Männerfreundschaft und Metaphysik
Wie der Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg durch sein Verhalten, das exakt dem eines geistig minderbemittelten Kleinkriminellen entsprach, nachdem man ihn des Plagiats überführt hatte, das gesamte ethisch-historische Repertoire des Ehrbegriffs, auf das sich der Adel als letzten Distinktionsgrund vom Bürgertum noch etwas zugute hielt, in Verruf gebracht hat, so gehört der unschuldige Terminus der bürgerlichen »Männerfreundschaft«, die es ja auch wirklich gibt, zu den folgenreichen Kollateralschäden, die der in zweifacher Hinsicht jüngste Bundespräsident schon übel zurichtete, bevor er bei dessen Missbrauch erwischt wurde & er daraufhin die Konsequenz seines Rücktritts in ein komfortables Rentnerdasein mit 199.000 Euro pro Jahr zog. Von WOLFRAM SCHÜTTE
Sollen wir Denkmäler aufstellen oder in die Luft sprengen?
Erich Loest setzt in seinem Roman Löwenstadt seinem Leipzig ein Denkmal und erzählt dabei so en passant 200 Jahre deutsche Geschichte – von der Völkerschlacht 1813 bis zur Gegenwart.
Von HUBERT HOLZMANN
Von transzendenten Fliegen, misslungener Rache, großen & kleinen kulturellen Unterschieden
Wenn es ein Buch schafft, seinen Leser zum Lachen, Staunen, Weinen, Erschauern und Sich-Ärgern zu bringen, dann ist es das bei dtv erschienene Werk von Rafik Schami Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat. All diese Gefühlsregungen, vor allem aber Hochachtung dem Autoren gegenüber, empfand LIA DOLFUS beim Lesen.
Der Tag, an dem die Welt auf den Kopf gestellt wurde
Trash ist das englische Wort für Müll. Gigantische Abfallberge türmen sich am Rande der Stadt Manila, wo tausende von Menschen ihr Dasein fristen, darunter unendlich viele Kinder. Sie suchen nach recycelbarem Müll, nach Dosen, Papier, Plastik, nach allem, was Geld einbringt. Andy Mulligan hat aus ihrem Schicksal eine Geschichte gemacht. ANDREA WANNER hat sie gelesen.
Autobus mit Geschichte
Der Großvater erzählt von Diskriminierung, Willkür und dem Geheimbund Klu-Klux-Klan. Und von Rosa Parks, die vor über 50 Jahren mutig im Bus sitzen blieb, während er aus Angst versuchte, sie zum Nachgeben und Aufstehen zu bewegen. Von MONIKA THEES

Mehr als das Einheimsen von Subventionen
Vor gut vier Jahrzehnten, als das Internationale Forum des jungen Films in Opposition zum offiziellen Wettbewerb und als Provokation für diesen gegründet wurde, durfte man unter »jung« zugleich »experimentell«, »frech«, »verstörend« verstehen. Davon ist heute, zumal in den deutschsprachigen Ländern, kaum noch etwas zu bemerken. Ein großer Teil der Beiträge zum Forum ist thematisch belanglos und formal brav und konventionell. Es scheint sich in den Künsten wie in der Politik zu verhalten: Die alte Regel, dass man mit zunehmendem Alter konservativer werde, gilt nicht mehr. Es sind die Alten, die mit Regelverstößen irritieren. Der Nachwuchs hat sich, mit Ausnahmen, versteht sich, in den bestehenden Verhältnissen eingerichtet. So viel Einverständnis war selten. Kritik bewegt sich im engen Rahmen liberaler Selbstbestätigung. Formale Neuerungen überschreiten kaum je die vom Fernsehen und vom kommerziellen Film vorgegebenen Normen. Von THOMAS ROTHSCHILD
