
Mehr als das Einheimsen von Subventionen
Vor gut vier Jahrzehnten, als das Internationale Forum des jungen Films in Opposition zum offiziellen Wettbewerb und als Provokation für diesen gegründet wurde, durfte man unter »jung« zugleich »experimentell«, »frech«, »verstörend« verstehen. Davon ist heute, zumal in den deutschsprachigen Ländern, kaum noch etwas zu bemerken. Ein großer Teil der Beiträge zum Forum ist thematisch belanglos und formal brav und konventionell. Es scheint sich in den Künsten wie in der Politik zu verhalten: Die alte Regel, dass man mit zunehmendem Alter konservativer werde, gilt nicht mehr. Es sind die Alten, die mit Regelverstößen irritieren. Der Nachwuchs hat sich, mit Ausnahmen, versteht sich, in den bestehenden Verhältnissen eingerichtet. So viel Einverständnis war selten. Kritik bewegt sich im engen Rahmen liberaler Selbstbestätigung. Formale Neuerungen überschreiten kaum je die vom Fernsehen und vom kommerziellen Film vorgegebenen Normen. Von THOMAS ROTHSCHILD
Sand und Stein
Sand, Staub und Hitze. Aus ihnen besteht die erste der Wohnstätten, die Habiter/ Construire besucht. Vor dem Zeltlager spielen nackte Kinder mit Blechgeschirr. Das Trinkwasser wird in Plastikkanistern aufbewahrt. Ziegen und Kamele traben gemächlich an den Tuchbahnen zum Sonnenschutz vorüber. Eine Gruppe Feldarbeiter schneidet Muskelfleisch von einem Lamm und gart es über dem offenen Feuer. Von LIDA BACH
Anders als die anderen
»Ich hatte eigentlich nicht vor mitzumachen«, sagt Christian. »Aber vielleicht hilft es manchen anderen, aus meinem Leben Lehren zu ziehen.« Die meiste Zeit dieses Lebens hat der Sport- und Lateinlehrer sich versteckt. Vor Familie, Kollegen und auch ein bisschen vor sich selbst. Leicht scheint es dem 78-Jährigen nicht zu fallen, vor der Kamera darüber zu sprechen. Aber nun, da er pensioniert und die Zeit eine andere ist, hat er dennoch mitgemacht bei dem dokumentarischen Einblick, den Ringo Rösener und Markus Stein in ein missachtetes Kapitel deutscher Geschichte gewähren. Die mit Humor und jungenhafter Neugier der inhärenten Kontroverse der Thematik trotzende Lebensrückschau der Panorama-Dokumente fragt, wie es damals war Unter Männern – Schwul in der DDR. Von LIDA BACH
Waiting for the Man
»Ich bin keiner dieser Junkie-Penner, klar?«, sagt Leach (Warren Finnerty), als er vor die Kamera tritt. »Schaut euch mein Appartement an. Es ist sauber – abgesehen von diesen widerlichen Typen.« Diese sind Sam (Jim Anderson), Ernie (Garry Goodrow), Solly (Jerome Rapahel), Harry (Henry Proach) und die vier Musiker der Jazz Band. Sie lungern in der schäbigen Unterkunft herum und warten auf den Cowboy. Der Cowboy ist The Connection, Titelfigur des brillanten Beatnik-B-Movies, das Shirley Clarke im Rausch der Mainstream-Drogen »Medien« heraufbeschwört, Antiheld des doppelbödigen Cinema Faux Verité und Messias der Junkie-Protagonisten. Von LIDA BACH
Enter the Dragon Gate
War je ein Genre des asiatischen Kinos geschaffen für dreidimensionale Effekte, so scheint es fernöstliche Variation des Abenteuermärchens, die Fantasy, Kampfaction und Romantik vereint in einem historischen Setting, das von klassischen Helden bevölkert wird. Ihr erster ist Zhou Huai'an. Ein ruchloser Gesetzloser für den unerbittlichen Kaiser, ein Beschützer der Witwen und Waisen für die einfache Bevölkerung, ein maßgeschneiderter Part für Action-Star Jet Li, der prototypische Held für das Publikum, all das ist der verbrämte Kämpfer - und dennoch nichts. Von LIDA BACH
Staatsräson und Staatsliaison
Verschwörerische Passion regierte am Hofe von Versailles unter dem inszenatorischen Zepter Benoit Jacquots; distanzierte Kühle lässt Nikolaj Arcel über dessen dänisches Gegenstück walten. Das Konkurrenzwerk im WETTBEWERB der BERLINALE wirkt wie ein rationelles Vorkapitel des angespannten Kostümfilms, dessen Handlung historisch unmittelbar an die des filmischen Herrschaftskapitels anknüpft. Der dramatische Kontrast und die dramaturgische Kongruenz der gleichermaßen reiz- und geistvollen Schauspiele kündigt sich schon an, bevor das erste Bild auf der Leinwand erscheint und die ersten Worte ihn besiegeln. Von LIDA BACH
Hinter Glas
»Ich bin allein«, notiert die Frau im trüben Nachmittagslicht auf ein altes Stück Papier. In winzigen Buchstaben beschreibt sie jedes Blatt, das sie finden kann, mit der Chronik ihrer Gefangenschaft. Die Frau (Martina Gedeck), deren gefasste Stimme die atmosphärischen Landschaftsgemälde von schroffen Berghängen und schwarzen Wäldern untermalt, hat keinen Namen. Was sollte sie mit einem Namen, den niemand zu nennen da ist? Hier oben in der Berghütte in Österreich, wo sie Freunde besuchte, gibt es nur sie und die paar Tiere, die mit ihr eingeschlossen wurden. Von LIDA BACH
Ich bin dann mal weg
