Seltsam ungleichgewichtig
Ein erhebliches Qualitätsgefälle der Einzelartikel ist die Folge. Die Beiträge zu Jemen, Saudi-Arabien und Syrien (mit einer offensichtlich erfundenen Anekdote am Schluss!) sind gut fundierte, kenntnisreiche und sachliche Analysen von Machtstrukturen, politischen und soziokulturellen Problemen, den oppositionellen Kräften und ihren Vorstellungen; mit einigem Abstand folgen die Artikel zu Tunesien und Ägypten. Wegen dieser Beiträge ist das Buch lesenswert. Alle anderen bieten leider allenfalls den chronologischen Ablauf der Ereignisse. Versuche zu Strukturanalysen kommen über das spekulative Herumkratzen an Oberflächenphänomenen nicht hinaus, wie man es aus der Tagespresse kennt. Verweise auf Stammes- und Religionskonflikte sind auch hier Symptome analytischer Hilflosigkeit. Wirtschaft wird überhaupt nur marginal thematisiert, die neoliberale Öffnungspolitik mancher Länder wird kaum je als Problem wahrgenommen.
Noch weniger kommen die Identitätskrisen vor, die ein bleischweres koloniales Erbe (Algerien) oder eine allzu unvermittelte Konfrontation mit den Auswüchsen des westlichen way of life verursacht haben können. Formel 1-Rennen in der Wüste oder die einzigen Whisky-Läden am Golf (im Fall Bahrains) sichern gewiss freundliche Beachtung in der organisierten westlichen Öffentlichkeit – aber was heißt das für die Bürger des Landes?
Irreführend und unhistorisch ist die Tendenz mancher Artikel, die Vorgänge in der arabischen Welt mit der Endphase der DDR 1989/90 zu parallelisieren, auch wenn man die grundsätzliche Parteinahme des Buches für die arabischen Oppositionen sympathisch finden mag. Vollends unmöglich aber ist, ein Zitat aus dem »Grünen Buch« Gaddafis so zu verdrehen, dass dieser als Rassist erscheint (S. 95). Tatsächlich hatte er die fehlende Familienplanung bei den Schwarzafrikanern konkret auf ihre miserable wirtschaftliche und soziale Lage zurückgeführt, nicht auf rassische Merkmale.