Sand und Stein
Sand, Staub und Hitze. Aus ihnen besteht die erste der Wohnstätten, die Habiter/ Construire besucht. Vor dem Zeltlager spielen nackte Kinder mit Blechgeschirr. Das Trinkwasser wird in Plastikkanistern aufbewahrt. Ziegen und Kamele traben gemächlich an den Tuchbahnen zum Sonnenschutz vorüber. Eine Gruppe Feldarbeiter schneidet Muskelfleisch von einem Lamm und gart es über dem offenen Feuer. Von LIDA BACH
Anders als die anderen
»Ich hatte eigentlich nicht vor mitzumachen«, sagt Christian. »Aber vielleicht hilft es manchen anderen, aus meinem Leben Lehren zu ziehen.« Die meiste Zeit dieses Lebens hat der Sport- und Lateinlehrer sich versteckt. Vor Familie, Kollegen und auch ein bisschen vor sich selbst. Leicht scheint es dem 78-Jährigen nicht zu fallen, vor der Kamera darüber zu sprechen. Aber nun, da er pensioniert und die Zeit eine andere ist, hat er dennoch mitgemacht bei dem dokumentarischen Einblick, den Ringo Rösener und Markus Stein in ein missachtetes Kapitel deutscher Geschichte gewähren. Die mit Humor und jungenhafter Neugier der inhärenten Kontroverse der Thematik trotzende Lebensrückschau der Panorama-Dokumente fragt, wie es damals war Unter Männern – Schwul in der DDR. Von LIDA BACH
Waiting for the Man
»Ich bin keiner dieser Junkie-Penner, klar?«, sagt Leach (Warren Finnerty), als er vor die Kamera tritt. »Schaut euch mein Appartement an. Es ist sauber – abgesehen von diesen widerlichen Typen.« Diese sind Sam (Jim Anderson), Ernie (Garry Goodrow), Solly (Jerome Rapahel), Harry (Henry Proach) und die vier Musiker der Jazz Band. Sie lungern in der schäbigen Unterkunft herum und warten auf den Cowboy. Der Cowboy ist The Connection, Titelfigur des brillanten Beatnik-B-Movies, das Shirley Clarke im Rausch der Mainstream-Drogen »Medien« heraufbeschwört, Antiheld des doppelbödigen Cinema Faux Verité und Messias der Junkie-Protagonisten. Von LIDA BACH
Enter the Dragon Gate
War je ein Genre des asiatischen Kinos geschaffen für dreidimensionale Effekte, so scheint es fernöstliche Variation des Abenteuermärchens, die Fantasy, Kampfaction und Romantik vereint in einem historischen Setting, das von klassischen Helden bevölkert wird. Ihr erster ist Zhou Huai'an. Ein ruchloser Gesetzloser für den unerbittlichen Kaiser, ein Beschützer der Witwen und Waisen für die einfache Bevölkerung, ein maßgeschneiderter Part für Action-Star Jet Li, der prototypische Held für das Publikum, all das ist der verbrämte Kämpfer - und dennoch nichts. Von LIDA BACH
SENF IM OFEN
Jenny wurde dann Pommesbeauftragte. Dazu muss man wissen, dass es in Apfelweingaststätten an sich keine Pommes Frites gibt. Pommes waren demnach etwas Infamöses. Jennys Grüne Soße war auch immer falsch in den Zutaten. Nicht, dass sie wenigstens die Musik hingekriegt hätte. In hundert Jahren nicht.
