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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:20

Franz Overbeck: Erinnerungen an Friedrich Nietzsche

03.06.2011

Zeitgenössische Betrachtungen eines Unzeitgemäßen

Franz Overbeck war Nietzsches bester Freund. Nach dem Tod des Philosophen hat er seine Erinnerungen an ihn einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dies geschah 1906. Nun liegt diese Aufzeichnung zum ersten Mal als Buch vor. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Franz Overbeck (1837–1905) war Kirchenhistoriker und Professor für evangelische Theologie. 1870 wurde er als Professor an die Universität Basel berufen. Aufgrund seiner anti-theologischen Ansichten, die er in seinem 1873 veröffentlichten Buch Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie vertreten hat, verbaute er sich allerdings jegliche Chancen einer »anständigen« Professorenkarriere und hat, bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1897, über Jahrzehnte hinweg die gleiche Einführungsveranstaltung gehalten.

 

Auch wenn das wissenschaftliche Interesse an Overbecks Schriften nach seinem Tod, besonders in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, schließlich gewachsen ist – bekannt ist der Theologe heute vor allem als der beste Freund Friedrich Nietzsches.

 

Die Freundschaft zwischen den beiden, die fünf Jahre lang in demselben Haus in Basel wohnten, überdauerte auch den geistigen Zusammenbruch Nietzsches im Jahre 1888. Anders als Richard Wagner, Paul Ree oder Erwin Rohde blieb Overbeck ein Zerwürfnis mit Nietzsche erspart. Als nach Nietzsches Tod die von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche initiierte Verklärung und Verfälschung seines Nachlasses für das von ihr gegründete Nietzsche-Archiv losgetreten wurde, verstand Overbeck sich als notwendigen Gegenpol. Denn die »emblematischen Tiere«, die der Existenz seines verstorbenen Freundes wahrhaftig entsprochen hätten, seien, so notiert Overbeck einmal, eben diejenigen seines Zarathustra gewesen: Adler, Löwe und Schlange. Die Tragik seines Nachlebens aber bestehe darin, dass er einem zwitschernden Spatz ausgeliefert sei.

 

Eine Freundschaft, die bestehen konnte

Damit hat sich Overbeck allerdings eine ziemliche Bürde auferlegt: »Nietzsche war mein Freund; da darf man mir nicht zumuten, über ihn zu Gericht zu sitzen«, wird der Theologe in den einleitenden Worten seines Schülers Carl A. Bernoulli zitiert. »Aber mit sich selbst, am Schreibtische, hat er sich über Nietzsche unterhalten«, weiß Bernoulli zu berichten, der den zuerst – und einzig – 1906 in der Neuen Rundschau veröffentlichten Text auf den Wunsch Overbecks aus dessen Aufzeichnungen kompiliert hat. Ein gewagtes Unterfangen, das man als gelungen betrachten darf: Dem von Bernoulli in Form gebrachten Aufsatz merkt man es nicht an, dass er aus einem umfangreichen Konvolut (die 1999 veröffentlichte Werkausgabe umfasst knapp 300 Seiten an Notizen und Entwürfen) zusammengetragen wurde.

 

Overbecks Selbstgespräche über seinen Freund, die er für die Nachwelt auf Papier festgehalten hat, wollen nicht in den damals angestimmten Chor der Apologetik und Überhöhung einstimmen. Bei aller Liebe und Wertschätzung von Nietzsche und dessen Werk meißelt Overbeck seine Sätze dabei gleichermaßen mit dem Hammer wie Nietzsche seine späten Schriften. Dies allerdings nur im Vergleich zur damals vorherrschenden Lesart des Philosophen; Overbeck bleibt stets nüchtern im Tonfall, seine Worte wirken lediglich auf das Weimarer Nietzsche-Archiv erschütternd ein.

 

Eher Demontage als Demagogie

»Nietzsche war kein im eigentlichen Sinne großer Mensch. Kein einziges seiner Talente, so reich begabt er war, sicherte ihm an sich die Größe. Es sei denn das ungewöhnlichste dieser Talente, die Gabe der Seelenanalyse, die ihm denn auch, da er sie vornehmlich an sich selbst übte, so tödlich gefährlich wurde und ihn ›entseelte‹, lange ehe er starb.«

 

Mit diesen Worten beginnen Overbecks Erinnerungen. Innerhalb des Gros der Publikationen zum Menschen Nietzsche bildet der nach mehr als 100 Jahren wiederveröffentlichte, persönliche und ambivalente Text sicher eine Ausnahmestellung. Nachdem Giorgio Colli und Mazzino Montinari ihre kritische Gesamtausgabe ab 1977 herausbrachten und das Werk Nietzsches wieder in ein angemessenes Licht rücken konnten, trägt wohl auch Overbecks Portrait ein gutes Stück weit zur Erhellung des Themas Nietzsche bei.

 

Erhellend ist außerdem der enthaltene Aufsatz Beschreibung eines Kampfes von Heinrich Detering, der von der Entstehung des posthumen Nietzsche-Portraits handelt. Auf diese Weise komplettiert, ist das von Berenberg schön editierte Buch eine zwingende Anschaffung für das persönliche Nietzsche-Archiv.

 

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