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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:22

Loïc Jouannigot: Waldi Wichtig und die Naseweise. Band 1: Der Geheimgang

23.06.2011

Eine etwas zu abgedrehte Parallelwelt

Mit Waldi Wichtig hat der Illustrator Loïc Jouannigot sich erstmals an einem Comic versucht. Obwohl er viel kann, hat er das Medium nach dem Urteil von ANDREAS ALT doch etwas unterschätzt.

 

Von Beginn an entfaltet dieser Comic einige Meisterschaft im Erzählen und in der bildlichen Inszenierung: In einer idyllischen ländlichen Gegend wird der Junge Voltaire von seinem Onkel in den romantisch zugewucherten Garten geschickt und entdeckt dort mit seiner Kusine und Sandkastenfreundin Céline ein Tor zu einer märchenhaften Parallelwelt, bevölkert von kleinen sprechenden Tieren. Dort lernen sie auch die Titelfigur, den exzentrischen Waldi Wichtig, kennen, der ihnen hilft, in ihre Wirklichkeit zurückzukehren.

 

Während die Story zu Beginn von verrückten Ideen übersprudelt, mündet sie in der zweiten Hälfte in eine halsbrecherische Flucht vor den schrecklichen „Roten Ratten“, einer Art Stasi, die die beiden Kinder festnehmen wollen. Der Handlungsbogen verläuft damit uneinheitlich: anfangs eher selbstverliebt und verspielt, später dann dynamisch auf das (vorläufige) Ende mit einem – natürlich kindgerechten – Showdown zusteuernd. Der vage angedeutete Konflikt zwischen dem guten König Tatüff (einer Schildkröte) und dem bösen Usurpator Cropius (der nicht in Erscheinung tritt) bleibt späteren Bänden vorbehalten.

 

»Für einen Erstling ein Meisterstück«

Voltaire hat sich, während er in der verrückten Tierwelt war, immer wieder Notizen gemacht, die er nach der glücklichen Heimkehr zu einem langen Bericht ausarbeitet. Sein Onkel, ein richtiger homme de lettres, will ihn als Buch verlegen und lobt seinen Neffen: „Für ein Erstlingswerk ist das ein Meisterstück.“ Dieses listig eingefügte Urteil wünscht sich Autor Loïc Jouannigot vermutlich auch für sich selbst. Denn der 1953 geborene Bretone ist zwar ein alter Hase als Illustrator von Kinderliteratur und als Mitarbeiter an Zeichentrickfilmen, Der Geheimgang ist aber sein erster Comic. Vorausgegangen ist ihm eine Bildergeschichte ohne Text namens Das Katzenschloss (im gleichen Verlag erschienen).

 

Das Album weist dann doch einige Mankos auf, die einem Anfänger wohl leicht unterlaufen – auch wenn es sich um einen fast schon 60-jährigen handelt. Die Schwächen liegen, wie bereits angedeutet, hauptsächlich im Bereich der Story. Der Band erweckt den Eindruck, als hätte Jouannigot frisch drauflos fabuliert, alle Ideen zu einer abgedrehten kindgerechten Fantasywelt, die ihm kamen, wahllos aneinandergereiht und sich dann erst überlegt, wie er seine Geschichte zu einem vernünftigen Ende bringen kann.

 

In der ersten Hälfte tauchen mehrfach Zitate auf: Die Reise in die Parallelwelt erinnert natürlich an Alice im Wunderland und die Begegnung von Voltaire mit den gerade in dieser Szene ziemlich kleinen Tieren an Gulliver. Obwohl der Autor das liebevoll umsetzt, ist die zweite Hälfte des Bandes dann doch überzeugender, weil die Verfolgungsjagd im Wohnmobil seine ureigene Schöpfung sein dürfte.

 

Ein Traum von einem Abenteuerspielplatz

Jouannigot ist ein geübter Zeichner; daher zögert man, seine Grafik zu bekritteln. Allerdings ist zweifelhaft, ob Kinder durch seine sehr anspielungs- und detailreichen Zeichnungen nicht überfordert sind. Jedenfalls sollte ein Comic in zügigem Tempo gelesen werden. Der Geheimgang erfordert aber, immer wieder innezuhalten und sich prächtige Panoramen genau anzusehen – insbesondere im Mittelteil. Bei der Parallelwelt haben wir es offenbar mit Räumen eines riesigen, verwinkelten Schlosses – einem Traum von einem Abenteuerspielplatz – zu tun, die alle durch intensives Betrachten erkundet sein wollen. Das ist letztlich eher ein Vergnügen für Erwachsene, die jedoch von der mitunter etwas ins Alberne abgleitenden, vielleicht auch zu harmlosen Handlung weniger begeistert sein werden.

 

Alles in allem zeigt Jouannigot mit seinem Comic-Debüt, dass er es auch auf diesem Gebiet zu etwas bringen kann. Das erfreuliche Urteil des Onkels muss nur leicht abgewandelt werden: „Für ein Erstlingswerk ist das ganz ordentlich.“ Dem Salleck Verlag gebührt Respekt dafür, dass er aus der überaus reichhaltigen französischen Comic-Produktion auch Arbeiten zugänglich macht, die nicht ins Programm der größeren deutschen Verlage passen und dem Leser sonst wohl vorenthalten blieben.

 

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