Eine Fortsetzungsgeschichte von TANJA und JAMAL TUSCHICK
Neue Welten entdecken
Schon der Titel reizt, und nicht nur die Neugier, widersprechen die Begriffe in ihrer Kombination doch allem, was wir in den letzten Jahren über Frauen in der arabischen Welt gelernt zu haben glauben. Die österreichische Journalistin und Cross-Culture-Coach Judith Hornok erschüttert mit ihrem großzügigst aufgemachten Bildband Moderne arabische Frauen. Die neue Generation der Vereinigten arabischen Emirate gründlich herkömmliche Überzeugungen. Von MAGALI HEISSLER
Aufstieg und Fall einer Macht
Der Untergang des Abendlandes wird allseits beschworen. Weniger interessiert sein Aufstieg. Eben dort setzt der britische Historiker Niall Ferguson mit Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen an. Statt in Untergangsstimmung zu verfallen schlägt er einen großen globalgeschichtlichen Bogen von der frühen Neuzeit bis in unsere heutigen Tage. Von JULIA MÜLLER
Schafe, Hühner und ein Haus mit Garten
Hilal Sezgin tauschte modische Boots gegen Gummistiefel, städtisches Stubenhocken gegen ein Leben auf dem Land, mit Tieren, weitem Blick auf Wald und Wiese, mit Jahreszeiten. In Landleben. Von einer, die raus zog erzählt sie vom Abenteuer, im ganz persönlichen Glück anzukommen. Von MONIKA THEES
Einfältig und abstoßend
In diesem Streifen rechnet sich der Ermittler noch halb zum Milieu und bringt zügelloses Leben in die Fahndungsabläufe. Alexander Bukow (Charly Hübner) war selbst kriminell, bevor er die Beamtenlaufbahn einschlug, und ist noch nicht wirklich zivilisiert. Der Einstieg: Ein Gefangenentransporter wird am hellen Tag von zwei Männern in Polizeiuniform überfallen, die den Gefangenen Kevin Schulz, der in zwei Wochen aus der JVA Waldeck entlassen werden sollte, brutal niedertreten. Die Ermittler stellen nur noch dessen Tod fest. Beim Versuch, die Täter zu stellen, wird Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) lebensgefährlich verletzt, den Rest des Films liegt sie im Koma. Von WOLF SENFF
Große, kinoalte Sehnsüchte
Steven Spielbergs Gefährten ist episches Gefühlskino der alten Schule: kitschig, überwältigend, behäbig, bombastisch und je nach Geschmack zum Dahinschmelzen oder Rausrennen. Von STEFAN VOLK
Kafka geht in sein Unkraut, wir ins Verderben, doch wir bleiben gelassen.
Seien Sie »beweglich, ungebunden, flexibel«, lassen Sie ihr Schulterzucken á la »Geht mich nichts an« sowie Ihren Wunsch nach leichtlebiger Unterhaltung mit Ihren Geldbeuteln an der Garderobe zurück und lauschen Sie konzentriert Kassandra und ihren Prophezeiungen: »Versteht es als Zeichen, wenn ihr nirgends mehr Liebe findet, und eure Familien sich selbst zerstören, wenn die lang gehegte Wirtschaftsordnung zerfällt und euer Rechtsstaat wie ein Glas zerbricht.« Mit Kassandra, Agamemnon, Aerope und Kafka, allesamt Figuren des Stücks, sind wir aus dem Schneider, könnte man meinen. Alter mythologischer Schuh oder notwendige Völckersche Verfremdung, um im Gewohnten das Reale und gleichzeitig Absurde freizulegen? Von VERENA MEIS
Hüttengaudi - eine Abrechnung!
Diese Woche habe ich es mal so richtig krachen lassen. Dreimal war ich zu Gast bei einem Spitzenkoch der Extraklasse: ein Michelin-Stern, drei Hauben von Gault-Millau und vier Kochlöffel vom Schlemmer Atlas. Ich war bei Alfons Schuhbeck! Mein Kassler mit Chili-Wirsing aß ich im ICE 374 nach Frankfurt, an meinen Rindsrouladen würgte ich im IC 2026 nach Hagen und mein Linseneintopf rutschte mir in einer Kurve irgendwo im Sauerland auf die Hose. Wahnsinn, wie der Schuhbeck das schafft? Der arme Mensch ist ja wirklich irre viel unterwegs. Und obwohl die Mahlzeit in einem muffigen Bordrestaurant serviert wurde, muss man sagen, das Essen war gar nicht mal so gut. Und sogar ohne Geschmackverstärker, wie ich der beigelegten Broschüre entnehmen konnte. Sehr löblich, denn gerade den Chili-Wirsing musste man im Geschmack definitiv nicht weiter verstärken.
