Bruno Latour: Jubilieren
30.09.2011
»G«-Dienst zwischen Sehnsucht und Scham
Jubilieren. Über religiöse Rede heißt Bruno Latours Buch über die Sprachnot angesichts des Heiligen und die Gott- bzw. »G«-Suche des modernen Menschen. JOSEF BORDAT folgt ihm beim Versuch der religiösen Orientierung inmitten von Anfechtung und Zweifel.
Eigentlich ist alles klar in Brunos Welt: In der Kirche sind die Naiven, draußen die Spötter. Doch mit dieser Dichotomie beginnt zugleich das Problem: Bruno selbst will nämlich nicht naiv sein oder als naiv gelten, Spott bringt er aber auch nicht übers Herz. Daraus ergibt sich ein innerer Konflikt, eine Zerrissenheit. Bruno erzählt uns davon, in der dritten Person, die noch einmal von sich selbst Abstand nimmt. Brunos Credo: Bloß nicht festlegen.
Bruno ist Bruno Latour, ein französischer Soziologe, der sich bisher nicht publizistisch zum Thema Religion geäußert hat. Mit seiner Schrift Jubilieren wagt sich Latour also auf neues Terrain. Er reiht sich damit ein in die »Ich bin zwar nicht religiös, aber ich rede darüber«-Offenbarungen, die in den letzten Jahren unter Soziologen eine gewisse Konjunktur erleben. Am Ende ihrer Laufbahn entdecken sie, die »religiös Unmusikalischen«, die Religion als Thema; teils, weil diese im Postsäkularismus wieder wichtig wird (Habermas), teils aus ganz persönlichen Motiven, etwa um das, was bisher fehlte, zu ergänzen und damit ein Lebenswerk zum Abschluss zu bringen. Zu dieser letzten Gruppe gehört Bruno Latour.
Von Gott zu »G«
Damit kein Missverständnis entsteht: Natürlich ist Latours Buch keine Bekenntnisschrift und auch kein Andachtsbuch. Gott ist bei Latour nur noch das Sprachspiel »G«. Es geht ihm auch gar nicht um den Glauben, sondern um die religiöse Sprache, die tragischerweise verstummt, wenn jener Glaube verloren geht. Doch Latour will sie als solche untersuchen, um ihr Potential für unsere glaubensarme Zeit verfügbar zu machen.
Glauben und Religion zu trennen ist erst einmal analytisch nicht schlecht, geht aber letztlich am Phänomen des Religiösen vorbei. Religionslosen Glauben mag es geben (man denke an ein unorganisiertes Christentum, wie es Dietrich Bonhoeffer vertreten haben soll), doch glaubenslose Religion, die nicht ins Ideologische oder gar Totalitäre abgleiten will? Schwer vorstellbar. Doch genau sie, die glaubenslose Religion, ist Latours Zielgröße, ihr nähert er sich in bestem scholastischen Sic et Non. Ihr lässt der Soziologe seinen »Er«-Erzähler nachspüren – letztlich ohne Erfolg.
Der moderne Mensch vor der Gretchenfrage
Allmählich schält der Autor die vielschichtige Schutzhaut von der Seele. Das komplizierte Innenleben des modernen Menschen kommt ans Licht, eines verunsicherten, religiös sprachlosen Menschen, der im postsäkularen Spiritualitätsstrom mittreiben will, aber immer Angst hat, unterzugehen, sowie er zu tief in eine bestimmte Religion eintaucht. Die Suche dieses modernen, von organisierter Religion entfremdeten Menschen nach einer vertretbaren Religiosität ist nicht ganz frei von Tragik. Der moderne Mensch hängt zwischen traditioneller Kirchenbindung als kulturellem Habitus und der als Leistung des autonomen Verstandes gefeierten säkularistischen Transzendenzleugnung fest.
Er findet keinen wirklichen Halt in der Liturgie, die schon Kant für »unwichtig« hielt, braucht aber einen Bezug zu »etwas Höherem« (durchaus auch im Einklang mit Kant). Sein Verhältnis zur Kirche ist daher tief gespalten: »Hört er, was drinnen gesprochen wird, knirscht er mit den Zähnen, hört er aber, was draußen gesprochen wird, schäumt er vor Wut.« Entweder »wiederkäuen« oder »spotten« – dazwischen gibt es keinen Raum für einen vernünftigen Glauben, schon gar nicht, wenn sich dieser – so wie früher – in der Du-Beziehung entfaltet: »Die zweite Person Singular hatte eine Überzeugungskraft, die sie nicht mehr hat.« Die Kirche kann ihm also nicht helfen, sie ist zudem »nicht mehr verfugt.« Die Worte, die sie verkündet, »haben keinen Sinn mehr«.
