Sehnsucht, Verlust und die Anziehungskraft des Flüchtigen sind die zeitlosen Themen von Das letzte Einhorn. Peter S. Beagles 1968 erschienener Fantasy-Roman und dessen kongeniale Trickfilmadaption von 1982 sind gleich ihrer gemeinsamen Titelkreatur Exemplare einer verschwundenen Gattung. Von dieser ernsthaften und hintergründigen Fantasy-Erzählung für Kinder, die sich mit Watership Down, The Plague Dogs oder The Secret of NIMH vergleichen lässt, kann der Comic nur eine Ahnung vermitteln. Von anhaltender Faszination ist allein die Sage selbst – vom Verleugnen, Verkennen und Verklären des Mythischen.
Unter seinesgleichen nimmt das Einhorn eine Sonderstellung ein als das einzige wohlwollende Fabeltier. »Sanfte Göttin« bedeutet der Name Amalthea, den der Zauberer Schmendrick dem Einhorn gibt, das er zum Schutz vor dem roten Stier in eine Menschenfrau verwandelt. Menschliche Emotionen geben dem Einhorn die Kraft, gegen den Stier zu bestehen, doch diese Kraft ist feindlich. Zorn zu fühlen besudelt das Einhorn und trennt es für immer von seiner Art.
Sie sei anders als alle übrigen Einhörner, sagt Beagles Figur nach ihrer Rückverwandlung, weil sie Liebe und Bedauern kennt. Wandert das Einhorn gleich Mondlicht durch die Nacht, erinnern die Szenen an Fantasy-Poster. Sentimentalität unterwandert auch Beagles Roman und dessen Verfilmung. Doch in beiden gibt es auch die Bitternis der verlebten Molly Grue, die Trauer König Haggards und die zentrale Erkenntnis von Altern und Tod.
»The old woman caught her by chance ... Oh, she should never have meddled with a real harpy! Or a real unicorn for that matter.« (Schmendrick, The Last Unicorn)
Die Emotionen des Einhorns beherrschen die letzten Bilder des Buchs. Als Comic wird Das letzte Einhorn weder den Glauben an Mythen anregen noch die visuelle Vorstellung der Hauptfigur und von Einhörnern prägen. Film und Roman werden nach dieser ernüchternden Version aber neue Leser gewinnen. Denn Magie lässt sich nicht kopieren. Sie wirkt nur, wenn sie aus sich selbst entsteht. Nicht einmal ein Einhorn kann sie künstlich schaffen: Keinen »echten« Magier kann es aus Schmendrick machen. Auch wenn der Comic ihm den übergroßen Hut eines Gandalf abnimmt, bleibt er ein trickreicher Schlemihl, dessen Augenwischerei deformierend und durchschaubar ist wie die Menschwerdung des Einhorns.
In Lewis Carrolls Alice im Wunderland trifft die Hauptfigur ebenfalls ein Einhorn. Immer habe sie geglaubt, Einhörner seien Sagengestalten, sagt Alice. »Wenn du an mich glaubst, glaube ich an dich«, schlägt ihr das Einhorn vor: »Ist das ein Geschäft?« Ja, das ist es. Das gleiche Geschäft, das der Comic mit dem Leser macht und die Wanderzirkus-Hexe Mommy Fortuna mit ihrem Publikum. Gillis und De Liz' Interpretation gleicht deren Chimären. Das Einhorn des Comics ist ein gewöhnliches Pferd, dem ein Horn aufgesetzt wurde: Symbol einer synthetischen Phantastik, die an der Überlegenheit ihres Zielobjekts zugrunde geht.