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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:25

Moustafa Bayoumi: Mitternacht auf der Mavi Marmara

08.07.2011

Nacht über dem Mittelmeer

Am Morgen des 31. Mai 2010 schreckte Europa auf. Im östlichen Mittelmeer hatte es einen Überfall auf zivile Schiffe gegeben. Israelische Kommandos hatten die Hilfsflotte für Gaza gewaltsam gestoppt, dabei waren neun der Freiwilligen getötet worden und 54 zum Teil schwer verletzt. Moustafa Bayoumi, Dozent am Brooklyn College in New York und US-Bürger palästinensischer Herkunft, hat in Mitternacht auf der Mavi Marmara nicht weniger als 51 Beiträge gesammelt, die den Vorfall selbst und sein politisches und kulturelles Umfeld ausleuchten. Von PETER BLASTENBREI

 

Das Buch umfasst nicht nur viele Beiträge, diese bieten auch durchweg so substanzielles Material, dass es ungerecht wäre, einzelne davon herauszugreifen. So lassen die Berichte der neun Mitfahrer auf der Mavi Marmara mit ihren jeweils eigenen Erzählweisen gemeinsam ein umfassendes Bild von den Ereignissen entstehen. Kurz also der Ablauf: Der Angriff erfolgte mit äußerster Härte frühmorgens in internationalen Gewässern und zwar obwohl der Kapitän bereits Richtung Sinaiküste abgedreht hatte. Selbst wer mit nahöstlichen Verhältnissen vertraut ist, wird darüber erschrecken, dass einige der Toten bis zu sechs Schusswunden aufwiesen, andere durch einen Nackenschuss regelrecht hingerichtet worden waren. Die gefangenen Helfer mussten stundenlang ohne Hilfe, Wasser und Nahrung gefesselt in der prallen Sonne ausharren, während zwei Verwundete langsam verbluteten. Die Schiffe wurden schließlich nach Ashdod geschleppt. Die Gaza-Aktivisten wurden eingesperrt, teilweise weiter misshandelt und um Handys, Geld und Scheckkarten erleichtert (Henning Mankell: »verlogene Seeräuber«).

 

Das politische Umfeld

Israel hat sich dabei völkerrechtlich massiv ins Unrecht gesetzt, doch die Verantwortlichen wird man kaum je in Den Haag auf der Anklagebank sehen, denn das Land erkennt das Kriegsverbrechertribunal ebenso wenig an wie die USA. (Beiträge von George Bisharat, Ben Saul, Norman Paech, Annette Groth und Tanja Tabbara).

 

Um dem schlechten Eindruck in der Welt entgegenzuwirken, startete Israel sofort eine breit angelegte Desinformationskampagne, die mit Hilfe einschlägiger »Islamspezialisten« im Westen verbreitet wurde: die türkische Organisatorin der Hilfsflotille, eine seit Jahren tätige soziale Hilfsorganisation, war eine Terrororganisation, auf der Flottille fuhren leibhaftige al-Qaida-Kämpfer mit und die israelischen Angreifer hatten in Notwehr geschossen (Marsha Cohen).

 

Bei aller Absurdität solcher Anschuldigungen passen sie doch zu dem erschreckenden Realitätsverlust in der heutigen israelischen Öffentlichkeit, wo sich mit der traditionellen Opferattitüde zunehmend eine sozialdarwinistische Anbetung des puren Rechts des Stärkeren jenseits von Moral und Fairness verbindet (Moshe Zuckerman, Ilan Pappé, Henry Siegman, Lamis Andoni, Max Blumenthal, Raja Shehadeh).

 

Außer den israelischen Beiträgen sind es vor allem die aus den USA, die eher pessimistisch wirken. Die wohlbekannte außenpolitische Uninformiertheit der US-Öffentlichkeit ist mittlerweile in eine bestürzende neue Form von ideologischer Konvergenz eingemündet (»Alle sind gegen uns«), die eine Unterstützung Israels sogar jenseits der nationale Interessen möglich macht (Glen Greenwald, Juan Cole, Arun Gupta). Ein Umdenken lässt sich dort noch am ehesten bei der jüngeren jüdischen Generation feststellen (Norman Finkelstein, Daniel Luban).

 

Umfassende Darstellung

Die humanitäre Lage in Gaza, die solche Hilfsaktionen erst notwendig macht, ist weiterhin denkbar schlecht. Die abgedruckten Listen von erlaubten und verbotenen Hilfsgütern gleichen Dokumenten aus einem surrealistischen Roman. Das Aushungern dieses größten »Freiluftgefängnisses der Welt« hat dennoch Methode: die Brechung jeden Widerstandswillens bei den Palästinensern und ihre Reduktion auf willenlose Bewohner von Bantustans. Aber über diesem brennendsten Teilaspekt darf das Gesamtproblem Palästina nicht vergessen werden, zu dem auch die Westbank und die meist unbeachteten Palästinenser mit israelischem Pass gehören. Eine Abtrennung Gazas, übrigens auch ein Ziel der Blockade, würde jede Zwei-Staaten-Lösung unmöglich machen (Hanan Zoabi, Sara Roy, Organisation Gisha, Amira Hass, Nadia Hijab, Raji Sourani).

 

Der letzte Themenblock zeigt die praktische Arbeit und erste Erfolge der neuen Palästina-Solidarität. Die Sensibilisierung der Weltöffentlichkeit für die gefährdeten Grundrechte der Palästinenser, Sanktionen, Boykottmaßnahmen und Kapitalabzug aus Israel und die kontinuierliche Überwachung der Besatzungsbehörden durch ausländische Freiwillige sind die Ziele der hier vorgestellten Organisationen (Omar Barghouti, Adam Shapiro).

 

Repräsentierte die Hilfsflotte von 2010 mit ihren fast 700 Teilnehmern aus 36 Staaten die internationale Palästina-Solidarität materiell, so bildet sich diese Solidarität nicht weniger gut im multinationalen Autorenteam dieses Buches ab. Herausgekommen ist eine umfassende, hervorragend redigierte und äußerst informative Darstellung der Aktion selbst – eine Dokumentationsbeilage beschreibt Schiffe und mitgeführte Hilfsgüter und gibt den Opfern Namen und Gesicht – und all dessen, was für eine differenzierte Einordnung in größere Kontexte erforderlich ist. 33 der Beiträge waren schon einmal veröffentlicht, meist in schwer zugänglichen alternativen Zeitungen oder Blogs.

 

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