Life and Death of a Hollywood Extra
»Rede!« – »Ich werde nichts sagen!« Blitz! Schock! Flackern! Noch höher drehen die russischen Schurken die Stromzufuhr des Folterstuhls, auf dem ihr Gefangener sich windet. »Rede!« Aber der schneidige Spion im Abendanzug schweigt, noch unbarmherziger, als seine Gegner ihm Volt durch das Gehirn jagen. Wird er nachgeben? Niemals! Nicht als er hilflos in den Fängen einer feindlichen Maschinerie feststeckt, nicht als er in eine düstere Zelle geworfen wird, nicht als er einsam dem Ende entgegensieht. »Rede!« ist die Anfangsszene von The Artist. Szene, nicht Anfangsdialog. Ein solcher existiert nicht in Michel Hazanavicius Kinokunstwerk. Von LIDA BACH
Rollende Wellen
Marisa (Akina Levshin) liegt am Ostseestrand. Die Wellen peitschen wie eh und je, doch in ihrem Leben hat sich viel verändert. Die Welt steht Kopf. Das Hakenkreuz-Tattoo auf ihrer Brust ist abgeklebt. Langsam sickert das Blut aus ihrem Körper durch den weißen Stoff. Es ist derselbe Strand, an dem ihr Großvater Franz, ein Altnazi, sie mit einem Rucksack voller Sand entlang der Wellen marschieren ließ und der damals zehnjährigen Marisa zuraunte: »Ein Indianer kennt keinen Schmerz.« Er nannte sie seine »Kriegerin« und man erkennt gleich, wie stark das liebevolle Band zwischen den beiden trotz der eigenartigen Erwartungen von Franz ist. Jetzt, Jahre später, kniet neben ihr die 15-Jährige Svenja, erschrocken, doch gefasst. Auch sie trägt seit Kurzem ein Tattoo, ihr erstes. Eine 88 am unteren Bauch. Sie ließ es sich von Marisa stechen. Von ALEXANDER FUNK
Attraktive Serienstarts - Teil 2
ALPER TURFAN stellt wieder zwei kommende interessante Serien vor. Dieses Mal mit Charlie Sheen und dem einsamen Sheriff Walt Longmire. Den ersten Teil der Artikelreihe gibt es hier.
Das Mädchen mit dem Seelentattoo
Es ist zu einem kleinen Hobby der Hollywood-Kinomaschinerie geworden, europäische Filme, die an Ansehen gewinnen, neu zu verfilmen. Vielleicht mag es für das amerikanische Kino unumgänglich sein, so die Stoffe ihrem Publikum präsentieren zu können. Schließlich werden europäische Filme in den USA nicht synchronisiert und müssen mit Untertiteln auskommen. Die Europäer sind den Neuauflagen gegenüber meistens skeptisch eingestellt und manchmal sogar darüber empört. David Fincher scheint es sich mit seiner Neuauflage der bereits verfilmten Bestseller-Trilogie Millennium (Stieg Larsson) zur Aufgabe gemacht zu haben, zwischen diesen vorurteilbehafteten Ansichten mal richtig aufzuräumen. Von ALEXANDER FUNK
Von behindertengerechten Maseratis
Mit einem Maserati durch die Stadt rasen, das kam für Philippe (François Cluzet) schon seit vielen Jahren nicht mehr in Frage. Einerseits ist er ab dem dritten Wirbel querschnittsgelähmt, andererseits hält er es für unpragmatisch, sich mit diesem Auto von seinem neuen Pfleger Driss (Omar Sy) fahren zu lassen. Doch Driss macht sich nicht viel aus Philipps Pragmatismus, setzt ihn kurzer Hand auf den Beifahrersitz und schliddert mit röhrendem Motor über den mit Kies bestreuten Parkplatz. Von ALEXANDER FUNK
Der gütige Führer
Wer Faschismus und Nationalsozialismus als das ganz Andere denkt, verschleiert mehr als er erklärt. Es stimmt weder strukturell, noch historisch. Der Totalitarismus ist bereits angelegt, wo der demokratische Staat sein Gewaltmonopol missbraucht und von der Verfassung vorgesehene Freiheiten einschränkt. Und auch die Vorbereitung und Durchführung von Kriegen ist keine notwendige Bedingung des Faschismus, wie sie umgekehrt von demokratischen Regierungen betrieben werden können. Von THOMAS ROTHSCHILD
Das Lieblingsgericht zum Tod
»Der Rauch ist Nahrung für die Seele«, sagt die Mutter zu ihrem Sohn, dem Violinisten Naser Ali Khan, auf ihrem Sterbebett. Eine letzte Zigarette raucht sie, bevor sie stirbt. Der Rauch entweicht Ihrem Mund, doch er verflüchtigt sich nicht, sondern wird voll und weiß wie Watte, fliegt einem Wurm gleich aus dem Fenster, über Straßen und Felder bis hin zu ihrem eigenen Grab. Dort bildet er eine kleine, weiße Wolke und verweilt inmitten der verdutzten Angehörigen, die sich das Phänomen zu erklären versuchen. Mit solchen Details, die so reich an Ideen und Atmosphäre sind, verwöhnt das Regie-Duo Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud den Zuschauer in seinem neuen Werk. Von ALEXANDER FUNK
Clooney for President?
