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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:26

Phantasie an die Macht - in der Galerie Stihl in Waiblingen

22.07.2011

Wo Agitprop positiv besetzt ist

Das Plakat ist das ideale Medium für bildende Kunst, die auf politische Wirkung zielt. Da gehen Form und Inhalt eine optimale Synthese ein. Wer agitieren, überzeugen, mobilisieren will, ist im kleinen Format ebenso schlecht aufgehoben wie im Museum oder in der Galerie. Er braucht die breite Öffentlichkeit und das grobe Raster, die Litfaßsäule, nicht die Documenta. Er will auffallen, Subtilitäten sind allenfalls Beigabe, auf den zweiten Blick zu entdecken, aber nicht der eigentliche Zweck. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

In der Galerie Stihl der Kleinstadt Waiblingen unweit von Stuttgart ist zurzeit und noch bis zum 25. September unter den Titel Phantasie an die Macht eine Ausstellung von politischen Künstlerplakaten zu sehen, die einen schönen, wenngleich nicht annähernd vollständigen Überblick über Propagandakunst des vergangenen Jahrhunderts anbietet. Denn es ist ein verbreiteter Irrtum, dass keinen ästhetischen Wert haben könne, was anderen als künstlerischen Zwecken dienen wolle.

 

Es entspricht zwar nicht einem strengen Verständnis von Kunst, die sich gerade durch ihre Zweckfreiheit, den Verweis auf sich selbst und nichts sonst definiert. Die ästhetische Funktion steht noch nicht einmal im Vordergrund, sie ist sekundär. Aber sie ist vorhanden, auch wenn die politische Motivation Vorrang hat, wie ja auch Gebrauchsartikel, etwa Bestecke, die in erster Linie dazu dienen sollen, Essen in den Mund zu befördern, eine ästhetische Dimension haben können.

 

Nur wer der romantischen Vorstellung nachhängt, dass Revolutionen von den Massen der Bevölkerung getragen werden, und nicht wahr haben will, dass viele Menschen erst von den Errungenschaften und den Plänen einer Revolution überzeugt werden müssen, wird sich darüber wundern, dass die großen Revolutionen der Weltgeschichte auch die Blütezeiten des politischen Plakats waren. In Russland, wo ein beachtlicher Teil der Bevölkerung 1917 noch Analphabeten waren, diente die Bildsprache der Plakate der Information und der Aufklärung. Dabei kamen sehr unterschiedliche stilistische Verfahren zur Anwendung. El Lissitzkys Schlagt die Weißen mit dem roten Keil von 1920 gehört zu den berühmtesten Beispielen politischer Propaganda mittels abstrakter Formen. Damit kontrastiert die karikaturenhafte Bildfolge von Michail Tscheremnych, die in der Ausstellung zu sehen ist, ein Exemplar jener ROSTA-Fenster, für die auch der Dichter Vladimir Majakovskij Beiträge geliefert hat.

 

Die Antikriegspropaganda und, nach 1933, der Aufruf zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus werden europaweit zu zentralen Themen des politischen Plakats in den folgenden Jahren.

 

In der Bundesrepublik hat es kein anderer Künstler auf diesem Gebiet zu solcher Prominenz gebracht wie Klaus Staeck mit seinen ironisch pointierten Fotomontagen. Nicht immer sind Staecks Plakate witzig. Zu den Olympischen Spielen in München 1972 kontrastiert der Schriftzug, der auf dieses Ereignis verweist, mit dem Foto einer Folterszene. Den schockierenden Gegensatz von verbaler Aussage und Bild instrumentalisieren auch der Iraker Adel Abidin in seiner Serie Welcome to Baghdad oder die Belgierin Marie-Jo Lafontaine, die neben dem Satz »Als das Kind noch Kind war« ein Kleinkind zeigt, das mit einer Pistole auf den Betrachter zielt. Hier freilich muss man als Mangel vermerken, dass Klaus Staecks überdimensionales Vorbild John Heartfield in der Ausstellung fehlt. Er ist für das politische Plakat, was Kandinskij für die ungegenständliche Kunst oder Marcel Duchamp für das Ready-made, einen Vorläufer der Pop Art ist.

 

In der Ausstellung sind auch Plakate von Künstlern zu sehen, die man in diesem Kontext nicht unbedingt erwartet: Niki de Saint-Phalle zum Beispiel, Antoni Tàpies, Alexander Calder, Andy Warhol oder Jasper Johns. Auch Friedensreich Hundertwasser ist mit seinen ökologischen und verkehrspolitischen Anliegen vertreten, wobei sich seine politischen Plakate formal kaum von seinen anderen, seinerzeit massenhaft reproduzierten Bildern am Rande des Kitsches unterscheiden. Im ökologischen Kontext taucht Joseph Beuys auf, der sich durchaus darauf besinnt, dass für politische Agitation andere Mittel tauglich sind als für Galerien, in denen eine gelangweilte Bourgeoisie nach den neuesten Reizen der Avantgarde fahndet. Nicht unbedingt erwartbar mag es sein, dass Joan Miró, Robert Rauschenberg und Keith Haring mit mehr Exponaten repräsentiert sind als manche Künstler, deren politisches Engagement legendär ist. Aber das mag am Zufall des Bestands des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe liegen, aus dem die Plakate der Schau stammen.

 

Wer es nicht nach Waiblingen schafft, muss sich mit der zweitbesten Lösung bescheiden, der Verkleinerung der allerdings farbenprächtig reproduzierten Plakate auf Buchformat. Jürgen Dörings Phantasie an die Macht. Politik im Künstlerplakat ist in München im Hirmer Verlag erschienen.

 

 

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