»Das Staunen über die Welt gehört den Kindern, aber das Staunen über die Kinder gehört den Erwachsenen.« Klingt irgendwie tiefschürfend. Besonders wenn es weiß auf schwarzer Leinwand eingeblendet wird, wie von Jan Speckenbach zu Beginn seines Spielfilmdebüts. Das heißt Die Vermissten und handelt von verschwundenen Kindern. Klingt irgendwie noch tiefschürfender. Die ersten Szenen scheinen sogar Vorzeichen, dass der mystisch eingefärbte Krimi in der Perspektive Deutsches Kino der BERLINALE genau das sein könnte. Von LIDA BACH
Was der Wind erzählt
Geige und Wind beginnen den milden Sommertag, an dem Rio durch den Wald zieht, und mit ihnen liegt noch etwas anderes in der Luft: Furcht. »Mitten in finsterer Nacht haben sie deinen Vater getötet, sein Grab haben sie versteckt, sein Herz ist unter Stein begraben. Lauf, Junge, lauf ...«, singen die Musiker auf der Beerdigung, zu der er nicht hinübersehen möchte. Nun sind es fünf. Fünf Familien, die ermordet wurden, alle, auch die Kinder. Rio (Layos Sarkani) läuft. Nicht zur Schule wie seine Schwester Anna (Gyöngyi Lendvai), sondern tiefer ins Dickicht zu der verlassenen Hütte. »Ein Geheimversteck«, erzählt er seiner Mutter Mari (Katalin Toldi). Von LIDA BACH
Hinter tausend Stäben keine Welt
»Das Allertraurigste ist Vorhersehbarkeit«, heißt es in Postcards from the Zoo einmal, dem traurigsten Film der BERLINALE des indonesischen Regisseurs Edwin, der auf der Pressekonferenz den traurigsten Satz sagt: »Ich habe selbst oft überlegt, ob ich nicht im Zoo leben soll.« Von allen Orten auf der ganzen Welt ist der Zoo der traurigste, und der traurigste aller Zoos ist der in Jakarta. Dort lebt die traurigste aller Filmfiguren, deren Postcards from the Zoo nie geschrieben wurden oder verlorengingen, genau wie die Protagonistin und die Zuschauer im traurigsten Zoo der Filmwelt. Von LIDA BACH
Intimer Fremder
»Das Glück. So viele Menschen suchen es, und so wenige finden es«, sagt der Geldverleiher im Hinterzimmer eines Kreditinstituts »Und was tun wir? Wir helfen den Menschen, das Glück zu finden.« Eine vernichtend zynische Wahrheit, wie sie immer wieder aufblitzt in Anja Salomonowitz sprödem Kabinettsfilm, liegt in dem Satz für den Spieler. Das Glück findet den verzweifelten Familienvater (Lukas Miko), der den Namen des Erzengels Gabriel trägt, in Gestalt der Ikonen-Malerin, die ihn für ein Porträt zu sitzen bittet. Alles habe er verloren, erzählt er der Fremden, die ihrerseits den Namen einer Heiligen trägt: Magdalena. Von LIDA BACH
Expressiv, rural und imposant
Golden leuchtet in der Herbstsonne das Korn auf der Ebene des weißen Hirsches. Noch wiegen sich die Ähren nur sanft im Wind über der White Deer Plain, die Wang Quanan zum Symbolort seines bildgewaltigen Historienepos sublimiert. Doch sein immer heftigeres Wehen kündet von einem Sturm politischer, wirtschaftlicher und familiärer Umbrüche, der die Menschen der reichen Provinz knicken wird wie die Ähren. Sie sind Daseinsessenz und -ertrag der Protagonisten, deren Lebenskreislauf das epochale Zeitgemälde analog zum Naturkreislauf von Wachstum, Reife und Ernte und Dürre zieht. Von LIDA BACH
Das Paradies verloren
»Das launische Organ herrscht sowohl über den König als auch den Allmächtigen.« Das launische Herz herrscht über den Verstand und Filmkritik. Die Ahnung, meines gehöre Miguel Gomes Wettbewerbsfilm, hatte ich beim Anblick des Poster: eines Schwarz-Weiß-Films mit einem Krokodil drauf, das mit einem Auge aus dem Wasser guckt. Genau den Zuschauer an, als sähe es ihm ins Herz. Darunter steht »TABU«. Genau wie der Titel von Friedrich Wilhelm Murnaus Südsee-Film. Von LIDA BACH
Höhenluft
Oben ist der Himmel sonnig statt bezogen. Oben glitzert der Schnee in strahlendem Weiß statt matschig-grau. Oben haben die Leute Geld. Simon heißt der junge Hauptcharakter von Ursula Meiers harscher Fabel und er kennt sich aus, denn er ist ein Höhenkind: Le Enfant d´en Haute. Von LIDA BACH
Porno Party
»Du bist so wunderschön und weißt es noch nicht einmal«, sagt Angelinas Freund. »Du solltest Bilder machen lassen.« Er kennt jemanden der jemanden kennt, der ein paar Mädels sucht. »Für eine Website, 500 Dollar.« Von dem Geld sieht die junge Tochter einer Alkoholikerin nur die Hälfte, doch die unbefangene 18-Jährige, die ihre anfängliche Lolita-Rolle in der Erotikbranche mit dem Titelpseudonym unterstreicht, stellt sich den Spielregeln der Pornoindustrie ähnlich entschlossen wie Stephen Elliot der Filmregie. Sein in jeder moralischen und psychologischen Beziehung leichtes Porno-Potpourri verspricht das gleiche oberflächliche Vergnügen wie die ungeachtet ihrer konformen Attraktivität unangepassten Heldin: Cherry. Von LIDA BACH
|
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
Sorry wegen dem Auge
Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
|