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Freitag, 25. Mai 2012 | 23:32

Khaled Hroub: Hamas

14.10.2011

Terror und sonst nichts?

Wie bis vor wenigen Jahren noch die PLO gilt heute die Hamas in Gaza als der Inbegriff des palästinensischen Terrors und als eigentliches Hindernis auf dem Weg zum Frieden im Nahen Osten. Diese Sicht der Dinge wurde von der israelischen Führung formuliert und von Europa und den USA kritiklos übernommen. Bei all dem sind echte und verlässliche Informationen über Ideologie und Ziele der Bewegung im Westen rar. Khaled Hroub, Leiter des Arab Media Project an der Universität Cambridge und derzeit wohl der beste Kenner der Hamas, liefert in seinem gleichnamigen Buch harte Fakten. Von PETER BLASTENBREI

 

Hamas, richtiger Hamás, ist die Abkürzung für Hárakat al-mukáwama al-islamía (Islamische Widerstandsbewegung). Die Abkürzung selbst ergibt das arabische Wort »Eifer, Enthusiasmus, Kampfgeist«. Die Gruppe wurde im Dezember 1987 zu Beginn der ersten Intifadah in Gaza von palästinensischen Muslimbrüdern gegründet. Mit ihrem Ziel, islamisch-religiöses Denken mit dem bewaffneten Widerstand zu vereinen, schuf die Hamas für Palästina etwas Neuartiges, denn Kampf gegen die israelische Besatzungs- und Repressionspolitik war bis dahin Monopol der in der PLO zusammengeschlossenen säkularen linken und nationalistischen Widerstandsorganisationen gewesen.

 

Hroub hat recht, wenn er ausführt, dass das Scheitern des Oslo-Friedensprozesses und die damit verbundene beispiellose Degeneration der PLO und besonders der al-Fatah zu einem ineffizienten, korrupten und repressiven Herrschaftsinstrument den Aufstieg der anfangs kleinen Hamas bedingt hat. Enttäuschte Palästinenser strömten ihr jetzt in Massen zu und ermöglichten den nicht einmal von der Hamas-Führung erwarteten Wahlsieg von 2006. Zu den neuen Anhängern gehörten allerdings nicht nur fromme Muslime – auf der Hamas-Liste wurden sogar Christen gewählt.

 

Programme und Aktionen

Hroub selbst ist als säkularer Palästinenser kein Freund der Hamas oder des politischen Islam. Das lässt sich unschwer aus dem Text herauslesen (das Vorwort der englischen Ausgabe ist hier eindeutig). Entsprechend harsch fällt seine Kritik am Hamas-Programm von 1988 aus, einem mit Koranversen und Zitaten von Religionsgelehrten bis zur Unverständlichkeit vollgestopften Text. Insbesondere weicht er dem größten Problem des alten Programms nicht aus, den vielzitierten judenfeindlichen Passagen. Aber er stellt das Programm in den Kontext der politischen Entwicklung der Hamas. Und hier sind das Wahlprogramm von 2006 und Ismail Hanijes Regierungserklärung längst entscheidend geworden (Hroub plädiert dennoch für die ehrliche Lösung, das alte Programm offiziell aufzugeben.).

 

Überhaupt hat Hroub eine Technik entwickelt, von der viele noch immer rein philologisch arbeitende Politologen lernen könnten. Das Buch bietet nämlich eine gemeinsame Analyse von Texten und politischen Handlungen. Und hier ist etwa die Wahlteilnahme von 2006 (gegenüber dem Wahlboykott von 1996) allein schon signifikant, denn sie bedeutete eine implizite Anerkennung des von den Oslo-Verträgen geschaffenen Rahmens. Seitdem die Hamas Regierungsverantwortung trägt, bemüht sie sich zunehmend um politische und juristische Argumentationen und Strategien abseits vom islamisch-religiösen Denken.

 

Politische Wandlung

Heute ist die Hamas nur noch einen Schritt von der offenen Anerkennung der Zwei-Staaten-Lösung für den Palästina-Konflikt entfernt, den sie immer vehement als Verrat abgelehnt hatte. Doch schon der 2004 vom israelischen Militär ermordete Hamas-Mitbegründer Scheich Jassin hatte Israel einen langfristigen Waffenstillstand vorgeschlagen – und damit dessen Existenz de facto anerkannt. Diese Wandlung ist in Israel nicht unbemerkt geblieben: Hroub zitiert Umfragen, nach denen heute eine leichte Mehrheit der Israelis Gespräche mit der Hamas akzeptiert. Auch der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, hat mehrfach die Einbeziehung der Hamas in Friedensgespräche angeregt. Angesichts der Alternativen, Krieg wie 2008/09 und Fortdauer der Hungerblockade Gazas, ist es höchste Zeit für ein Umdenken, auch und gerade im Westen.

 

Fragen und Antworten

Hroub hat für seine Darstellung die ungewöhnliche Form des Frage- und Antwortspiels gewählt, eingeteilt in thematische Großkapitel. Das macht das Buch ungewöhnlich gut lesbar und fast so leicht benutzbar wie ein übersichtliches Lexikon. Es ist zudem schwer, sich eine Frage auszudenken, an die der Autor nicht gedacht hätte. Hroub behandelt Ideologie, Geschichte und Ziele der Hamas, ihre Strategien gegenüber Israel, das spannungsreiche Verhältnis zur Fatah (vor ihrer Einigung im Mai 2011), er analysiert ihre Anhängerschaft, ihre sozialen und kulturellen Aktivitäten abseits vom bewaffneten Kampf, ihre Aussagen zur politischen Teilhabe von Frauen, ihre Wirtschaftspolitik und ihre Außenbeziehungen, insbesondere die zum Iran.

 

Nicht ganz unproblematisch ist die Entscheidung Hroubs, für Einzelnachweise auf seine anderen Veröffentlichungen zu verweisen. Sicher, das Buch ist als »Leitfaden für Anfänger« gedacht, wie der englische Untertitel lautet. Angesichts der spärlichen Verbreitung seiner Werke in öffentlichen Bibliotheken des deutschen Sprachraums kann die Quellensuche aber ein schwieriges Unterfangen werden.

 

Mit Hroubs Buch liegt erstmals in deutscher Sprache ein umfassendes Kompendium von gründlich recherchierten und verlässlichen Informationen zu einem der umstrittensten nahöstlichen Akteure vor. Lesen Journalisten, lesen Politiker? Wenn ja, sei ihnen und allen anderen Nahost-Interessierten dieses Buch nachdrücklich empfohlen.

 

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