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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:29

Leah Gordon: Kanaval - Vodou, politics and revolution on the streets of Haiti

08.09.2011

Aristokraten der Finsternis

Leah Gordons Fotoband entdeckt im Karneval von Haiti Voodoo, Politik und Revolution. Von SABINE MATTHES

 

Am 23. August 1791 opferte der Voodoo Priester Boukman auf einer der vielen Zuckerplantagen Haitis ein schwarzes Schwein für die afrikanischen Ahnen. In das Blut schrieb er die Worte »Freiheit oder Tod«, die später die Fahne Haitis zieren sollten. Die Zeremonie dieser Sklaven in dem abgelegenen Ort Bwa Kayman (Alligator Wald) gilt als Initialzündung der haitischen Revolution. Sie begannen ihre Herren zu töten, setzten die Plantagen in Brand und gründeten im Januar 1804 die erste schwarze Republik der Welt – die einzige Nation, deren Unabhängigkeit aus einem Sklavenaufstand hervorgegangen war. Der Rebellenführer und ehemalige Sklave Jean-Jacques Dessalines riss in einem dramatischen Akt das weiße Stück aus der blau, weiß, roten Trikolore der französischen Kolonialisten und erklärte, er reiße den weißen Mann aus dem Land – die roten und blauen Teile wurden zur haitischen Fahne zusammengeflickt. So beschreibt es Leah Gordon im Vorwort ihres faszinierenden Fotobands Kanaval – Vodou, politics and revolution on the streets of Haiti.

 

Voodoo als haitische Kultur

Da Religion das Einzige war, was die entwurzelten Sklaven aus Afrika mitnehmen konnten, wurde sie bedeutungsvoll mit Erinnerung, Geschichte und Verlust aufgeladen – Voodoo wurde haitische Kultur, Widerstand und Kampfmittel. Auch der Diktator Papa Doc Duvalier bediente sich in den 1960er Jahren dieser Kraft zum eigenen Machterhalt. Er infiltrierte das inoffizielle Netzwerk der Voodoo-Tempel mit Spionen, verpasste seiner brutalen Privatmiliz, den Tontons Macoutes, den blauen Stoff und das Halstuch von Papa Zaka, dem Voodoogeist der Bauern, und trat selbst häufig in Frack und Zylinder auf, wie eine Erscheinung des mächtigen Voodoogeistes der Toten, Baron Samedi.

 

Alle haben in Haiti eine tranceartige Beziehung zur Vergangenheit, auch wenn sie nicht an Voodoo glauben. Beim Karneval in Jacmel, einem künstlerischen Küstenort im Süden, wurde Haitis Geschichte alljährlich lebendig. Die Geister aus dem Voodoopantheon und die sich stets wandelnden Archetypen haitischer Politik und Gesellschaft erzählten ihre Geschichten in räudigen, wilden Kostümen – eine unheimliche Horde tollwütiger Freaks und Aristokraten der Unterwelt, die ihre bizarre Erotik und poetischen Zauber im Tageslicht der Altstadt zum Strahlen brachten. Nachdem das verheerende Erdbeben im Januar 2010 auch Jacmel zerstörte, wurde der Karneval abgesagt. Umso gespenstischer wirken jetzt die Schwarz-Weiß-Fotos von Leah Gordon, die sie zwischen 1995-2009 vom »Kanaval« in Jacmel gemacht hat. Wie ethnografische Zeugnisse einer sagenhaften mythischen Welt, eines verlorenen schmutzigen Paradieses, das der Mardi Gras jedes Jahr zur Hauptstadt des Surrealismus erblühen ließ. Das Magische und Tragische von Haiti, das Übermütige und Verletzliche, werden in den Bildern zu einer trotzigen Demonstration von Unbezwingbarkeit.

