Ein Jahr lang Frühling
Der arabische Raum war in den vergangenen Monaten in den deutschen Medien so präsent wie selten zuvor. Fast unvermeidlich, dass sich die Veränderungen dort nach angemessener Frist auch in Buchveröffentlichungen niederschlagen wie jetzt in Der Aufstand des Berliner Politikwissenschaftlers Volker Perthes. Von PETER BLASTENBREI
Ein Reporter interviewt sich selbst
Der Arabische Frühling des Jahres 2011 zwinge uns, Abschied zu nehmen von Klischees, die unsere Vorstellung vom Nahen Osten zwei Jahrhunderte lang geprägt haben, so das Fazit eines Erinnerungsbuchs mit dem griffigen Titel Abschied von 1001 Nacht, das der bekannte Fernsehjournalist Ulrich Kienzle zu seinem 75. Geburtstag vorgelegt hat. Von PETER BLASTENBREI
Die digitale Revolution
Jeder Protest stützt sich auf Waffen. Dazu zählen nicht nur Gewehre und Bajonette: Mit ihren Holzschuhen, »Sabots« genannt, zertrampelten Bauern einst die Ernte, um gegen übermäßige Steuern und Abgaben ihrer Herren zu protestieren. Swingmusik, lange Mäntel und Sonnenbrillen symbolisierten den Protest der »Zazou« gegen das französische Vichy-Regime. Cyber-Rebellen kämpfen heute in der Revolution 3.0 mit virtuellen Waffen. JÖRG FUCHS wirft mithilfe des gleichnamigen Buchs von Matthias Bernold und Sandra Larriva Henaine einen Blick auf die Motivationen und Mittel digitaler Freiheitskämpfer, bloggender Rebellen und anonymer Aktivisten.
Harder. Faster. Louder!
Frank Schäfer, mit universitären Würden ausgestatteter Geisteswissenschaftler, Autor, Kritiker, Hobbymusiker und eingefleischter Metal-Fan hat eine Interviewsammlung zum Thema Heavy Metal zusammengestellt. Diese Oral History ist auch für Menschen mit nur bruchstückhaftem NWOBHM-Wissen wirklich lesenswert. DAVID EISERT fand sich auf den 268 Seiten bestens zurecht. Selbst mit dem Makel, keine Vinylversion von Reign In Blood zu besitzen.
Anarchischer Moment der Glückseligkeit
Es gab zwar Zeiten, da hatte mittags in deutschen Mietshäusern Ruhe zu herrschen. Zwischen eins und drei wurde nicht gespielt, weder Ball im Hof noch Klavier im Haus. Heute ist Mittagsschlaf etwas, das die jüngsten Mitbürger müssen (meistens gegen kreischenden Widerstand) und nur die älteren dürfen (oft mitleidig belächelt). Für alle anderen gilt: Schlafen kann man, wenn man tot ist, wir haben Leistungsgesellschaft. Frühe Lärmschutzverordnung, lasterhafter Müßiggang – hierzulande scheint die Siesta von einem unfrohen Geist beseelt. Thierry Paquot treibt ihn mit Die Kunst des Mittagsschlafs genüsslich aus. Von PIEKE BIERMANN
Hitchcock und die Herstellung von Suspense
Bekanntlich unterscheidet man im Englischen zwischen »mystery« und »suspense«. Und bekanntlich hat Alfred Hitchcock stets für sich beansprucht, dass er an Suspense und nicht an Mystery interessiert sei – obwohl man in seinen Filmen durchaus auch Beispiele für Mystery entdecken kann. Das Problem ist, dass sich Suspense nur sehr schwer definieren lässt, was die Voraussetzung für die Abgrenzung gegen andere Kategorien und Begriffe wäre. Von THOMAS ROTHSCHILD
Schweizerinnen auf dem Vormarsch?!?
Wer fällt Ihnen ein, wenn Sie an starke Schweizer Frauen denken? Wenigstens irgendeine Frau? Frau? Fühlen Sie sich nicht zu schlecht, wenn Ihnen zu dem Land, in dem die Frauen erst 1971 das Stimm- und Wahlrecht erhielten, nicht spontan eine Reihe von Namen einfällt. Füllt doch, laut dem Vorwort der Journalistin Margrit Sprecher, der schmale im Limmat Verlag erschienene Band eine Lücke. ANDREA WANNER hat sich den »Schweizer Geschichtsunterricht der besonderen Art« näher angeschaut.