Eine Kolumne von PHILIPP WEBER
The Art of Rock
Rockmusik wird immer mal wieder für tot erklärt, die Gitarre für obsolet. Mag man das auch manchmal glauben. Bis sich wieder mal Gänsehaut einstellt. Dann weiß man: tierisch. Gut. Rock! Drei aktuelle Beispiele, vorgestellt von TOM ASAM.
Nicht nur gut, auch noch schön!
Ähnlich fabelhaft und edel wie das letzte Einhorn im Märchenwald sind Motorpsycho seit Jahren die verlässliche Instanz für sagenhaft gute Musik. Nur eben real, wirklich und unverschämt cool! Von DAVID EISERT
Subzero Jazz
Wir hatten Hot Jazz, wir hatten Cool Jazz. Zeit für Subzero Jazz. Povarovo legen mit Tchernovik ein abstraktes, minimalistisches Album ab, kurz über Null Grad. Kelvin, natürlich. Von KRISTOFFER CORNILS
Haaaaahhhh!
Die Norwegerin Hanne Hukkelberg bleibt auch mit ihrem dritten Album interessant. Ihr Folk kümmert sich nicht um Erwartungshaltungen, gerade deshalb übertrifft sie alle Erwartungen ein weiteres Mal. Von TOM ASAM.
Alltag raus, Bassfrequenzen rein
So ein Subwoofer ist ein schönes Hilfsmittel. Entweder erleichtert es mit dem korrekten Timing, den tiefer gelegten VW Golf über Bremshügel zu katapultieren, um fix zur nächsten Zeltdisko zu gelangen. Oder aber er sorgt dafür, dass man Oren Ambarchis neuestes Album Audience Of One voll und ganz genießen kann. Von KRISTOFFER CORNILS
Minimal-Techno
Früher die Hälfte des Duos Tractile, jetzt als Minimal-Tramp alleine im eisernen Dreieck. Interessantes Debüt des jungen Kanadiers Joel Boychuk. Von TOM ASAM
Excuse me from this world
Richtig schnell kann nur der fahren, der seine Bremsen zu benutzen weiß. Alte Speed Freak Weisheit. Von DAVID EISERT
Weit oben
Dieser Pilot ist kein Schönwetter-Purist. Der steigt auch bei Wolken auf und genießt seine Flucht aus der Reizüberflutung in gepflegter Melancholie. Von TOM ASAM
Indiepop + x
Die britische Indiepop-Formation legt nach. E-Gitarre verträgt sich hier bestens mit akustischen Instrumenten – und Synthies. Von TOM ASAM
Isolated Case
Wiederveröffentlichung zweier weitgehend übersehener Minimal-Elektronik-Werke, deren surrealistische Klangabenteuer auch heute noch in keine Schublade passen. Eine Entdeckung, meint TOM ASAM.
Eine bereichernde Reise
Einmal Belgien-Burkina Faso bitte! Über die neuesten westafrikanischen Ausflüge des umtriebigen Ex-dEUS Bandbegründers Stef Kamil Carlens. Von MIRJAM STUTZMANN
Schocks schwere Not
Die Intégrales, die edlen Gesamtausgaben französischer Comic-Klassiker, erreichen eine nach der anderen Deutschland. Fans der Ligne claire dürfen sich jetzt über die Hardcover-Version von Harry und Platte freuen. BORIS KUNZ hat sich mitgefreut.
Von unten
Mit Existenzen und andere Abgründe präsentiert Carlsen eine Werkschau älterer Comics des Gekiga-Pioniers Yoshihiro Tatsumi. Deren Lektüre bereitete CHRISTIAN NEUBERT großes Vergnügen – trotz des ausnahmslos ernsten Grundtenors.