Religiöse Sprache - und Sprachlosigkeit angesichts des Religiösen
In der Tat. Religiöse Begriffe werden im modernen Denken entweder ausgeklammert oder umgewidmet. Mit »Gnade« kann eine normzentrierte und ansonsten neidzerfressene Gesellschaft nichts mehr anfangen, mit »Sünde« nur noch im Hinblick auf Buttercremetorte. Die Diagnose gelingt Latour also ganz gut. Und die Therapie? Die muss scheitern, denn ihr ist keine Entscheidung inhärent. So bleibt es bei der Lauheit des Zwischenraums – ohne die Kraft, sich entweder für oder gegen eine konsistente Religiosität zu entscheiden. Das rastlose Kreisen um die immer wieder in sich zusammenbrechenden selbstgezimmerten Gedankengebäude vermag keine Lösung zu bringen. Schon gar keine Erlösung. Die Fragmentierung des Flickenteppich-Daseins setzt sich in dem fort, das eigentlich Orientierung und Stabilität geben sollte.
Arme moderne Seele! Ohne zur Ruhe kommen zu können, ist sie zwischen Baum und Borke gefangen und weiß nicht mehr ein noch aus. Schließlich bleibt ihr nur, die Bücher der alternden (Religions-) Soziologen zu lesen, um zumindest in den luftigen Höhen der Intellektualität Verwandte zu finden und den Geist der Beliebigkeit zu atmen, der sich dann etwa so ausdrückt: »Über Religion lässt sich nicht besser sprechen, wenn G. existiert, als wenn G. nicht existiert. Es macht überhaupt keinen Unterschied, denn darum geht es nicht.«
Um den heißen Brei
Es gelingt Bruno Latour hervorragend, stilecht und formvollendet um den heißen Brei herumzureden, sich niemals wirklich festzulegen, schließlich will er »weder denen ein Ärgernis geben, die den Glauben an den Glauben an ›Gott‹ für ihr wertvollstes Gut halten, noch denen, die den Glauben an den Unglauben an ›Gott‹ als ihr heiliges Recht erachten«. Das ist sicher nett, bloß: So wird das nichts. So kommt nicht mehr dabei heraus als eine ermüdend lange Abhandlung, die bis auf gelegentliche Zwischenüberschriften konsequenterweise gleich auf jegliche Struktur und Gliederung verzichtet und deren Ertrag nur darin besteht, exemplarisch aufzuzeigen, wohin das Diktat des Relativismus führen kann.
Insgesamt legt »er« also ein enttäuschendes (Nicht-) Bekenntnis zu »G« vor, das allenfalls in den kommunikationstheoretischen Gedanken zur Sprachkultur der Liebe überzeugt; Religion jedoch allein über die Sprache einholen zu wollen und dabei »auf das Gift Glauben zu verzichten«, muss hingegen scheitern, denn es unterbestimmt die rituelle Vielfalt des Religiösen, insbesondere die Bedeutung von Zeichenhandlungen, die jenseits der Mitteilbarkeit liegt (das ist ja der Grund, warum es sie gibt). Sprache ist nur ein Faktor von Religiosität, der sich nicht isolieren lässt, indem man auf störende Aspekte wie Gott und Glauben verzichtet. Die Ausdrucksform »religiöse Rede« gibt es nicht abgepackt zum Mitnehmen, ihr Sinn erschöpft sich nämlich nicht im erbaulichen Klang, sondern sie versucht, das Unsagbare zu sagen, im gläubigen, vertrauenden Blick auf Gott. Ergo: Religion lässt sich nicht filetieren, auch wenn das dreimal gewünscht wird. Es mag Menschen geben, die den Versuch, es doch zu tun, faszinierend finden und aus dem streckenweise belehrenden, dann wieder selbstmitleidigen Essay einen Nutzen für die eigene masochistische Ader zu ziehen vermögen. Ich gehöre nicht dazu.

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