Gute Muslime, schlechte Muslime
Diese Ratschläge sind richtig und zukunftsweisend, ein paternalistischer und eurozentrischer Grundton ist dennoch nicht zu überhören. Es geht um »unsere« Interessen und »unseren« größten Nutzen (denen nach Thumann mit Islam-Feindschaft eben nicht gedient ist). Interessen und Nutzen sind wirtschaftlich definiert, die sogenannte Globalisierung bietet allen nur Chancen und selbst die Gigantomanie der Golfmonarchen hat etwas bewundernswertes.
Umso deutlicher hörbar wird dieser Grundton, je (geografisch) näher der Autor dem Kern des westlich-arabischen Missverständnisses kommt, dem Palästinakonflikt. Die Kapitel zur Hisbollah im Libanon und zur Hamas in Gaza (nach einem kursorischen Gespräch mit ihrem Vertreter in Beirut) sind nicht auf der Höhe der anderen Kapitel. Denn trotz seiner Offenheit für nahöstliche Fakten gelingt es Thumann nicht, seine Befangenheit in der israelischen Sicherheitsdoktrin (inklusive Feindbild Iran) abzustreifen. Unverständlich bleibt ihm daher die zwangsläufige militärisch-zivile Doppelrolle der Hisbollah, unverständlich auch ihre ausgedehnte Infrastruktur – eigentlich nichts Ungewöhnliches für eine Konfessionspartei im Libanon.
Für Thumann setzt die große Islamangst des Westens mit dem 11. September 2001 ein. Tatsächlich begann die »wissenschaftlich« begründete umfassende Abwertung der islamischen Kultur recht genau datierbar im 19. Jahrhundert (Stichwort Orientalismus). Sie war die Begleitmusik zur europäischen Ausbreitung in den Orient, verstärkte sich massiv seit der Gründung Israels und schwoll schließlich mit der neokolonialen Wende 2001 zu einem wüsten Crescendo an. Die Zählebigkeit des Phänomens stimmt also eher pessimistisch.
Einige Kapitel weiter hinten im Buch weisen keinen erkennbaren Zusammenhang mit Thumanns Hauptthema auf – außer vielleicht den, dass nahöstliche Länder noch andere Facetten haben als die Religion. Sollte der Autor hier ältere Artikel zweitverwertet haben? Die pompöse Ausstattung der Anderen Bibliothek des Eichborn-Verlags schließlich kontrastiert seltsam mit dem tagespolitischen Charakter des Textes und bedingt leider auch den leserunfreundlichen Preis.