 

Der Voodoogeist des Waldes verkauft Heilpflanzen

Wenn Karneval allgemein die Umkehr der hierarchischen Ordnung bedeutet, wo Sklaven zu Herrschern und Priester zu Despoten werden, dann ist er die perfekte Metapher für Haitis wechselvolle Geschichte. Leah Gordon taucht in diesen bildgewaltigen Kosmos nicht nur als Fotografin und Filmemacherin ein, sie startete auch die Ghetto Biennale in Port-au-Prince und sammelte für den Bildband die persönlichen Geschichten hinter den Masken ihrer Protagonisten. Diese oral histories und die kulturanalytischen Essays liefern die anthropologische Erklärung zu den Kostümen. Ein Darsteller sagt, er spiele immer einen Indianer, weil er für die von den Spaniern ermordeten Tainoindianer eine so große Liebe empfinde, als wären es seine eigenen Ahnen. Mit drastischeren Mitteln wirbt »Papa Sida«, Father AIDS, beim Mardi Gras für sein Safer-Sex-Anliegen: Einmal trugen sie einen echten Aidstoten im Sarg mit sich.

»Makak« der Affe äfft die Zuschauer nach und die »Papa Banan« fegen als riesige Bananenblätter-Staubwedel über die Straßen, mit ihrem seltsamen kleinen Lied »Wir haben keine Streichhölzer, zünd uns an«. Der Voodoogeist des Waldes verkauft Heilpflanzen an die Voodoo Priester, während die Gruppe der »Pastoren« ihre Hymnen anstimmt und der rote Luzifer von zwei kleinen Engeln getötet wird.

Ein maskuliner Transvestit im silbernen Paillettenkleid lauert wie ein einsamer Panther auf seine Opfer, gesichtslos, mit Henkersmaske und Panamahut.

»Madame Lasiren« indes muss sich für Mardi Gras unter Frauenkleidern verstecken, da sie als einer der vielen Wassergeister einen Fischkörper hat. Die grotesken Militäruniformen der »Chaloskas«, mit riesigen Lippen und Büffelzähnen, basieren auf Jacmels brutalem Polizeichef Charles Oscar, an dem die Bevölkerung 1912 ebenso grausam Rache nahm – sie riss ihn in Stücke und verbrannte ihn.

Der »Chaloska«-Darsteller sagt, er habe diesen Charakter 1962 für den Karneval wiederbelebt – im Zuge von Papa Doc Duvaliers erstem massiven Wahlbetrug. Dazu erfand er die beiden Begleiter Master Richard, der mit seinem fetten Bauch die Korruption verkörpert, und Doctor Calypso, der als buckliger Alter die Gefangenen vor ihrer Hinrichtung untersucht. Die »Chaloskas« ziehen durch die ganze Stadt, bedrohen die Leute und sollen zukünftigen Oscars eine Warnung sein.

 

Auch der Penis hat nur ein Auge

Am schaurigsten aber sind die »Lanse Kòd« – kreolisch für Lassowerfer. Sie trainieren ihre Hypermännlichkeit in Schrottplatz-Gyms, lassen ihre Haut mit einer Paste aus Zuckerrohrsirup und Holzkohle zum Leuchten bringen und tragen schwarze Henkerskapuzen mit Augenlöchern und Stierhörnern. Dieser lassowerfende Mob von Höllencowboys verkörpert die Sklaverei und Befreiung. Sie schleichen sich an ihre Opfer heran, fesseln und schlagen sie, halb Tier halb Mensch, wie der mythische Lanse Kòd Djab. Dieser fängt seine Opfer bei Nacht vorzugsweise an Straßenkreuzungen ein, mit einem Lasso aus der Nabelschnur und den Gedärmen eines Babys, und verwandelt sie in Tiere. So solle man beim Kauf eines Tieres auf dem Markt stets darauf achten, dass es keine Goldzähne oder Tränen in den Augen habe, weil es sich sonst um ein menschliches Opfer von Lanse Kòd Djab handeln würde. Mit ihrem unzüchtigen, exhibitionistischen Gebaren ähneln die Lanse Kòd auch den Voodoogeistern der »Gede«, die, wie es heißt, oft Sonnenbrillen mit nur einem Glas tragen, weil auch der Penis nur ein Auge habe.

 

Am Nachmittag findet der martialische Spuk sein Ende am Meer. Die Lanse Kòd springen mit Purzelbäumen ins Wasser, waschen ihre düstere Maske ab und glitzern im gleißenden Sonnenlicht mit den Wellen um die Wette. Auf den letzten Fotos am Strand öffnet sich der Horizont und das Buch entlässt uns aus diesem furiosen Alptraum, als wäre es doch nur ein Film von Fellini gewesen.

 

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