George Clooney dreht einen Polit-Thriller und spielt selbst den Präsidentschaftskandidaten. Das klingt zunächst nach einem Witz oder einer selbstverliebten Hollywood-Allmachtsfantasie. Doch der Schauspieler und Regisseur, der mit The Ides of March in seinem vierten Film die Regie übernahm, kommentierte dies mit seinem allgegenwärtigen Charme: »Ich wurde besetzt, weil niemand sonst an der Rolle interessiert war.« Ob das der Wahrheit entspricht oder nicht, George Clooney drängt sich in seinem neusten Werk nicht in den Vordergrund. Vielmehr schafft er mit seiner charismatischen Verkörperung des Gouverneur Mike Morris den Nährboden für die Hauptfigur Stephen Meyers und den Mann hinter dieser Rolle: Ryan Gosling. Von ALEXANDER FUNK
Nestroys und Offenbachs englische Verwandte oder: Theater als Theater
In England kennt sie jedes Kind. Bei uns sind sie immer noch ein Geheimtipp: das Gespann Gilbert & Sullivan. In den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts schrieben der Librettist William Schwenck Gilbert und der Komponist Arthur Sullivan eine Reihe von Bühnenwerken ganz eigener Art. Noch der Oper verpflichtet – in Großbritannien figurieren sie unter der Bezeichnung »Savoy Operas«, bei uns ordnet man sie meist der Operette zu –, könnte man sie als Vorläufer des Musicals, genauer: der Musical Comedy betrachten. Von THOMAS ROTHSCHILD
Selbstapplaudierende Kostümklamotte
»Bei Männern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein gutes Herze nicht.« Das Zitat ist eher profan denn universell, doch Weiß auf Schwarz (dem der Leinwand) wirkt es trotzdem vage tiefsinnig. Dass die Worte mehr von Unbedarftheit als Weisheit zeugen, macht nichts. Hauptsache sie stammen von Emanuel Schikaneder, dessen Theatertruppe Marcus H. Rosenmüller begleitet. Weisheiten gehören nicht ins Repertoire des überspannten Bühnenautors und -darstellers (Max von Thun), der sich so selbstgefällig in den Bühnenmittelpunkt drängt wie in den von Rosenmüllers Sommer der Gaukler. Von LIDA BACH
Sympathy for the Devil
Helmut Qualtinger wusste es bereits vor einem halben Jahrhundert: »Egal was auf der Welt passiert, jedes Jahr ist der Jedermann da.« Bereits in den fünfziger Jahren forderte der große Wiener Kabarettist den am meisten überschätzten Bühnenhelden auf: »Come, Mister Jedermann, gemma bisserl sterben, wenn auch dagegen sind die Hofmannsthalschen Erben.« Inzwischen sind die Rechte am Werk Hugo von Hofmannsthals frei. Eigentlich gäbe es keinen Grund mehr, seine berühmteste Erfindung am Leben zu erhalten. Von THOMAS ROTHSCHILD
...denn das Blut ist das Leben
»Hey, kleines Mädchen, hast du Angst?«, fragt der Bewaffnete mit der Maske. Der in Mark Reeves schmerzvoll-zärtlicher Liaison aus Kinderfilm und Horrordrama ein kleiner Junge vor dem Spiegel ist. Dort spielt der zwölfjährige Owen (Kodi Smit-McPhee) die Mordfantasien gegen die Mitschüler, die ihn terrorisieren. »Würdest du mich noch mögen, wenn ich kein Mädchen wäre?«, fragt Abby (Chloë Grace Moretz), die mit einem gealterten Fremden (Richard Jenkins) in Los Alamos auftaucht, kurz bevor eine Mordserie beginnt. Die mit geisterhafter Lautlosigkeit durch die lyrischen Kameragemälde streift. Die lange Zwölf ist, viel länger als Owen. Und die sein Heim nur betreten kann, wenn er sie einlädt. Von LIDA BACH
Die Kameliendame
Sie stirbt den schönsten Tod der Operngeschichte: Violetta Valéry, die Traviata. Das macht die Musik. Sie hat Generationen zu Tränen gerührt und tut es heute noch. Bei Peter Konwitschny bleibt sie am Ende nicht entseelt auf der Bühne zurück. Sie schreitet vielmehr nach hinten, ins dunkle Jenseits. Die Apotheose der Hure, die mit ihrem Opfertod die Vorurteile der bigotten bürgerlichen Gesellschaft besiegt hat – vorübergehend jedenfalls. Von THOMAS ROTHSCHILD
Buchbinders Beethoven
Es empfiehlt sich, zuerst das Gespräch anzuhören, das Rudolf Buchbinder als Bonus mit dem wohl kenntnisreichsten Pianistenkritiker deutscher Sprache, mit Joachim Kaiser führt. Es macht bewusst, wie viel intellektuelle und analytische Arbeit der Interpretation vorausgeht, und schärft die Wahrnehmung von Feinheiten, die einem ansonsten zu entgehen drohen. Buchbinder, der vor wenigen Tagen, am 1. Dezember 65 Jahre alt wurde, hat die fünf Klavierkonzerte Beethovens im Mai dieses Jahres im Wiener Musikvereinssaal vor Publikum aufgenommen. Er dirigiert die Wiener Philharmoniker vom Flügel aus. Von THOMAS ROTHSCHILD
»Die kleine Schlampe!«
Deutlicher als in der 1989 erschienen Zeichentrickfilm enthüllte kaum ein Disney-Klassiker die wahre Natur seiner Helden. Für die Erfüllung ihrer orgasmischen Fantasien, Teil von Prinz Erics deiner Welt zu sein, bezahlt Arielle mit etwas, dessen Bedeutungslosigkeit Seehexe Ursula und der Subtext des Animationsabenteuers nicht genug betonen können. Wer auf die andere Seite will muss den Wegzoll zahlen, im Malstrom und im Mainstream. Und was ist schon eine Stimme im Tausch dagegen, dass »all deine Träume Wirklichkeit werden. Du und dein Prinz in Liebe vereint. Für immer und ewig ...« Von LIDA BACH
Eine Frage der Perspektive
»The KKK shot him.« Nein, der Dialogsatz spricht nicht von Tate Taylors Kinoadaption des gleichnamigen Bestsellers von Kathryn Stockett, sondern einem ermordeten farbigen Protagonisten. Die Charaktere erleben den Mord nicht, noch weniger tun es die Kinozuschauer. Rassistisch motivierte Gewalt bleibt ein unscharfer Popanz in dem Melodram, das Bigotterie in Hochglanzoptik und selbstgerechtem Moralismus tarnt. Von LIDA BACH
Zar und Zimmermann
»Was filmen Sie denn da?«, fragt einer von drei zufällig dabeistehenden Jugendlichen während Cyril Tuschi die Kamera über eine orthodoxe Kirche in der verschneiten russischen Landschaft schwenken lässt. Sie drehten einen Film über Michail Chodorkowski, antwortet der Regisseur und Produzent, der mit seinem zweiten Langfilm Der Fall Chodorkowski sein aufrührerisches Dokumentardebüt gibt: »Wisst ihr, wer das ist?« Von LIDA BACH
Wer hat an der Uhr gedreht?
