Was war Gerücht, was war Faktum?
Diese wüste Mischung aus Geistes-Aristokratismus, Kleinbürgermief, antisozialistischem & antisemitischem Ressentiment, närrischer Tierliebe & Misanthropie hält für »das einzige, was zählt: nicht mittelmäßig zu sein«. Das war der Verächter der Französischen Revolution gewiss nicht; aber seine Originalität, die auf einem skrupellosen pragmatischen »Realismus« beruhte, mit der er seine »feigen«, »dummen« & »unredlichen« Landsleute verachtete, die »kultivierten & höflichen« deutschen Besatzer respektierte, ohne »auf deren gute Umgangsformen hereinzufallen«, war jedoch keine Garantie, nicht auch häufig selbst ebenso borniert wie ignorant zu sein, wenn er z.B. durchaus begrüßt, dass die Deutschen junge Franzosen zur Arbeit in Deutschland zwangsverpflichteten oder wenn er über »die Amerikaner« in einer Art & Weise räsoniert, die einem nationalsozialistischen Denken bis aufs I-Tüpfelchen entspricht.
Die Lektüre der von Hanns Grössel ausgewählten Notate in Léautauds schriftlichem Selbstgespräch ist gerade dadurch für einen heutigen Leser von beträchtlichem, widerborstigem, um nicht zu sagen gelegentlich ärgerlichem Reiz, weil der Diarist aus der beschränkten Perspektive & Reichweite seiner von Zensur & Desinteresse reduzierten Wahrnehmung seine Pariser Gegenwart auf seine skurril-arrogante Art kommentiert und dabei momentweise Einblicke sowohl in den intellektuellen als auch materiellen Alltag des von den Deutschen besetzten & des von Petain ed. al. in Kollaboration geführten Vichy-Frankreich gestattet.
So verhöhnt er alle jene Intellektuellen, die sich nicht wie er mit dem Status quo abgefunden hatten, sondern idealistisch als klandestine Widerstandskämpfer gehandelt hatten und von der Besatzungsmacht – mit der man ja einen »Waffenstillstand« abgeschlossen habe – verhaftet & nicht selten hingerichtet wurden. Er lässt es sich durchaus gefallen, vom Vichy-Erziehungsministerium noch im Mai 1944 eine jährliche Beihilfe von 8000 Francs anzunehmen (»Hätte man nicht bis zu zwölftausend gehen können?»), ist aber so klug, kurz darauf einen Preis abzulehnen, um sich nicht noch im letzten Augenblick öffentlich zu kompromittieren. Mit Vergnügen & Zustimmung aber liest er Nachrufe auf sich, die aufgrund einer Falschmeldung in der Vichy-Zone erschienen waren.
Léautaud »schreibt auf, was man erzählt. Ist es wahr? Ist es falsch? Ich weiß es nicht«. Aber wir heute wissen es – und da liegt die editorische Schwäche dieser atmosphärischen Aufzeichnungen von den wechselnden Stimmungslagen, Auspizien & Erfahrungen des absolut »coolen« Autors, der im Sinne Stendhals ein Egotist war.
Mag man in Léautauds Chronistenhaltung, vom »Hörensagen« sich bestimmen zu lassen, die des Herodot wiederauferstanden sehen, so sind jedoch die Ereignisse, von denen der Franzose berichtet, nicht in antiker Ferne geschehen, sondern liegen heute nur ein Halbjahrhundert zurück. Was ihm damals nur als Gerücht oder Propaganda zu Ohren kam, bei dem kann ein Historiker heute leicht Wahrheit von Unwahrheit oder Fälschung scheiden.
So wüsste man als deutscher Leser gerne, ob verschiedene Behauptungen Léautauds tatsächlich zutreffen oder er falschen Gerüchten seiner Zeit aufgesessen war – z.B. über große deutsche Verluste bei einer gescheiterten See-Invasion Englands oder über die angeblich mit Mann & Maus vollzogene heroische Selbstvernichtung der Französischen Mittelmeerflotte im von den Deutschen verminten Toulon.
Auch wüsste man gerne, ob das Poesiealbum, das Ernst Jünger seinen Pariser Jüngern Ende 1945 geschickt hatte und das diese Mitglieder der Donnerstagsgesellschaft, jeweils mit einem eigenen Gedenksatz & Namen versehen, dem Hauptmann a.D. zurückschicken wollten, ihn erreicht hat & möglicherweise unter seinem Nachlass zu finden ist.
Leider aber hat der Herausgeber offenbar weitestgehend nur die Anmerkungen der französischen Erstedition von 1954/66 übernommen, die wahrscheinlich noch nicht einmal mehr für einen heutigen französischen Leser ausreichend & hilfreich zu einem intensiven Verständnis der Zeit & ihres (Zerr-)Spiegels in Paul Léautauds Aufzeichnungen zum Zweiten Weltkrieg sein dürften.