Der sanfte Aufklärer
Albrecht Puhlmann ist Unrecht geschehen. Er hatte das Pech, dass ein paar selbstverschuldete Fehler und ein paar Schnitzer, wie sie an jedem Theater passieren, just zu einem Zeitpunkt zusammenkamen, als sein Vertrag vor der möglichen Verlängerung stand. Gleich danach lieferte er eine Serie von Leistungen, mit denen sich die Stuttgarter Oper im nationalen und internationalen Vergleich sehen lassen konnte. Für Puhlmann persönlich ist die Entlassung eine berufliche und menschliche Tragödie. Aber wen interessiert schon das Schicksal eines in Misskredit Geratenen. Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind. Und das Publikum ist hartherzig. Von THOMAS ROTHSCHILD
Nährboden des braunen Terrors
Wer je vom Nazistaat gehört hat, kennt den Namen Horst Wessel. Den einen fällt das von ihm getextete, nach ihm benannte SA-Kampflied (Die Fahne hoch!) ein. Andere haben Bilder von notorischer Randale zwischen Rechten und Linken im Hinterkopf, die Ende der 20er Jahre auf Berliner Straßen öfter auch mal tödlich ausging. Von Goebbels zum multimedial orchestrierten Mythos verklärt, war Wessel nach 1945 Objekt kompletter Verdrängung oder neonazistischer Begierden, aber kaum der seriösen Forschung. 2009 erschien endlich die glänzende, detailreiche Biographie des Historikers Daniel Siemens, Horst Wessel – Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten, jetzt hat Siemens gemeinsam mit dem Historiker Manfred Gailus ediert, was Wessel an eigener Inszenierung hinterlassen hat, »Hass und Begeisterung bilden Spalier« Die politische Autobiographie von Horst Wessel. Von PIEKE BIERMANN
Glaube im urbanen Raum - neue Formen religiösen Lebens in der Stadt
Der Sammelband Urban Prayers schließt eine klaffende Lücke in der Stadtforschung: neue religiöse Bewegungen und Organisationen. JOSEF BORDAT über die unvoreingenommenen und informativen Beiträge zur Beschreibung der Rolle von Religion in der globalisierten Gesellschaft.
Anatomie einer Selbstzerstörung
Es ist, hat Ian Kershaw kürzlich in einem Interview gesagt, die letzte große Frage, die ihn noch umgetrieben hat: Warum eigentlich hat Nazi-Deutschland so verbohrt durchgehalten bis zur totalen Niederlage? Dieser Frage – oder vielmehr ihrer Beantwortung – hat der britische Historiker, der vor einem guten Jahrzehnt mit seiner zweibändigen Hitler-Biografie Maßstäbe gesetzt hatte und einem breiten Publikum bekannt geworden war, seine umfangreiche Studie Das Ende gewidmet. Es ist auch, hat er weiter erklärt, sein letzter Beitrag zur NS-Forschung. Von PIEKE BIERMANN
Guten Abend, meine Damen und Herren
Ulrich Wickert stößt in Redet Geld, schweigt die Welt an die Grenzen seiner Empörung. Von THOMAS ROTHSCHILD
Röntgenbild des Wurmfortsatzes
Das Buch Die Piratenpartei. Alles klar zum Entern? versucht eine Annäherung an diese eigenartige neueste politische Kraft, schafft es dabei aber leider kaum über die Landesgrenzen hinaus. Von JAN FISCHER
Genugtuung und Geschäftsschädigung
Das Essigbrätlein in Nürnberg ist schon seit langem eine Adresse, die von Feinschmeckern gern angesteuert wird. Sie vereint gute Küche mit einem Ambiente, für das das Stichwort »deutsche Gemütlichkeit« durchaus angemessen ist. Man kann das spießig finden, es ist aber auch ein Zeichen des Widerstands gegen eine Globalisierung, die Restaurants wie alle anderen Bereiche erfasst hat und dazu führt, dass alles überall gleich aussieht. Der Gault Millau hat nun Andree Köthe vom Essigbrätlein zum Koch des Jahres erwählt, und zwar wegen seines Umgangs mit Gewürzen und Gemüse. Von THOMAS ROTHSCHILD