»Hey Mister, hast du´n bisschen Zeit?« Nein, hat der Mister nicht. In Time zu sein ist für Will Salas (Justin Timberlake) und die übrigen Protagonisten lebenswichtig. Zeit ist Geld in der atemlosen Zukunftsvision, die Andrew Niccol in kaltem Retro-Chic inszeniert, im wörtlichen Sinne. Zeit ist die neue Währung der futuristischen Welt, durch die Will mit seiner attraktiven Geisel Sylvia (Amanda Seyfried) wie eine Actionfilm-Version von Momo hetzt. Von LIDA BACH
Zeich(n)en der Zeit
»Ich werde arbeiten wie die Spinne, die ich an diesem Morgen ihr Netz weben sah.« Tautropfen hängen in an den einzelnen Fäden. Ein Symbol der Reinheit in einer unreinen Welt, in der Sünde und Tugend, Leben und Tod einander an den Händen nehmen, um im Reigen zu tanzen. Trauer, Freude, Lust und Schmerz: Sie alle sind Teile eines großen Ganzen, die sich herauskristallisieren, ohne dabei ihren Bezug zum Gesamtbild zu verlieren. Jenes Bild steht nicht im Zentrum von Lech Majewskis unergründlichem Film, jenes Bild ist der Film. Die Mühle und das Kreuz sind seine Pole, die der Regisseur und Autor erblickt, wenn er aus den Augen Pieter Bruegels des Älteren auf eine Welt blickt, die nicht mehr die Gegenwart, sondern das Flandern des Jahres 1564 ist. Von LIDA BACH
»Du gewöhnst dich dran.«
»Wir reparieren es und machen es besser, als es war!«, sagt David Amy. Amy (Kate Bosworth) kommt aus dem ländlichen Kaff, wo das Paar das Haus ihres verstorbenen Vaters wiederaufbauen will. Aber sie hat Glück gehabt und den wohlhabenden David Summer (James Marsden) geheiratet. David ist erfolgreicher Drehbuchautor, Amy nur Schauspielerin in einer drittklassigen Fernseh-Show für ungebildete Hinterwälder. Alle in Blackwater gucken Amys Show. Davids attraktive junge Frau ist einer der Straw Dogs, mit denen er die Einwohner vergleicht: lokale Berühmtheiten, die, wie die chinesischen Zeremonienfiguren, kurz verehrt und dann zertreten werden. Von LIDA BACH
Attraktive Serienstarts - Teil 1
ALPER TURFAN sinniert, ob Dustin Hoffman aufs richtige Pferd setzt, Martin Scorsese mit Daniel Küblböck zusammenarbeitet und ob Jack the Ripper immer noch Angst und Schrecken verbreiten kann. Das ist der erste Teil der Serienstarts-Reihe.
Der Erbe von Jack Kerouac und Captain Beefheart
Pop ist eine polytheistische Religion. Sie hat viele Götter. Tom Waits ist mit Sicherheit einer davon. Wie er sich auf dem Olymp mit Elvis Presley und John Lennon, mit Bob Dylan und Janis Joplin, mit Frank Zappa und Patti Smith verträgt, wissen wir nicht, aber dass er dort residiert, steht fest. Von THOMAS ROTHSCHILD
Pride and Prejudice
Die Schlange reichte bis auf die Straße. Vielleicht musste man nicht lange warten, aber es fühlte sich lange an. Warten fühlt sich für Kinder meistens lange an. 17 Jahre ist dieser Kinobesuch her. Das Kino ist schon lange geschlossen, der Film aber, der damals gezeigt wurde, läuft weiter. Nun erscheint er in einer Spezialedition auf Blu-Ray und es ist Zeit für eine Rezension. Wäre das Leben ein Disney-Film, würde in jetzt im Hintergrund Elton John laufen: »...the Circle of Life!« Aber das ist es nicht, zum Glück für die, denen der Song schon als Kind missfiel. Wie LIDA BACH.
Nach dem Signalton
Einer der außergewöhnlichsten deutschsprachigen Kinofilme dieses Jahres kommt aus der Schweiz. Realisiert wurde er von dem in Luzern geborenen und in Zürich lebenden Filmemacher Thomas Imbach, der seine mitunter avantgardistisch anmutende Experimentierfreude beibehielt, nachdem er von seinen Anfängen als Dokumentarfilmer (Well Done, 1994; Ghetto, 1997) zum Spielfilm wechselte (Happiness is a Warm Gun, 2001; Lenz, 2006). Von STEFAN VOLK
Adorkable!
Nach mittlerweile sechs Episodes der bald auf ProSieben erscheinenden Erfolgsserie New Girl wird es für ALPER TURFAN Zeit, mit mixed feelings ein erstes Review zu schreiben. Allen Anti-Anglizismisten wird empfohlen, den Browser zu closen. Auch wenn das Wort Anglizismist in der Google-Suche fourhundredfourt. Whatever.
Sehr leicht
Selten ist die Sonne zu sehen in Jane Eyre, dem neuen Film des Regisseurs Cary Fukunaga, der bereits mit seinem Kinofilmdebüt Sin Nombre einige Aufmerksamkeit auf sich zog und mit dem Preis für die beste Regie auf dem Sundance-Festival 2009 ausgezeichnet wurde. Von ALEXANDER FUNK
Bürgerlicher Blutrausch und emotionaler Folterporno
»Die Folgen des Schlags sind neben einer geschwollenen Lippe der Verlust beider Schneidezähne, beim rechten einhergehend mit einer Schädigung des Nervs.« So steht es im Protokoll, fein säuberlich auf der Computertastatur getippt. Doch die Auseinandersetzung, die der Schriftsatz dokumentiert, ist nur das Vorspiel zum Hauptkampf. Aufgeführt wird es von den beiden Söhnen der Kombattanten. Von LIDA BACH
»Paradiesvorbereitung, die erste!«
»Wir sind in Oberammergau von Berufswegen gezwungen Gottesfinder zu sein«, lächelt Otto Huber, doch hinter seinen Worten steht tiefer Ernst. Der Mann, dessen Haar und Bart während der folgenden Wochen und Monate immer länger und dichter werden, ist zweiter Dramaturg und Spielleiter eines der spektakulärsten Theaterereignisse der Welt. Von LIDA BACH
Willkommen in der fabelhaften Welt des Oliver Tate!
Der jugendliche Held in Richard Ayoades Spielfilmdebüt ist ein Träumer, Außenseiter und poetischer Kauz. Charismatisch verkörpert vom britischen Nachwuchsdarsteller Craig Roberts reiht er sich mit Schuluniform und Dufflecoat ein in die Phalanx skurril-sensibler Kino-Antihelden von Harold (Harold und Maude) bis Hallam Foe. Von STEFAN VOLK
Herrscher, Intriganten, Kurtisanen
Dass HBO für stilprägende Serien (Die Sopranos, The Wire, Boardwalk Empire) bekannt ist, ist kein Geheimnis. Mit Game of Thrones ist der nächste große Wurf gelungen. Die auf der Fantasy-Reihe Das Lied von Eis und Feuer (R. R. Martin) basierende Serie überzeugt in jeder Hinsicht. Doch was macht sie so besonders? Etwas verspätet blickt ALPER TURFAN nach Westeros und schreibt über seine neue Lieblingsserie.