Digitales Fernweh
Winter ist die Zeit für Melancholie und Gejammer. Es ist kalt, dunkel und überhaupt - widerlich. Für PETER KLEMENT genau die richtige Zeit, um wehmütig ins All zu blicken.
Never been better
Wie viel Platz ist auf einer Bühne voller Stars? Tekken steht da vorne rechts, gleich daneben Street Fighter … und wer ist das da? Ah, dieser Virtua Fighter! Selbst die zweite Reihe ist wieder einmal voll besetzt und macht Stimmung: BlazBlue: Calamity Trigger oder Marvel vs. Capcom! Doch da meldet sich das dämonischste aller Breitschwerter der Szene zurück – RUDOLF INDERST sieht sich Soul Calibur V an.
Ein Kriegsheld, ein Außenseiter
Interessant und ein Stimmfest. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Kein bisschen Staub angesetzt
Für ihr kleines Puccini-Festival hat sich die Lyoner Oper etwas Schönes einfallen lassen. An drei Abenden kombiniert sie jeweils einen der Opern-Einakter, die der Komponist 1918 unter dem Titel Das Triptychon zu einem Abend für die Metropolitan Opera zusammengefasst hat, mit einem Einakter eines anderen Komponisten. Das Unternehmen ist deshalb so reizvoll und erhellend, weil die drei Ergänzungen ungefähr zur gleichen Zeit entstanden wie Puccinis Kurzopern. Sie machen mit ihrer Modernität den Anachronismus von Puccinis Musik deutlich. Von THOMAS ROTHSCHILD
Von der Maas bis an die Mulde
Geben Sie es zu, meine Damen und Herren, auch Sie haben diese Woche die Zeitung aufgeschlagen und dann erst mal zur Signaltrompete gegriffen: Fanfare, Schampus, erste Strophe Deutschlandlied – wir sind Dschungelkönig der Exporteure!
Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER
Serie läuft woanders
Vorsicht. Man muss sich einlassen können auf diesen TATORT, sonst rutscht man weg. So ungefähr muss sich Werder Bremen fühlen: zwischen den Stühlen. Die Ausgangslage von Ordnung im Lot ist klar: Ein Tankstellenbesitzer wird erschossen in seinem Verkaufsraum aufgefunden, in der Kasse befindet sich ein hoher Geldbetrag, also wird es kein Raubmord gewesen sein. Verdächtige werden im Kreis der eigenen Familie und in der des Nachbarn vermutet. Von WOLF SENFF
Autopsie eines Phänomens
Stefan Lüddemanns Buch Blockbuster über gleichnamiges Ausstellungsphänomen beschreibt gekonnt sowohl die Hintergründe wie auch die Funktionsweise dieses Typs von Kunstvermittlung. Von CHRISTOPHER FRANZ
»John Le Carré sagte, es sei die beste Adaption eines Buches, die es je gab.«
Gary Oldman über seine Rolle als Georg Smiley in dem Film Tinker Tailor Soldier Spy (Dame, König, As, Spion). Ein Interview von LIDA BACH

Algen und glitschiges Heu
Das erste im Haus Rose ist der Geruch, noch vor allem anderen, noch bevor es die drei kleinen Stufen runtergeht in den ersten Flur: Der Geruch, und ich denke: Leichenhalle. Das ist Quatsch, klar, aber ich hatte den Geruch von Sex erwartet, archaischen Algengeruch, gemischt mit Schweiß und nassem, glitschigem Heu. Oder wie auch immer man den Geruch beschreiben soll, daran sind schon bessere als ich gescheitert. So riecht es im Haus Rose jedenfalls nicht. Eher sauber, ordentlich, der Geruch von Reinigungsmitteln, daher kommt vielleicht diese Assoziation mit der Leichenhalle: Reinigungsmittel, und etwas liegt darunter, der Geruch vieler Menschen, vielleicht, die hier ein- und ausgehen, die hier ständig sind, und Zigarettenrauch. Die Geräusche sind gedämpft, als läge hier überall Teppich, hin und wieder Türenklappen, das Lachen von Frauen. Wie schaut man sich so einen Laden an? Wie ein Museum? Wie einen Zoo? Wie eine Wohnung, die man mieten möchte? Wie soll ich hier entlanggehen? Soll ich die Frauen grüßen, auch wenn sie so skeptisch gucken wie die hinten in der Ecke? Soll ich die Kunden grüßen? Kollegial? Überlegen? Ich habe keine Ahnung. Eine Erkundung von JAN FISCHER
Die Highlights der Redaktion
Es ist nicht länger zu leugnen: Der Winter ist da! Die Zeit der kurzen Tage ist angebrochen, die bei kalten Stunden, Last Christmas und zuckrigem Glühwein bibbernd auf dem Weihnachtsmarkt oder an den Geschenktischen der Kaufhäuser verbracht werden. Kurz: Es ist die Zeit für die Weihnachtspause – und das TITEL-Kulturmagazin macht mit.

