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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:32

Sebastian Schlösser: Lieber Matz, Dein Papa hat `ne Meise

30.09.2011

Einer flog über das Wolkenkuckucksheim

Hesse und Hemingway, Fassbinder und van Gogh galten als manisch-depressiv. Auch der künstlerisch tätige Theaterdramaturg Sebastian Schlösser wurde von der tückischen Krankheit eingeholt. Mit Lieber Matz, Dein Papa hat 'ne Meise schrieb er rührende Briefe über seine Zeit in der Psychiatrie. Von INGEBORG JAISER

 

Er ist jung, er ist erfolgreich, er gilt als Shootingstar der deutschen Theaterszene. Nach Schauspielunterricht und Regieassistenz landet Sebastian Schlösser als Dramaturg am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Ambitioniert und hoch motiviert treibt er seine Arbeit voran, startet ständig neue Projekte, überschätzt sich maßlos, überwirft sich mit Kollegen und vernachlässigt seine Familie. Doch das Karussell dreht sich immer schneller. Mal arbeitet Schlösser buchstäblich Tag und Nacht, mal lähmen ihn innere Leere und Depressionen. Alkohol, Drogen und Schlafmangel treiben ihn an die Grenze des Erträglichen. Doch längst ist er gefangen in seinem eigenen Übereifer, in seiner fiebrigen Eile, um noch den Absprung zu schaffen. Wer seinem atemlosen Tempo und seinem maßlosen Größenwahn nicht folgen kann, wird von ihm nicht mehr beachtet.

 

Eine leere Hülle, ein verschrumpelter Ballon

Glücklicherweise erkennt seine Frau Ada die ersten Vorzeichen und sucht nach Hilfe. Doch Schlösser hat noch einen heißen, umtriebigen Sommer in Berlin vor sich: eine Off-Produktion in den riesigen Hallen des Postfuhramtes, eine pulsierende Stadt, eine neue Liebesaffäre. Der Wahnsinn ist nicht mehr zu bremsen. Doch plötzlich – kurz vor einer Premiere – bricht Schlösser mit einem Weinkrampf zusammen: »Ich heule wie seit Jahren nicht mehr. Wie ein übermüdetes Kind kann ich gar nicht mehr aufhören […] Ich bin nur noch eine leere Hülle, ein verschrumpelter Ballon, dem die Luft ausgeht.« Weder der spontan angereiste Vater noch die besorgten Kollegen noch eine vierköpfige Polizeistreife können ihn beruhigen. Vollkommen überdreht landet Schlösser in der psychiatrischen Notaufnahme der Charité. Diagnose: manisch-depressiv – oder bipolare Störung.

 

Diese ausgeflippte Vorgeschichte, die ernüchternde Zeit in der Psychiatrie und die langsame Rückkehr ins »normale Leben« hält Schlösser in zahllosen Briefen an seinen geliebten Sohn Matz fest, der zu diesem Zeitpunkt erst anderthalb Jahre alt ist. Dazu ermuntert wird er von einer Therapeutin, die traumatisierte Kinder von psychisch kranken Eltern betreut. Was passiert, wenn der eigene Vater in eine »Irrenanstalt« eingeliefert wird? Warum hat er eine Meise? Wieso verhält er sich nicht so wie andere Väter? Schlösser gelingt es, Fachvokabular weitgehend auszusparen und zu umschreiben. Die Psychiatrie wird so zum »Wolkenkuckucksheim«, chronisch Manisch-Depressive zu »Meisenprofis«. Genetische Disposition, Diagnose und Therapie werden kindgerecht und leicht verständlich dargestellt.

 

Exzentrische Autobiographie

Allerdings kann Schlösser diesen Stil nur im ersten Viertel des Buches durchhalten – danach drohen die inszenierten Briefe eher in Kapitel einer exzentrischen Autobiographie abzudriften. Ausufernde Details aus dem Theaterleben dürften ein Kind kaum interessieren. Da liegt der Verdacht nahe, dass dieses Buch weniger der Kommunikation mit dem eigenen Sohn gilt, als der aufarbeitenden Selbsttherapie.

 

Für erwachsene Laien ist die Lektüre dennoch spannend, auch wenn der Autor mit Interna aus der Psychiatrie sehr sparsam umgeht. Letztendlich haben dem familiär Vorbelasteten Medikamente geholfen – und die Einsicht, dass ein künstlerischer Beruf für einen Menschen mit bipolarer Störung nicht zuträglich ist. Nach seiner Selbstentlassung aus der Psychiatrie kehrt Schlösser zu seiner Familie zurück, besucht eine Selbsthilfegruppe und beginnt ein Jura-Studium. Er hat gelernt, den Wahnsinn in Schach zu halten. Doch die Erinnerung bleibt: »Wie ein Raumschiff bin ich durchs Leben geflogen, so schnell, dass ich vieles gar nicht mehr sehen konnte.«

 

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