Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert
Freitag, 25. Mai 2012 | 23:34

Für das Imperium 2: Frauen

03.11.2011

Kampf der Geschlechter

Nachdem Merwan (Chabane) und Bastian Vivès mit dem ersten Band von Für das Imperium die Grenzen des Reiches abgesteckt haben, kämpfen ihre vor Testosteron strotzenden Mannsbilder im zweiten Teil gegen das unbekannteste aller Wesen: die Frau. Von DANIEL WÜLLNER

 

Ausgezogen um die Grenzen des Reiches zu erweitern, dringt die Söldnertruppe um Glorim Cortis immer tiefer in die "neue Welt" ein. Dabei treffen sie auf Geschöpfe, die ihnen eigentlich vertraut sein müssten und doch unglaublich fremd sind: Frauen. Im zweiten Band von Für das Imperium werden die unterschiedlichsten Bezeichnungen für das weibliche "Andere" durchdekliniert: die stolze Kriegerin, das rein sexuelle Wesen oder auch das gänzlich fremde Geschöpf. Ergründen können die Soldaten ihr geschlechtliches Gegenstück anhand dieser Schablonen nicht, da ihre männlich-dominante Perspektive, der male gaze, die Oberfläche des Weiblichen nicht durchdringen kann.

 

"Wo es Frauen gibt, sind ihre Männer nicht weit."

Gänzlich ausgemergelt durchquert Glorims Truppe das Dunkel des Waldes. Wie bereits im ersten Band bietet Vivès eine reichhaltige Farbpalette, die eng mit den Handlungsebenen verflochten ist: Aus den depressiven Braun- und Dunkeltönen der strapaziösen Reise treten die Männer in einen grünen, fruchtbaren Hain. Dort können sie ihren Hunger stillen, doch nicht ihr Verlangen. Selbiges wird durch die Konfrontation mit der ersten fremden Frau geweckt. Ihre Gelüste aktivieren aber auch ihre selbstgefällige Perspektive: "Wo es Frauen gibt, sind ihre Männer nicht weit."

 

Während Merwans Arbeit im ersten Band unmerklich in die Erschaffung des fiktiven Imperiums eingeflossen ist, tritt der Szenarist in Für das Imperium: Frauen deutlicher in Erscheinung. Seine Dialoge wirken lebendiger und sind herrlich doppeldeutig. Erst im Verlauf der Handlung entfalten sich scheinbar nebensächliche Anspielungen: Beteuern die tapferen Männer zunächst, dass ein Soldat sich nicht betören lasse, erliegen sie schon bald ihren Lüsten. Selbst Statum - von seinen Kollegen als "Eisblock" bezeichnet - schmilzt beim Anblick der stolzen rothaarigen Gefangenen schnell dahin. Vivès muss nach dem Hinweis seines Szenaristen nur noch ein paar Schweißtropen auf der Stirn des Kriegers applizieren, um die Situation zu komplettieren.

 

Die Suche nach den vermeintlich männlichen Gegnern endet tragisch. Noch bevor die Späher die Gefahr erkannt haben, wechselt Vivès von schillerndem Grün wieder zu erdigen Brauntönen. Genauso simpel wie die Farbgebung und genauso treffend gestalten die beiden Künstler die Metaphorik des Szenarios: Die Vorhut lässt sich in das offenstehende Dorf der Amazonen wie in eine Venusfliegenfalle locken. Über den bunten Kleidern der Amazonen vergessen die Männer ganz ihre Pflicht. Der Kampf der Geschlechter kann beginnen.

 

"Ich sehe doch immer nur eine junge Frau."

Was mit einem einzelnen Geschlechtsakt beginnt, geht in eine Orgie über und endet in einer Schlacht. Die Männer werden dabei sowohl auf Standhaftigkeit beim Geschlechtsverkehr wie auch auf taktische Raffinesse geprüft. Die Männer scheinen den Sieg errungen zu haben, doch die perfekte Allegorie für Geschlechterkampf wird erst danach ausgetragen: Der gedemütige "Eisblock" Statum verfolgt die entkommene Rothaarige. Sie führen ein regelrechten Balztanz auf. Seine rohe Gewalt wird ihrer Agilität gegenübergestellt. Doch obwohl er sie mit Hilfe seiner körperlichen Überlegenheit einfängt, ist nicht sie es, die am Ende gezähmt wird.

 

Ein kühles Blau bestimmt die Hintergründe der letzten Seiten. Es bezeichnet die Ernüchterung der Männer und gleichzeitig spiegelt es ihre Verwirrung wieder, da sich das Weib einfach nicht fügen will. Auch wenn die Soldaten sich einig sind, dass das Imperium dieses "widernatürliche Treiben" beenden und die "natürliche Ordnung" wiederherstellen wird, haben die Männer diesen Kampf verloren. Sie mögen ihre Dominanz auf dem Schlachtfeld bewiesen haben, doch hat sich ihre Wahrnehmung dem neuen selbstbestimmten Frauentyp noch nicht angepasst: "Ich sehe doch immer nur eine junge Frau." 

 

Für das Imperium: Frauen ist eine Offenbarung, die auf imposante Weise den Niedergang eines Zeitalters ankündigt. Die beiden Comic-Künstler lassen ihren Männern freien Lauf und laden zum Zuschauen ein: Das starke Geschlecht desmaskiert sich und seine machohafte Perspektive.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Vorschlag zur Güte

Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Ecce Homo

»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...