Nachhaltig wortgewaltig
Ich bin es gewohnt, in regelmäßigen Abständen verständnislos angeschaut zu werden – in der Tat dürfte ich wahrscheinlich deutschlandweit einer der wenigen Kulturveranstalter sein, der sich bis heute erfolgreich der Anschaffung eines Mobiltelefons verweigert hat. Wie das denn ginge, werde ich gefragt. Nun, es geht sehr gut. Steigern lässt sich die Verwunderung in den Gesichtern meiner Gesprächspartner nur noch, wenn ich in Sitzungen und Dienstbesprechungen meinen Tischkalender hervorhole, in den ich dann – ja, unglaublich aber wahr - Termine mit dem Stift eintrage. Kalender aus Papier seien in der heutigen Zeit doch nicht mehr notwendig, man könne sein Leben doch auch durch einen elektronischen Helfer in Taschenformat organisieren lassen, werde ich aufgeklärt. Sicher, das kann man, aber wie groß ist meine heimliche Freude, wenn es in den Sitzungen piepst und brummt und alle darüber schimpfen, dass das böse Gerät den vereinbarten Termin aus unerklärlichen Gründen irgendwie verschluckt haben müsse, sorry ... Von STEFAN HEUER
Werft Sand untern Tannenbaum!
Bekanntlich wird pünktlich vor dem Weihnachtsfeste eine Vielzahl nigelnagelneuer Alben unters Volk beziehungsweise unter den Weihnachtsbaum gebracht. Und weil es die Jahreszeit nun einmal so mit sich bringt, wird sich bei einem gut Teil der Platten auf die Überarbeitung des für diese Jahreszeit so beliebten Liedguts beschränkt. Doch es gibt Hoffnung, meint TOM SCHOENER.
Fremd bin ich eingezogen
Der Nürnberger Autor Leonhard F. Seidl bezeichnet seinen Debütroman Mutterkorn als »Geschichte einer Befreiung«. Eine Bestandsaufnahme von HUBERT HOLZMANN
Ein Geheimtipp der deutschen Literatur
Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT HOLZMANN

Asphaltblüten aus Baltimore
Gerade ist im Verlag Antje Kunstmann Homicide - ein Jahr auf mörderischen Straßen von David Simon erschienen. Das ist erstaunlich, hat doch PIEKE BIERMANN, die gerne vom »historischen Alzheimer« des deutschen »Föteljong« spricht, »schon seit 1998 bei diversen deutsch(sprachig)en Verlagen gebaggert«, dieses grandiose Buch endlich herauszubringen. Die Argumente, die die Schriftstellerin und Übersetzerin damals zu hören bekam waren: Homicide sei zu dick, zu amerikanisch, zu spezifisch Baltimore - ja wenn es New York, Los Angeles, Chicago wäre ... Das aufregend Neue an diesem Buch war aber nicht nur sein Thema, sondern Simons waghalsiger Einstieg, nämlich sich auf die Polizei einzulassen, sich ihr quasi anzumimetisieren, um wirklich etwas herauszufinden, um wirklich etwas erzählen zu können, das man als »echt« bezeichnen kann. Ein Vorgehen, das hierzulande gescheut wird wie das Weihwasser vom Teufel ...