Brecht und der Film
Der Titel dieses Films ist auch vielen bekannt, die ihn nie gesehen haben: Hangmen Also Die – auf Deutsch: Auch Henker sterben. Das kommt: Autor der Story ist kein Geringerer als Bertolt Brecht. Offiziell steht der Name des amerikanischen Mitarbeiters John Wexley für das Drehbuch im Vorspann. Auch Brechts Koautor, zugleich der Regisseur, trägt einen berühmten Namen: Fritz Lang. Aber es lässt sich nicht leugnen: dieser 1943 in den USA gedrehte Film bleibt zurück hinter dem übrigen Werk Brechts und auch hinter sowohl den deutschen Vorkriegsfilmen wie den amerikanischen Filmen Fritz Langs. Von THOMAS ROTHSCHILD
Im Büro wird die Luft knapp
Die preisgekrönte Comedy-Serie The Office (U.S.), die auf demselben Original wie Stromberg basiert, verliert in der achten Staffel ihren Reiz. ALPER TURFAN liefert einen Überblick und versucht die stetig sinkende Qualität zu begründen.
»Polizei, Handschellen, Gefängnis. So ist das im Leben.«
Die letzten Dinge bestimmen die Arbeit von Nadine. Die zweifache Mutter und ihre Kollegen sind Beamte der »Polisse«. Die Sondereinheit der Pariser Polizei befasst sich mit Jugendschutzdelikten, die meisten davon Sittlichkeitsverbrechen gegen Kinder. Es ist ein Job, der die rund ein Dutzend Männer und Frauen täglich an ihre Grenzen bringt, physisch und psychisch. Maïwenn hat ihn selbst aus nächster Nähe erlebt. Über mehrere Wochen begleitete die Regisseurin und Co-Drehbuchautorin die Pariser Jugendschutzeinheit bei ihrer Arbeit. Von LIDA BACH
Urzeit-Kino
Jahrtausendealt sind die unsichtbaren Augen der Steinzeitmenschen, von denen die Wandmalereien der Chauvet-Höhle geschaffen wurden; noch kindlich im Vergleich zu ihrem Alter ist das filmische Auge, das die ältesten bekannten Bilddokumente der Menschheitsgeschichte dreidimensional uf die Leinwand zaubert. LIDA BACH stieg hinab in die Höhle der vergessenen Träume.
»Es war sehr viel Adrenalin in dieser Produktion.«
LIDA BACH traf Regisseur Michael Beyer, der mit seinem Konzertfilm in 3D filmisches Neuland betritt.
»Schreiben heißt für mich öffentlich Angst zu überwinden.«
»Das erste was ich brauch, sind Bilder.« Handkameraaufnahmen, Archivmaterial, Filmausschnitte. Manche von seinem Freund Christoph Rüter, der einen Film daraus konzipierte, die meisten von ihm selbst. Beide lernten sich im Berlin der späten Achtziger bei einem Theaterprojekt kennen. Beide sind Regisseure. »Hier Christoph, frag wichtige Fragen!«, fordert der Gefilmte beim Gang über den Schiffbauerdamm, wo seine Wohnung liegt. Den Einzug, das Erkunden, selbst unter der Dusche darf die Kamera filmen, aber nicht das Warum des Schreibens. Von LIDA BACH
Ein Stachel im Fleisch
Heute startet das Porträt über den Ausnahmeskünstler Thomas Brasch Brasch - Das Wünschen und das Fürchten in den deutschen Kinos. LIDA BACH hat Regisseur Christoph Rüter vorab getroffen.
»Die Liebe ist gewiss die unzweckmäßigste Sache der Welt.«
»Neigungen korrigiert man mit Worten«, sagt der zukünftige Schwiegervater der Prinzessin von Montpensier. Doch weder die manierierte Sprache der Renaissance noch die theatrale Bildsprache, in die Bertrand Tavernier den Literaturklassiker Madame de Lafayettes übersetzt, können die Glut der jungen Heldin (Melanie Thierry) der geschnürten Kinohistorie ersticken. In der zerbrechlich anmutenden Marie brennt eine Leidenschaft, die weder die arrangierte Heirat mit dem Prinzen von Montpensier (Gregoire Lepince-Ringuet), noch der Verrat ihres heimlichen Geliebten Henri de Guise (Gaspard Ulliel) unterdrücken können. Von LIDA BACH.
Menschenverachtung
Eins der groteskesten Werke der Opernliteratur ist Platée von Jean-Philippe Rameau. Es geht um die liebeshungrige Nymphe Platée, der Jupiter, unter der Regie von Momus, dem Gott des Spotts, Liebe vortäuscht und zum Schein die Ehe verspricht, um Juno von ihrer krankhaften Eifersucht zu heilen. Das ist komisch, weil Platée in ihrer Verblendung nicht bemerkt, was tatsächlich um sie herum geschieht. Wollte sich sich zunächst noch mit dem Menschen Citheron zufrieden geben, der sie gar nicht beachtete, so zweifelt sie nur in schwachen Momenten daran, dass Jupiter selbst sie lieben könnte. Von THOMAS ROTHSCHILD
Vor der Abwicklung
Die Jüngeren werden sich das kaum noch vorstellen können: Es gab eine Zeit, da das Fernsehen sich als kritisches Medium verstand und das Wort »Bildungsauftrag« noch nicht als Schimpfwort interpretierte. Damals gab es eine informelle Gruppe von Dokumentarfilmern, die man später wegen einer gemeinsamen Grundhaltung und dem hohen Niveau, das sie teilten, mit dem Etikett »Stuttgarter Schule« versah – wie fast zur gleichen Zeit die literarische Gruppe um Max Bense, Helmut Heißenbüttel und Reinhard Döhl. Von THOMAS ROTHSCHILD
Von Strehler lernen heißt Regieführen lernen
Im Jahr 1980 hat der große Giorgio Strehler an der Mailänder Scala Mozarts Hochzeit des Figaro, die nach der Zauberflöte und nach La traviata, Carmen und La bohème meistaufgeführte Oper, inszeniert. Seine Interpretation war so überzeugend, dass man sie auch nach Strehlers Tod im Jahr 1997 auf dem Spielplan beließ. 2006 hat die RAI sie aufgezeichnet, und jetzt kann man sie auf DVD erwerben. Von THOMAS ROTHSCHILD
»Das nennt man Baby Porno.«
Alle Mütter lieben ihre Töchter, anders können sie gar nicht, lernt Violetta von einem der Erwachsenen, deren Augenstern sie ist. Anders als ihr filmisches alter ego (Anamaria Vartolomei) glaubt Eva Ionesco tatsächlich daran, und die cineastische Fiktionalisierung ihrer eigenen Biografie gibt ihr auf perverse Weise Recht. I´m Not a F**king Princess unterhält als bizarres Exposé von Hysterie und Melodramatik, die niemals das Herz berührt. Von LIDA BACH
Saint Anger
Der Hund hat sich durch die Nacht gequält, eine geschundene Kreatur, die ihren Schmerz nur unartikuliert äußern kann. Am Morgen ist der Hund tot. Erlösung kann in seltsamer Form kommen: Glaube, Wut und Hoffnung. Am größten unter ihnen ist jedoch die Wut. Blind davor schleppt sich Joseph durch die schäbigen Arbeitergassen von Leeds, in den Armen seinen sterbenden Hund. Er selbst hat - trunken von Alkohol und Raserei - auf das Tier eingetreten ... Von LIDA BACH
Ist die Katze aus dem Haus...
