Ins Umschweifige und Redselige gerät Schwandts Darstellung gleichwohl nicht. Über das Leben des mit 36 Jahren früh verstorbenen Carmen-Komponisten gibt es anscheinend nicht allzu viel Aufregendes zu erzählen. Ein Leben der unermüdlichen Arbeit. Immerhin, ein unehelicher Sohn kann vermeldet werden, ein nicht unbedingt bürgerliches Familienleben. Bizet (1838-1875) lebte in bewegten Zeiten, doch mit politischen Äußerungen hielt er sich bedeckt. Auch wenig private Korrespondenz ist überliefert; Beurteilungen von Kunst sind selten und nicht sehr ergiebig. In allem ein Gegentyp zum Jahrhundertschwätzer Richard Wagner. Es wirkt empathisch, wenn Schwandt seinerseits lakonisch und sachlich-knapp diese Vita referiert und auch mit Werkerläuterungen sehr gezügelt umgeht. Enormes Hintergrundwissen und umsichtige Quellenausschöpfung werden auch so deutlich. Eine mustergültige Annäherung an einen Künstler.
A propos Carmen-Komponist: Besonders im schwungvollen Einleitungskapitel tut Schwandt viel, um diese Bezeichnung als Klischeevorstellung zu entkräften. In der Tat, Bizet schrieb Meisterwerke wie Arlésienne, Les Pécheurs de Perles, Jeux d’enfants, Djamileh und die frühe, wie ein Solitär in der Jahrhundertmitte stehende C-Dur-Symphonie (die ebenfalls »klassizistischen« Symphonien des etwas älteren Gounod geraten durch sie in den Halbschatten). Dennoch – das Ereignis Carmen überstrahlt das restliche Œuvre derart, wie es bei kaum einem anderen durch ein Haupt- oder Erfolgswerk präsenten Komponisten (man könnte an Humperdinck und sein Hänsel und Gretel, an Pfitzner und seinen Palestrina denken) der Fall ist.
Dass Schwandt die Carmen-Euphorie Friedrich Nietzsches als »Caprice« wegzuwischen versucht, will nicht recht einleuchten. Es handelte sich doch wohl um die ebenso dezidierte wie folgenreiche Abwehrbewegung eines am Wagnerüberdruss leidenden Mitteleuropäers. Versuch einer produktiven Negation: Richard Strauss vollzog sie seinerseits mit der Hinwendung zu Mozart. Furtwängler war das Gegenbeispiel eines so borniert in der deutschen Tradition Verwurzelten, dass er fast zwangsläufig einen Carmen-Dégout empfand. (Schwandt unterschlägt die feine Ironie nicht, dass Bizet, ein Repräsentant der »mediterranen« Musikalität, eigentlich nordfranzösische Wurzeln hatte).