Nach so vielen Jahren, die es zur Einsicht im deutschen Literaturbetrieb gebraucht hat, veröffentlicht TITEL den so überaus kenntnisreichen Beitrag PIEKE BIERMANNs von 1999 hier nun noch einmal.
Wenige von der Sorte
Die Doppel-CD von Trikont gibt mit der Auswahl an Gedichten, Romanauszügen, Kurzgeschichten, Briefen und einem bilderreichen informativen Booklet einen guten Einblick – für Fauser-Neulinge und -Wiederentdecker. Von MIRJAM STUTZMANN
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Resignierte Missionare (1)
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fünfundneunzig Thesen
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Der Goldene und Silberne Bär der BERLINALE 2012 sind an unsere Favoriten gegangen, nämlich ...
Vom Traum ein Rebell zu sein
Milos Formans bewegte Vita hat Spuren hinterlassen. Der oscar-gekrönte Regisseur macht keinen Hehl daraus, dass sein Lebenslauf und sein künstlerischer Erfolg in ursächlichem ...
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Leben im Konjunktiv
»Für Menschen sind Lebensläufe die Behausung, wenn draußen Krise herrscht. Alle Lebensläufe gemeinsam bilden eine unsichtbare Schrift. Nie leben sie allein. Sie ...


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Ausdrücklich hinweisen möchten wir auf die zwei Deutschland-Konzerte der US-Band MEGAFAUN im Februar:
07.02.2012 Schorndorf / Manufaktur 08.02.2012 München / Das ...
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Lou Reed! Eine Jahrzehnte umspannende Karriere, wie sie kaum ein anderer Künstler der Rock'n'Roll-Geschichte erlebt hat. Von der Zusammenarbeit von Velvet Underground mit ...
Reine Freude an der Kraft der Poesie
Der Lyrikerin Nora Gomringer wird am 21. April der mit 15.000 Euro dotierte Joachim-Ringelnatz-Preis 2012 verliehen. Alle zwei Jahre wird dieser Preis an Dichterinnen und Dichter verliehen, die ...
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Lana Del Rey – vom Internet-Sternchen zur »Lady Anti Gaga« aufgespritzter Hype? Genial verpackter Meta-Pop und Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft? Haarlockenpracht in der ...
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Radio Moskova ist der Titel des neuen Albums des finnischen Weltmusik-Duos Lepistö & Lehti. Mit Akkordeon und Kontrabass balancieren sie auf dem Grad zwischen Virtuosität und ...
Die Ikone
Mighty Sparrow war in seiner vier Jahrzehnte überspannenden Karriere an über 300 Albumaufnahmen beteiligt. Er ist mehr als eine Kultmusiker in der Karibik, er ist ähnlich wie Miriam ...
Chimären / Chimaira ...
... aus Körperteilen verschiedener Tiere bestehende Fabelwesen. Sie stellen einen wichtigen Bestandteil und immer wiederkehrendes Motiv in Stefan Heuers Malerei dar und sind von daher ...
Analogcomputer, übernehmen Sie!
Vom 11.-13. April findet im Bereich Medienwissenschaft der HU Berlin ein durch den
Blast Your Ghetto Tour 2012
Nach einem ereignisreichen Jahr 2011 mit dem neuen Album The Ride, Tourneen in Europa und in China startet der Äl Jawala-Tourbus mit einem Fanprojekt in die nächste Runde.
Mitgemacht!
Die Abstimmung für den Plattenladenaward, der von dem Indievertrieb Cargo Records verliehen wird, läuft noch bis zum 31. Januar – und hiermit wird ab sofort der ...
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