Katzenmusik. Gleich am Anfang des Tages und am Anfang des Films, eine komisch-traurige Ode auf ein Land und seine Menschen. Alle zerrissen: das Land vom Konflikt zweier Bevölkerungsgruppen, die Einwohner zwischen den verschiedenen Parteien, der Regisseur und Drehbuchautor Danis Tanovic zwischen Sympathie für die menschliche Schwäche und Kummer über die menschliche Torheit und sein Film zwischen skurriler Komik und leiser Wehmut. Von LIDA BACH
Die Qual der Zahl
»10,5?« Ja. Da steht es schwarz auf weiß vor Allys Augen, denen die Single-Frau nicht mehr traut. Die Zeitschrift, die ihr die Zahl entgegenhält, ist zwar nur die Marie Claire, aber die Studie, der sie den Durchschnittswert entnommen hat, ist eine der Harvard-Universität. Und Harvard könnte sich nie irren, oder? Zumindest nicht bei einem Thema: Sex. Um den und die Frage, wie viel zu viel ist, kreist Mark Mylords Romantikkomödie. Das »viel« bezieht sich dabei nicht auf den Sex selbst, sondern die Anzahl der Partner, mit denen er praktiziert wurde. »What´s Your Number?« steht bedeutsam über dem Harvard-Artikel und dem Originalkinoplakat. Zu hoch, glaubt Ally, die nur noch eine Rettung vor dem Schlampen-Stigma sieht: Der perfekte Ex. LIDA BACH konnte beim Ansehen nicht auf Unterhaltung zählen.
Was der Himmel erlaubt
»Diese Vorstellung, man müsse sich verlieben, um für immer und ewig glücklich zu leben: das ist einfach nicht wahr«, glaubt Marley. Beginnt eine Hollywood-Liebeskomödie mit einem solchen Satz, ist diese Vorstellung natürlich doch wahr. Und klingt der Titel der Liebeskomödie nach einer Mischung aus christlicher Heilslehre und dem Schlager einer anderen Nicole, ist sie noch ein bisschen wahrer. Das lehrt in Nicole Kassels tragischer Romanze Gott in Gestalt von Whoopi Goldberg persönlich Marley und das Publikum. Wer würde sich einer Glaubenslektion von Whoopi widersetzen? LIDA BACH tat es im Kino.
Schlafende Schönheit
Warum so melancholisch? Eine wunderbare Zukunft wartet auf dich – bestimmt zum Helden eines zauberhaften wahren Märchens – und die von ihrer wahren Liebe träumende Prinzessin Aurora, dasselbe Bauernmädchen, die erst gestern das Herz unseres noblen Prinzen gewonnen hat. Sonnengoldenes Haar, Lippen rot wie Rosen, ruht sie in alterslosem Schlummer, doch hundert Jahre sind nur ein Tag für ein standhaftes Herz. Und nun reitet unser Prinz auf seinem edlen Ross in ritterlicher Gestalt, um seine Liebste mit »der Liebe erstem Kuss« zu wecken und zu beweisen, dass »wahre Liebe« alles besiegt. Von LIDA BACH.
Faster, Ghetto-Kid! Kill, kill!
»Würde der Dritte Weltkrieg dort draußen toben, würde man keinen Unterschied merken.« Tatsächlich hat der Dritte Weltkrieg in der heruntergekommenen Hochhaussiedlung, die das labyrinthische Herz von Attack the Block ist, schon begonnen. Ein Zweifrontenkrieg zwischen engagierter Bürgerklasse und krimineller Ghetto-Jugend, zwischen Erdbevölkerung und Aliens: Menschen gegen »beschissene Monster«. So nennt Sam (Jodie Whittaker) die Gang um den jugendlichen Moses (John Boyega), von der die Krankenschwester auf dem Heimweg von der Überschicht ausgeraubt wird. Was die irdischen und außerirdischen Invasoren der innerstädtischen Arena verdienen, ist das Dogma von Joe Cornishs aggressiver Mischung aus Kampfspektakel und Science-Fiction-Komödie: »Kill ´em, kill all of them things!« Von LIDA BACH
Wunderpampe aus der Wunderlampe
»Komm mit mir in ein Land, ein exotischer Fleck, wo Kamele durch die Wüste zieh´n. / Du riskierst deinen Kopf und sofort ist er weg. Tja, vergiss es. Dann platzt der Termin. / Trau dich nur, komm vorbei. / Geh´ zum Teppichverleih!« - Dort erklang dieser Song vor fast zwei Jahrzehnten erstmals. Aladdin ist der erste einer Reihe von Disney-Filmen, deren Setting sich passend mit Faux-Exotik umschreiben lässt. LIDA BACH sah den Disney-Klassiker damals und heute.
Kunstperle statt Kinojuwel
»In Shanghai ändern sich die Dinge schnell«, weiß Paul Soames. Besonders, wenn das Jahr 1941 ist und sich japanische Besatzer und chinesische Resistance in den Straßen bekriegen, noch mehr, wenn man als amerikanischer Agent gegen die Nazis spioniert, am meisten, wenn man dem Unterweltboss das Leben rettet, dessen mysteriöser Frau man verfallen ist, und den Mörder eines Freundes sucht, der die Geliebte eines Botschafters verführt hat. Dann ist Shanghai kein Ort, sondern ein Thriller wie Mikael Hafströms Neo-Noir. LIDA BACH sah ihn im Kino.