Demokratie plus Scharia
Dass das Gerede vom unausweichlichen Zusammenstoß westlicher und muslimischer Kultur und vom ebenso unabänderlichen Hass der Muslime »auf uns« weitgehend auf Behauptungen und Fehlinformationen beruht, dürfte sich herumgesprochen haben. Doch auch den wohlmeinendsten Beobachtern fehlten bisher verlässliche Gegeninformationen. John L. Esposito und Dalia Mogahed fassen unter dem Titel Was Muslime wirklich denken die Ergebnisse einer Langzeitstudie des US-amerikanischen Gallup-Institut zusammen. Von PETER BLASTENBREI
Anleitung zum Zusammensein
Im Grunde genommen ist jedes Paar in seiner Einzigartigkeit ein Sonderpaar. Jenseits von Alter, Herkunft, Religion und Geschlecht. Die Autorin Christine Haiden und die Fotografin Petra Rainer porträtieren eine Auswahl außergewöhnlicher Beziehungen und ihrer Geheimnisse. Von INGEBORG JAISER
Gefährlich leben
Künstler sind immer besonders, aber Hans Neuenfels ist – ohne Zweifel – besonders besonders. Als Schauspiel- und Opernregisseur polarisierte der heute Siebzigjährige Publikum und Fachwelt. Indem er seinen Lebenserinnerungen den Titel Bastardbuch gab, verlieh er sich das Prädikat eines Nichtangepassten, eines Unzugehörigen, gar eines Ungehörigen, gleich selbst. Sicher ist auch ein wenig Theaterpose dabei. Doch hinter der Selbststilisierung steckt der unerbittliche Ernst einer beispiellosen Kunstbesessenheit. Eine (existentialistische) Haltung, die das Leben prägt. Ein »gefährliches« Leben jedenfalls, nach der Formel Nietzsches. Da kann der Anschein bürgerlicher Geordnetheit täuschen. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Träumen, schreiben, zeichnen: Die Traumprotokolle der Meret Oppenheim
Wer kennt sie nicht: die berühmte Pelztasse (1936) von Meret Oppenheim. Oder den Tisch mit Vogelfüßen, eine weitere Ikone surrealistischer Objektkunst. Ihre Werke sind in allen wichtigen Ausstellungen zur Kunst des Surrealismus vertreten und derzeit u.a. in der groß angelegten Überblicksschau Surrealismus in Paris der Fondation Beyeler bei Basel (bis 29. Januar 2012) zu bestaunen. Die kleine und feine Neuauflage ihres Buches Träume. Aufzeichnungen 1928-1985 lässt die Schweizer Künstlerin aus dem Dunstkreis der Surrealisten heraustreten, indem es mit den Traumprotokollen eine essentielle Quelle für das Verständnis ihres eigenwilligen Lebens und Werks aufdeckt. Von ANNA-LENA KRÄMER
Terror und sonst nichts?
Wie bis vor wenigen Jahren noch die PLO gilt heute die Hamas in Gaza als der Inbegriff des palästinensischen Terrors und als eigentliches Hindernis auf dem Weg zum Frieden im Nahen Osten. Diese Sicht der Dinge wurde von der israelischen Führung formuliert und von Europa und den USA kritiklos übernommen. Bei all dem sind echte und verlässliche Informationen über Ideologie und Ziele der Bewegung im Westen rar. Khaled Hroub, Leiter des Arab Media Project an der Universität Cambridge und derzeit wohl der beste Kenner der Hamas, liefert in seinem gleichnamigen Buch harte Fakten. Von PETER BLASTENBREI
»G«-Dienst zwischen Sehnsucht und Scham
Jubilieren. Über religiöse Rede heißt Bruno Latours Buch über die Sprachnot angesichts des Heiligen und die Gott- bzw. »G«-Suche des modernen Menschen. JOSEF BORDAT folgt ihm beim Versuch der religiösen Orientierung inmitten von Anfechtung und Zweifel.
