dabei zu Werke geht, steht in einem komischen Gegensatz zu den melancholischen Liebesschwüren, die ihr dabei - für sie unhörbar - vor ihrem Romeo aus der Zwischenwelt zugeflüstert werden. Schließlich kommt sie ihrem Verehrer auf die Spur - und das hat unerwartete Konsequenzen für alle Beteiligten.

 

Mehr darf man wirklich nicht verraten, sonst hat man die kurze Groteske auch schon komplett erzählt.

 

Amuse-gueule nach Art des Hauses

Neil Gaiman tut wieder einmal, was er am besten kann: Er bedient sich bei traditionellen Elementen des Geschichtenerzählens, in diesem Fall beim Figurenpersonal der Commedia dell´arte, fügt ein Quäntchen Magie und eine Prise seines düsteren Humors hinzu und kocht damit sein eigenes, meist recht schmackhaftes Süppchen.

 

Dann holt er sich einen ausgezeichneten Grafiker mit an Bord, in diesem Fall seinen Mitstreiter aus der Zeit der Bücher der Magie: John Bolton. Dieser hat die Geschichte in den für ihn typischen, fotorealistischen Malereien umgesetzt, mit denen er in diesem Comic einen ganz eigentümlichen Effekt erzielt: Obwohl die Figuren sehr realistisch wirken, obwohl die Hintergründe eindeutig als leicht verfremdete Fotografien zu erkennen sind, schwebt doch ein Hauch Surrealismus über allem.

 

Die Figuren scheinen sich nicht einfügen zu wollen in ihre Hintergründe, sie scheinen eher davor zu schweben, isoliert von dicken Umrandungen. Damit signalisiert Bolton noch einmal: Das hier ist ein Märchen, eine Etüde, ein kleines Kunststückchen, mit dem wir dem werten Publikum eine Weile lang die Zeit vertreiben möchten.

 

Zwei sympathische Gaukler

Gaiman und Bolton erscheinen einem selbst wie zwei Gaukler, die am Rande des Marktplatzes stehen, einem verschmitzt zuzwinkern, und es heute gar nicht darauf angelegt haben, einen mit falschen Versprechungen in ein düsteres Zelt zu locken. Sie zeigen einem ihre Tricks gleich auf der Stelle, und es genügt ihnen, wenn man kurz den Einkaufskorb abstellt, ihnen einen Augenblick lang zusieht, ihnen danach ein Lächeln schenkt und vielleicht eine kleine Münze in den dargebotenen Hut springen lässt. Eine kurze Nummer, locker, flockig und mit einem Hauch Schwermut, der der Geschichte gerade genug Gravitas verleiht, um einen nicht bereuen zu lassen, dass man stehengeblieben ist.

 

Mit dieser Attitüde kommt auch der Anhang des Büchleins daher, in der Gaiman das Figurenpersonal der Commedia dell´arte und ihre Herkunft erläutert, um anschließend ein paar biographische »Fakten« über seinen Zeichner und sich selbst loszuwerden, die genauso versponnen und gut erfunden sind, wie die vorangegangene Geschichte.


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