Tischgespräche
Zwei Männer sitzen an einem Tisch und reden mit einander. Die Kamera zeigt sie meist beide im Bild, in einem Two Shot, manchmal wird auf das Gesicht des einen oder des anderen geschnitten. Wer will sich so etwas anschauen? Jeder, der an Theater interessiert ist. Jedenfalls wenn die zwei Männer Gert Voss und Harald Schmidt heißen. André Heller hat sie in seine Villa am Gardasee eingeladen, in deren Garten die beiden zu Beginn und am Ende ohne besondere Motivation spazieren, und es wurde eine Sternstunde der Liebe zum Theater. Es ist vor allem Voss, der erzählt. Harald Schmidt bescheidet sich weitgehend auf wohltuende Weise mit der Rolle des Stichwortgebers. Von THOMAS ROTHSCHILD
»Garantiezeit. Ein merkwürdiges Wort für einen Menschen«
»Wir verkaufen keine Menschen«, versichert die Dame von der Institution Anna und Hermann, als die Garantiezeit fast um ist und das greise Paar sich entscheiden muss. Wollen sie zwei alte verwelkte Leiber – der eine von Metastasen zerfressen, der andere mit einem schwachen Herzen – oder wollen sie Apolain und Sarah? Sie müssen sterben, damit Anna und Hermann leben können. Es ist kein Zwang, sondern ein Geschäft; kein wirkliches Sterben und kein wirkliches Leben, sondern zwei Scheintode im Tausch gegen zwei Scheinleben. Übertragung von Körper, Geist und Geld und ein Handel: Alles verschmilzt zu verheißungsvoller Horrorvision und gespenstischem Wunschtraum. Das Verlassen des Körpers wird der Übergang in einen neuen. Tod wird – Transfer. Von LIDA BACH.
Blume des Bösen
»Du bist ein cleveres Mädchen. Und clevere Mädchen bekommen in diesem Leben immer, was sie sich wünschen«, lautet die erste Lektion, die Cataleya bei ihrer Einweihung in die Welt der organisierten Kriminalität erhält. Und das kleine Mädchen begreift schnell. Schneller als der gewissenlose Gangster Marco begreift, den er sich zum Feind gemacht hat, als er Cataleyas Eltern ermorden ließ. Das Leben, in dem clevere Mädchen immer kriegen, was sie wollen, kann kurz sein in den Straßen Bogotas – wo zwischen bunten Häusern und sonnendurchfluteten Gassen niemand ohne Maschinengewehr und Goldkette das Haus verlässt. Auch Cataleya trägt eine Kette, die ihr Vater ihr vor seinem Tod gab. Daran hängt die Orchidee, die Namensblume der eiskalten Rächerin von Colombiana. Von LIDA BACH.
Der römische Frühling des Signore Gianni
»Trinkst Du Weißwein?« Was für eine Frage! Natürlich trinken Gianni und die Frauen Weißwein. Ein guter Jahrgang verlangt nach einem zweiten, weiß die reife und überreife Figuren-Riege, die auf Roms sonnendurchfluteten Vias und Piazzas einen zweiten Frühling genießt. Spaziert das ausufernde Ensemble nicht über eine pittoreske Straße oder sonnt sich auf einer Parkbank, amüsiert man sich je nach Altersklasse bei Bier und Drogen-Cocktails auf einer Party, beim Edeldinner mit reichlich Weißwein oder beim Seniorenpoker – selbstredend nicht ohne ein Gläschen in Ehren. Leider wird nicht alles mit dem Alter besser. Altbackenheit zum Beispiel – auch wenn man sie Gianni Di Gregorios Lustspiel weniger übel nimmt. Von LIDA BACH.
Bad Lieutenant
Manche Probleme lösen sich von selbst, genau wie manche Verbrechen. Alkohol am Steuer, Überschreitung des Geschwindigkeitslimits und Drogenkonsum, verübt von einer Gruppe, die den bornierten Begriff von ›jugendliche Rowdies‹ zu definieren scheint und in einem roten Wagen entlang der irischen Küste rast. Diese erste Szene von John Michael McDonaghs schwarzer Komödie impliziert, dass sie sich auch zahlreicher Vergehen schuldig machen, die weniger klar im Gesetzbuch definiert sind: Landschaftsstörung, Tristesse-Störung, Dorfgemeinschafts-Störung – nur nicht Ruhestörung. Jedenfalls nicht der Ruhe, von The Guard Gerry Boyle. LIDA BACH sah Film und Titelcharakter im Kino.
Was vom Teller übrig blieb
»Irgendwie ist es viel schöner als im Supermarkt einkaufen«, finden Robert und Gerhard. Man müsse sich keine Gedanken machen, was man einkauft. Und was abends auf den Tisch kommt, sei immer eine Überraschung. Nicht die beiden Österreicher entscheiden, was sie essen – der Supermarkt entscheide es für sie: durch die Produkte, die er wegwirft. Den Titel Taste the Waste setzen beide in die Tat um: »Das fördert die Kreativität!« Auch die von Valentin Thurn. Der Dokumentarfilmer ging den Mülltonnen einst persönlich auf den Grund. Jahrzehnte später kam er wieder und hatte eine Filmkamera dabei, die nicht nur den Abfall, sondern dessen Produzenten ins Visier nimmt. Was er zu Tage fördert sah LIDA BACH im Kino.
Nur noch ein paar Krümel übrig
Mit sieben ist die Welt noch in Ordnung. Da gibt es extraschokoladigen Geburtstagskuchen mit ganz viel Zucker drauf. Beim Auspusten der Kerzen kann sich Mallaury (Adrienne Vereecke) wünschen, dass alles so gerecht geteilt wird wie ihre Geburtstagstorte; und dass, wer weniger braucht, freiwillig weniger nimmt – damit für alle ein Stück da ist: die älteren Schwestern Jessica (Camille Zouaoui) und Lucie (Flavi Bataille) und Mama France (Karin Viard). Aber Mama will keine Schokolade, sie will lieber einen Job. Wie ihre Mitarbeiter in der Fabrik und zahllose andere in dem Land ist France entlassen worden. Vor Verzweiflung will die alleinstehende Mutter dreier Kinder schon freiwillig den Löffel abgeben. Von LIDA BACH.
Die Rechnung ging nicht auf
Ein kurzes Flackern im Dunkeln. Eine Randnotiz, verdrängt an die äußerste Grenze der Leinwand und des Lebens. Easy Money heißt Daniel Espinosas haarscharf inszenierter Thriller, ein cineastischer Fiebertraum vom schnellen Geld, dem sich das desolate Figuren-Trio für zwei Kinostunden hingibt und aus dem es für jeden von ihnen ein unsanftes Erwachen gibt. Unrechtmäßig erworbene Gewinne, schmutziges Geld, thieves money. Snabba Cash, mit dem die in die Enge getrieben Charaktere sich freikaufen wollen und für das sie bitter bezahlen. LIDA BACH zieht Bilanz.
