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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:25

Nine Antico: Coney Island Baby

28.07.2011

American Wet Dream

Anhand von Aufstieg und Fall zweier Stars des Erotik-Business zeichnet Nine Antico ein Portrait der amerikanischen Sexindustrie – und wie diese die öffentliche Wahrnehmung und Moral mitgeneriert. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Vom Tellerwäscher zum Millionär – der so genannte »American Dream« ist nicht nur Wunschvorstellung, er ist mehr denn je auch ein Ideal. Mit Vorliebe wird er über den Weg nach Hollywood verfolgt, auch wenn das Erreichen dieses Ziels für die meisten so gut wie aussichtslos ist. Aber man kennt das ja: There is no business like showbusiness.

 

Natürlich will der Satz zum Ausdruck bringen, dass das Showbiz für den Einzelnen, der sich in ihm behaupten möchte, die Möglichkeit bietet, zu singulärem Starruhm zu gelangen. Die Aussage, dass auf dem Weg nach oben das Gros der Anwärter gnadenlos verheizt wird, schwingt allerdings parallel dazu mit. Und auch auf seine einstigen Helden nimmt das Business keine Rücksicht – je kometenhafter der Aufstieg, desto rascher erfolgt der Abstieg, um es ebenso formelhaft auszudrücken.

 

The Business of Showing

Noch mal: There is no business like showbusiness. Da es sich beim Geschäft mit der Erotik wie kein zweites um ein business of showing handelt, trifft diese Formel auch und gerade hier zu. Zwar werden im Erotikbiz nicht gerade viele Menschen zu Stars, aber zahlreiche Versuche bleiben trotzdem nicht aus – zumal in den Augen vieler Sternchen, Möchtegerns und Gernegroßen die Produktionsfirmen der Schmuddelbranche als das Wartezimmer der großen Hollywood-Studios erscheinen.

 

Eine Frau, die beim vergeblichen Verfolgen einer Schauspielerkarriere den Umweg in die Sexindustrie eingeschlagen und es dennoch zu unsterblichem Ruhm gebracht hat, war Bettie Page. Diese Ikone des Pin-Up und Pionierin des Bondage gilt heute als Wegbereiterin der sexuellen Revolution. Sie und eine weitere Erotik-Größe, die sich in das kollektive Kulturbewusstsein einbrennen konnte, nämlich Linda Lovelace, der Star aus Deep Throat – der Film, der in den Siebzigern den Porno in den Mainstream gebracht hat – sind die Protagonisten in Nine Anticos biographischem Comic Coney Island Baby.

 

Page, die sich selbstbewusst und bereitwillig vor einen Karren hat spannen lassen, dessen Reichweite sie zu erkennen nicht imstande war, und Lovelace, die zugunsten ihrer Karriere sehr an Widerworten gespart hat, eint vor allem eine Sache: Nach ihrem raschen Aufstieg lernten sie schnell die Schattenseiten des Business kennen. Als die beiden ihr jeweiliges Karrierehoch überschritten hatten, blieb ihnen kaum mehr als Verbitterung.

 

Unterschiedliche Karrieren mit ähnlichem Ausgang

Anhand der Lebensläufe der zwei recht unterschiedlichen Damen stellt die 1981 geborene Französin Nine Antico in ihrer zweiten Comic-Veröffentlichung die Zweischneidigkeit des Erotik-Business dar – und wie sich dieses im Laufe der Zeit unter dem Blick der öffentlichen Moral, die sie gleichzeitig mitgeneriert, wandelt und entwickelt. Auf diese Weise wird die Sexindustrie selbst zum eigentlichen Protagonisten des Comics. Diesbezüglich war es auch eine gute Idee von der Autorin, keinen Geringeren als Hugh Hefner als Erzählerfigur zu installieren. Schließlich verkörpert dieser belächelte wie beneidete Mann wie kein zweiter die Ambivalenz dessen, womit er reich geworden ist. Entsprechend zwiespältig tritt er im Comic auf.

 

Festgehalten ist das Ganze in mit feinen Strichen geführten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, bei denen sparsam mit Interieurs umgegangen wird und Details oft ausgespart bleiben. Dadurch treten die Protagonisten sehr konzentriert in den Vordergrund, was die Handlung zügig voranschreiten lässt. Die Panels sind durchgängig abgerundet, wodurch der Eindruck vermittelt wird, dass man das Geschehen wie durch einen Fernseher oder Monitor verfolgen würde. Dies passt zum Dargestellten, da die Produkte der Erotikbranche mittlerweile ja vornehmlich auf diese Weise konsumiert werden.

 

Coney Island Baby will eher ein zeitgeschichtliches Portrait sein als eine Demontage, weswegen es nicht mit einer Abgründigkeit aufwartet, die z.B. Boogie Nights, P.T. Andersons filmischen Abgesang auf die Pornoindustrie, auszeichnet. Das macht aber nichts – clever konstruiert und hintergründig ist das rund 230 Seiten lange Werk allemal. Nicht umsonst wurde es beim diesjährigen Comic-Festival in Angoulême für das beste Album nominiert.

 

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