Die deutsche Ehefrau beschränke ihren Wirkungskreis auf die häusliche Umgebung und sei ein Mündel ihres Mannes, weit davon entfernt, ihm in einer gebildeten Konversation das Wasser reichen zu können, so das vernichtende Urteil der Comtesse Constance de Salm im Jahre 1826, drei Jahre, bevor Caroline von Humboldt stirbt. Die beiden Frauen sind sich zu ihren Lebzeiten nie begegnet, andernfalls wäre ihr Urteil über die deutsche Ehefrau zweifelsohne gemäßigter ausgefallen. Aber auch aus heutiger Sicht ist Caroline in allen Lebenslagen eine moderne Frau.
In der ständischen Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts war es in Adelskreisen unüblich, dass Frauen einen Beruf ausübten. Sie hatten, wie Constance de Salm bitter bemerkte, de facto ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Familie und die Haushaltsführung zu richten. Dieses Lebensideal galt nicht für Caroline von Dacheröden. Aufgewachsen in einer gutsituierten und aristokratischen Familie, in der der Geist der Aufklärung aufkeimt, wurde viel über Humanität, Weltbürgertum und die Gleichheit aller Menschen diskutiert. Der Vater unterstützte ihre Bildung mit ausgezeichneten Hauslehrern, welche sich von der schnellen Auffassungsgabe Carolines beeindruckt zeigten. So lernte sie fünf Sprachen, erhielt Klavier- und Zeichenunterricht und spielte Schach, ein Spiel, dem sich seinerzeit nur die Männer widmeten. Sie bestimmte selbst über ihr Leben und veröffentlichte schon als junges Mädchen Rezensionen und Übersetzungen.
Als sie 22-jährig Wilhelm von Humboldt kennenlernte, war sie es, die die Initiative ergriff und mit ihm den Bund der Ehe schloss. Acht Kinder gebar sie ihm, stillte sie selbst, sie war von Rousseaus aufklärerischen Schriften inspiriert, und wurde dafür misstrauisch beobachtet. Darüber hinaus legten sowohl Caroline als auch Wilhelm großen Wert auf eine Erziehung der Kinder durch die Eltern. Dennoch war die individuelle Freiheit innerhalb der Ehe für beide ein hohes Gut. »Sie in einem so engen Verhältnis wie die Ehe respektiert zu sehen, war das einzige, was ich bei dem Mann suchte, dem ich meine Hand geben wollte«, schrieb sie ihm, und selbst Wilhelm fand an dem Gedanken einer offenen Ehe gefallen. »Unsere Seelen waren füreinander geschaffen. Darum werden wir auch beide gerade in dem engsten Verhältnis die höchste Freiheit behalten. So werden wir jeder unsern eignen Pfad wandeln und werden uns immer gleich nah bleiben.« Getreu dieser Maxime lustwandelten beide auf fremden Pfaden und zeigten sich in ihrer vielfältigen Korrespondenz entschlossen, sich der gegenseitigen Liebe und Achtung zu versichern. Trotz der zahlreichen Affären beider Eheleute, die sie voreinander nicht verheimlichten, hielt ihre Ehe bemerkenswerte vierzig Jahre. Nur die zahlreichen Prostituierten, die Wilhelm brauchte, um seine »große Sinnlichkeit« ausleben zu können, verschwieg er. Hier zeigte sich, das Paar unterwarf sich nicht in die gesellschaftlich vorherrschende klassische Rollenverteilung.
Wilhelm quittierte gleich nach der Hochzeit seinen Dienst als Kammergerichtsreferendar, der seinen Begabungen, wie er fand, nicht gerecht wurde und bat seine Frau inständig, ihm zu raten, sich so bald als möglich davon zurückziehen zu können. Er widmete sich nicht nur der Ausbildung seiner Persönlichkeit, sondern ebenso umfassenden privaten Studien, bevor er Jahre später wieder in den preußischen Dienst eintrat und durch seine Bildungsreform von sich reden machte. Für ihn als auch für seine Frau waren ein hohes Bildungsideal, die Nobilitierung der Humanität, die Hingabe zur Kunst und ferner das bis dahin nicht gängige Einfordern von Gefühlen in ihrer Ehe von großer Bedeutung.