Bread & Butter
»Mama hatte eine Abneigung gegen frische Produkte.« Zaghafte Bemühungen, seine Mutter in eine Küchenfee zu verwandeln, haben es Nigel Slater gelehrt. Frisches wird nicht serviert in Wolverhampton, nicht in den Sechzigern, nicht in dem adretten Mittelschichthaushalt, in dem der kochbegeisterte Grundschüler mit seinem verbissenen Vater (Ken Stott) lebt - und vor allem nicht in Toast. Frisches ist immer riskant, erst recht, wenn es innovativ zubereitet wird. Die zuverlässigsten Dinge kommen aus der Konserve und selbst die wird nur mangelhaft aufgewärmt. Nach der gleichen Methode, die der Filmbeginn zeigt, bereitet S. J. Clarkson seine biografische Komödie vor. Bis in die Kinos schaffte es das britische TV-Spiel. LIDA BACHs Geschmack traf es nicht.
That´s why the Lady is no Tramp
Hundebabys bringt der Weihnachtsmann. An Heiligabend stecken sie ihre Nase aus einer Hutschachtel wie Cockerspaniel Lady. Ganz doll hofft man als Kinderzuschauer zu Weihnachten auf eine Hundehutschachtel - und ganz doll lieben Lady ihre Besitzer. Bis ihnen ein besseres Geschenk gebracht wird, vom Storch. »Wenn das Baby einzieht, zieht der Hund aus«, hat der Streuner Tramp gelernt. Nachdem ihre reichen Besitzer Jim Dear und Darling eigenen Nachwuchs haben, lernt ihr ausgewachsenes Hundekind die Brüchigkeit menschlicher Zuneigung kennen. Da Kennenlernen nicht Erkennen bedeutet, versucht Lady die Gunst ihrer Eigentümer zurückzugewinnen. Von LIDA BACH
Es hat uns keinen Spaß gemacht
„Manche Träume sind so ruhig, dass man sie sofort wieder vergisst.“ Dies gilt auch für Sinem Sakaoglus und Jesper Möllers Kinderfilm Das Sandmännchen. In ihrer abendfüllenden Puppentrick-Animation besteht die populäre Fernsehfigur ihre Abenteuer im Traumland erstmals im Kino. Von LIDA BACH
"Wir hatten einen Exorzisten am Set!"
Seine Fake-Dokumentary The Last Exorcism wurde in den USA zu einem absoluten Überraschungserfolg. Zum Kinostart seines packenden Horrorthrillers am kommenden Donnerstag sprach LIDA BACH mit Stamm über filmische und reale Exorzisten.
Mias Geschichte
Der britischen Regisseurin Andrea Arnold gelingt mit „Fish Tank“ das eindringliche Porträt einer 15-jährigen jungen Frau. Shootingstar Katie Jarvis agiert als eigenwillige Protagonistin Mia und überzeugt durch die authentische Darstellung einer Heranwachsenden zwischen Kindheit und Aufbruch ins Erwachsenwerden. Von MONIKA THEES
Rock´n´Roll Realschule
„Wenn wir genau hinhören wird klar, dass wir alle zum gleichen Song tanzen“, erzählt eine der jungen Protagonisten zu Beginn des Films. Das Dialogzitat aus Jon M. Chus drittem Teil der erfolgreichen Tanzfilm-Serie Step up ist zutreffender, als beabsichtigt. Das Schrittmuster des Jugendfilms ist streng, aus der Reihe getanzt wird nicht, gilt in dem populären Genre-Mix aus Teenie-Romanze und Tanzeinlagen. Von LIDA BACH
Die Magie des Hayao Miyazaki
Ein magisch begabtes Goldfischmädchen träumt von der Welt und entflieht dem Unterwasserschloss seines Vaters. Mit dem fünfjährigen Sosuke erlebt es das „große Abenteuer am Meer“ – erzählt vom japanischen Zeichentrickmeister Hayao Miyazaki in seinem neuesten Anime Ponyo. Von MONIKA THEES
Beseelung und Weltversöhnung
Sie fühlen sich ein bisschen wie ein Außenseiter oder gar einsam? Sie denken manchmal, alle Menschen um sie rum fahren im Leben auf der Überholspur, nur Sie stehen mit Tretroller und Reifenpanne auf dem Seitenstreifen? Und/oder Sie haben diesen unsichtbaren Freund, der bei Ihnen auf einem Stuhl im Wohnzimmer sitzt und Herr Ravioli heißt? Selbst, wenn Sie nur die ersten beiden Fragen mit „Ja“ beantwortet haben: Schauen Sie sich den wunderbaren Mary und Max an – der Film wird Sie beseelen und mit der Welt versöhnen. Von FLORIAN HOFFMANN
Pesthauch des Bösen
„Die Priester sagten uns, es sei Gottes Strafe. Für welche Sünde?“ 662 Jahre nach der Handlungszeit von Christopher Smiths mittelalterlicher Splatter-Orgie ist die vom Hauptcharakter gestellte Frage aktueller denn je. Was hat das Kinopublikum verbrochen, dass es die krude Inszenierung und die reaktionäre Botschaft von Smiths Horrorstreifen Black Death heimsuchen? fragt LIDA BACH.