Sachzwang und Marktdiktat
Richard Münch skizziert in Akademischer Kapitalismus. Über die politische Ökonomie der Hochschuldreform die Folgen von Exzellenzparadigma und Numerokratie in der Wissenschaft. Von JOSEF BORDAT
Muslime, Islamisten und die Irrtümer des Westens
Glaubt man bestimmten Publizisten, herrscht die reine Hölle, wo Muslime den Ton angeben: Repression, Verfolgung Andersgläubiger, Frauenunterdrückung, Homosexuellenhatz, Reformstau, Demokratieunfähigkeit – ganz abgesehen vom exportierten Terror gegen unsere westliche Zivilisation. Michael Thumann, Türkei-Korrespondent der Zeit, hat genauer hingesehen und findet in solchen Visionen keine exakte Beschreibung der Lage, sondern einen gigantischen Islam-Irrtum des Westens. Von PETER BLASTENBREI
Auf die Gründe kommt es an
Der Philosoph Julian Nida-Rümelin analysiert einen Grundbegriff der Moralität: Verantwortung. Von JOSEF BORDAT
K(l)eine Geschichte des Kirchenbaus
Gottes Häuser oder Die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen heißt ein Buch von Johann Hinrich Claussen. Klingt ganz interessant, doch leider hält der Inhalt nicht, was der Titel verspricht. Von CHRISTOPHER FRANZ
Systematische Erwartbarkeit
Sportliche Ereignisse erfüllen heutzutage zweifellos eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Nur so lässt sich erklären, dass die Menschen rund um den Globus zu Olympia oder Fußball-WM in seltener Geschlossenheit vor den Fernsehgeräten versammelt sind. In Spielfilmen steht der Sport dagegen selten im Vordergrund. Selbst im Sportfilm ist er meist eher Beiwerk, vor dem sich das eigentliche menschliche Drama abspielt. Kai Marcel Sicks und Markus Stauff haben mit Filmgenres. Sportfilm das passende Buch vorgelegt. Von BASTIAN BUCHTALECK
Zwischen Mozartkugeln und Bosnastandl
Wenn Andrea Grill Auf nach Salzburg ruft, kann man sich ihren begeisternden Lockungen kaum entziehen – vor allem nicht, wenn Verborgenes, Skurriles, Literarisches im Untertitel aufwartet. Von INGEBORG JAISER
Für eine neue Universalgeschichte
Es besteht eine gewisse Versuchung, mit Hinblick etwa auf den Arabischen Frühling, die besondere Aktualität des gerade erschienenen Buches Hegel und Haiti hervorzuheben. Die zwei Essais von Susan Buck-Morss, die jetzt unter diesem Titel und untadelig übersetzt von Laurent Faasch-Ibrahim bei Suhrkamp erschienen sind, lenken ebenso den Blick auf historische Phänomene, in denen das europäische Geschichtsverständnis sich selbst betrachten und dabei vielleicht etwas kleinlaut, sicherlich aber dynamisch werden muss. Diesen Bezug sofort weiterverfolgen, hieße aber das Buch von hinten aufrollen, wo es sich selbst auf die Gegenwart öffnet. Ersteinmal wird man zweihundertzwanzig Jahre zurück und über den Atlantik geführt. Von TOBIAS ROTH
Atempause nach der Höllenfahrt
Bei der 50-Jahrfeier der Unabhängigkeit des Kongo 2010 saß eine bunte Gesellschaft von Festgästen beieinander, echte Freunde, geheime Feinde, Aufbauhelfer und Kriegsverbrecher. Das zweitgrößte afrikanische Land teilt mit anderen Dritte-Welt-Ländern das Schicksal, dass ihm nur bei solchen Jubiläen, bei Kriegen, Massakern und Hungersnot die Aufmerksamkeit der Metropolen zuteilwird. Andrea Böhm vermittelt mit ihrem Buch Gott und die Krokodile einen Blick auf die vielen Wirklichkeiten dieses riesigen Landes nach dessen düsterster Periode und abseits von solchen Feiern. Von PETER BLASTENBREI
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Von wegen bieder! Frauenliebe im 19. Jahrhundert
Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens-Schaaffhausen leiden – wie so viele Frauen, die sich im 18. und 19. Jahrhundert als Wissenschaftlerinnen, Salonières oder Schriftstellerin einen Namen gemacht haben – auch heute noch unter wissenschaftlicher Vernachlässigung und finden auch im populären Diskurs kaum statt. Angela Steidele hat mit der Geschichte einer Liebe beiden Frauen ein Buch gewidmet, eine fundierte Untersuchung sowohl ihrer Lebensläufe als auch ihrer gewählten Lebensform: der lesbischen Liebe. Von SVENJA HOCH
In der Weite liegt die Kraft
»Das Meer und die Berge rufen, die Wüste fasziniert« – findet Florence Hervé. Zusammen mit dem Fotografen Thomas A. Schmidt hat sie in mehreren Erdteilen Frauen der Wüste besucht, begleitet und porträtiert. Von INGEBORG JAISER
Der Zaunkönig in seinem Distelnest
Paul Léautaud beobachtet in seinem Kriegstagebuch 1939-1945 die Franzosen unter der Wehrmacht. Von WOLFRAM SCHÜTTE
Ein unspektakuläres Musikerleben
Man glaubt, ein Bändchen der rororo-Monographien in der Hand zu haben, aber Christoph Schwandts Bizet-Biographie ist, wie auch diejenige über Janácek vom selben Autor, Bestandteil einer (vorerst) kleinen Komponistenreihe des Mainzer Schott-Verlages. Der erste Eindruck trügt vielleicht auch deshalb nicht, weil Schwandts Bizetbuch 1991 schon in der Rowohltserie ediert worden war. Im Schott-Kontext mit etwas weniger knapp bemessenem und formalisiertem Umfang konnte nun eine nicht bloß aktualisierte, sondern auch erweiterte Version präsentiert werden. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Familienlegenden und Wahrheiten
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