Aus einer anderen Zeit
Reicht ein vor fast 40 Jahren ausgesprochenes Aufführungsverbot, um einen Film im Jahr 2010 in die Kinos zu bringen? Wenn es nach der DEFA-Stiftung geht, ja. Von BASTIAN BUCHTALECK
Opfer verstärkter Aufmerksamkeit
Der Weg eines DDR-Verbotsfilms. Von BASTIAN BUCHTALECK
Das dreckige Halbdutzend
Filme „in denen Männer noch Männer sind, die ihre Konflikte im Nahkampf lösen“ hätten Sylvester Stallone zu seinem Action-Reißer „The Expandables“ inspiriert, verkündet das Pressematerial. Das klingt nach martialischer Gewaltverherrlichung und Machismo. Doch der Begriff Inspiration ist bei Stallones jüngstem Werk wörtlich zu nehmen. Seine Einfälle sind kein Neuaufguss bekannter Klischees und plumper Stereotypen, sondern deren genüssliche Ironisierung. Von LIDA BACH
Ein aussterbendes Amerika
Der melancholische Blick auf ein Amerika, das Raum lässt für social sidewinders sowie die Schönheit und den Schmerz des Scheiterns. Von GERD HASELMAIER
Erschreckende Ehrlichkeit
In den Geschichtsbüchern und Medienarchiven halten sich manche Namen als grausige Mahnmale der Perversion. Josef Fritzl oder Marc Dutroux stehen da für die Seite der Täter und Natascha Kampusch oder Madeleine McCann bilden die traurige, vor allem mediale Speerspitze der Opfer, die es zu ungewollter Berühmtheit geschafft haben. Von MAXIMILIAN REISS
Wie ich den Krieg gewann
M. Night Shyamalan versucht mit seiner Verfilmung der erfolgreichen US-Zeichentrickserie Avatar: Die Legende von Aang einen Actionfilm für Kinder zu inszenieren. Doch sein Fantasy-Spektakel um stereotype Figuren in computergenerierter Kulisse ist mehr als fragwürdig. Von LIDA BACH
To creativity and beyond
1994 bringt Steven Spielberg mit JURASSIC PARK gleich mehrere computeranimierte Dinosaurier auf die Leinwand und läutet damit den endgültigen Siegeszug des CGI (Computer Generated Images) ein.. 1995 bringt John Lasseter zwar nur einen einzigen Dinosaurier auf die Leinwand, aber dafür ist auch die gesamte TOY STORY um ihn herum aus dem Computer generiert. Von MAXIMILIAN REISS
Die von der schnellen Truppe
Der kultträchtige Spruch, der die Fernsehauftritte des alten „A-Team“ einleitete, könnte abgewandelt auch der Kinoadaption vorangehen: „Vor 23 Jahren wurden die vier Männer einer militärischen Spezialeinheit für ein Verbrechen verurteilt, dass sie nicht begangen hatten. Die Fernsehserie, in der sie zu Kult-Figuren geworden waren, wurde eingestellt. Sie brachen aus dem Videoregal aus und tauchten im Actionkino unter. Wenn Hollywoods Produzenten ein Problem haben, weil ihnen die Ideen ausgehen, rufen sie „The A-Team“! Von LIDA BACH
Liebe mit Handicap
„Wer will schon normal sein?“, fragen Laura und Daniel und durchbrechen als ungleiches Liebespaar eingefahrene Verhaltensweisen und Vorurteile. Der spanische Spielfilm Me too (Yo, también) erkundet die diffizile Zuneigung zweier Menschen und hinterfragt humorvoll die vermeintlichen Grenzsetzungen zwischen Behinderung und sogenannter Normalität. Von MONIKA THEES
Der Stoff aus dem die Träume sind
Ein Ungleichgewicht zwischen ansprechender Optik und der Bedeutung des Inhalts ist nicht nur charakteristisch für Träume, ein anschauliches Beispiel dafür ist Christopher Nolans Science-Fiction-Thriller. In der labyrinthischen Gigantomanie der verschachtelten Handlungsebenen ist der Regisseur und Drehbuchautor noch verlorener als seine Charaktere. Von LIDA BACH
Der Name der Dose
Man mag den Plot – uneinsichtiger Protagonist überdenkt seine überhebliche Einstellung gegenüber Liverollenspiel und das Ende ist happy – etwas cheesy finden. Aber das ist er nicht. Er ist konsequent, meint MARTIN SPIESS
,,Kämpfen nicht gut. Aber wenn kämpfen, dann gewinnen." *
LIDA BACH war im Hotel Adlon und hat einen überaus redseligen Will Smith erlebt. Jackie Chan dagegen versuchte, seiner Rolle als weiser Alter, der nur das Nötigste sagt, gerecht zu werden.
Lost in Space
Predators, so wie ihn Produzent und Ideengeber Robert Rodriguez verstanden wissen will, soll weder ein Reboot der Kinoserie, noch ein Remake/Reimagining des Originalfilms von 1987 sein, sondern ein Sequel zu dem längst zu einem Kultfilm der 1980er Jahre erhobenen Sci-Fi-Horror-Actionfilm Predator. Von ASOKAN NIRMALARAJAH
Die Schönheit der Bewegung im Alter
Der tschechische Hochspringer Jiri Soukup sagt mit einem Augenzwinkern, worauf es ihm ankommt: „Ich will meine Jugend verlängern.“ Darum treibt er auch noch mit über 80 Jahren Sport, Leistungssport sogar. Er trainiert, um bei der 18. Leichtathletik-WM der Senioren im finnischen Lahti anzutreten. Von BASTIAN BUCHTALECK
Mitten aus dem Leben
Alltägliche Dramen, die den Zeitungen kaum noch eine Meldung wert sind, hat Moodysson zu einem bewegenden, eindringlichen und globalen Gesellschaftsdrama verdichtet. Von STEFAN VOLK
Gegen das Vergessen!
Der deutsche Dokumentarfilmer Uli Stelzner schildert in „La isla“ die jüngere Gewaltgeschichte Guatemalas. Anhand der erst kürzlich entdeckten Geheimarchive der Policia National zeichnet er die Tragödie eines Landes nach und porträtiert eine junge Generation, die sich den Schrecken der Vergangenheit stellt. Von MONIKA THEES
Berlin ist nicht Chicago
Thomas Brasch benutzte als Dichter nicht nur Wörter, sondern auch Bilder. Mit der nun erschienenen DVD-Edition seiner Filme ist Brasch als poetischer Regisseur wiederzuentdecken. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN
Das Gehirn als Black Box
Manchmal, so scheint es, ahmt nicht das Kino die Wirklichkeit nach, sondern die Wirklichkeit das Kino. Vorausgesetzt, man traut den Worten jener, die dem Tod schon mal direkt ins Auge blickten und behaupten, dort ihr Leben im Zeitraffer gesichtet zu haben. Von MATTHIS WANNHOFF
|
Den Lauf der Welt verändern
Um die Gunst der Leserschaft kämpfen viele Comics. Die Chaostheorie, das erste Album der neuen Serie Kaplan & Masson, kann gerade durch seine Solidität ...
Fernsehverbot für den Verfassungsschutz
Das Fernsehen gibt uns immer wieder Rätsel auf. Ich frage mich beispielsweise seit Jahren, wer eigentlich die Live-Übertragungen aus dem Bundestag kuckt? Alle paar Monate schluchzen ...
Musique Electrique
Sie leben. Die Stimmen vom neonfarbenen See an den blauen Feldern. Von TOM ASAM.
Mathias Tretter möchte nicht dein Freund sein - Tourplan 2012
»Kabarettisten sind von der schnellen Truppe, zumal solche wie Tretter, die nicht dem allfälligen Comedy-Genre anhängen, sondern richtiges, politisches Kabarett machen ...« ...
»John Le Carré sagte, es sei die beste Adaption eines Buches, die es je gab.«
Gary Oldman über seine Rolle als Georg Smiley in dem Film Tinker Tailor Soldier Spy (Dame, König, As, Spion). Ein Interview von LIDA BACH
|