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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:12

 

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit Skalpell eine neue starke Ermittlerin und einen weiteren spannenden Fall aus der Schweiz zu präsentieren« (Pressemitteilung). Das ist nicht falsch. Der Film beginnt mit einem Solidaritätslauf für ein Kinderhilfswerk, an dem auch der Chefarzt einer Luzerner Klinik, Dr. Lanther (Benedict Freitag), und sein Stellvertreter Marco Salimbeni (Thomas Sarbacher) teilnehmen. Gefällige Bilder. Allerdings wird Lanther auf der Strecke ermordet, ein Skalpell trifft seine Halsschlagader. Von WOLF SENFF

 

»Scheißwald, Scheißnatur, ey!«

Leicht grenzwertig diesmal, möchte man meinen. Setzt das gewöhnliche Schema von Mord, Aufklärung, Festnahme etwa Schimmel an? Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) geht dem Hinweis auf einen Leichenfund nach. Doch noch bevor sie die Leiche findet, wird sie niedergeschlagen und findet sich in der Gewalt von fünf jugendlichen Straftätern: »Wir sind der Abschaum.« Im Wald, da sind die Räuber. Tief im Pfälzerwald, wo sich die Jugendlichen zwecks Disziplinierung auf AZOK-Maßnahme (Alle Zusammen Oder Keiner) befinden - seit neuestem allerdings ohne ihren zu Tode gekommenen Sozialpädagogen. Von WOLF SENFF

 

Aufregung um Kanzler Grasshoff

Ein spektakuläres Szenario, das Die Ballade von Cenk und Valerie da mal ratzfatz in der ersten Viertelstunde entfaltet. Welt der Hochfinanz? Am Sonntagabend? Cenk Batu ist einer von mehreren verdeckten Ermittlern der Regierung des neuen Bundeskanzlers Grasshoff, die sich zum Ziel gesetzt hat, illegale Finanzgeschäfte aufzudecken und Beweise gegen deren selten durchschaubares System zu beschaffen. Nun aber los: Occupy TATORT! Von WOLF SENFF

 

Mit Design überfrachtet

»Es ist böse«, kündigt Frank Steier (Joachim Król) an, bevor die Leiche von der Kamera erfasst wird. Doch so dramatisch sieht es dann doch nicht aus. Immerhin, eine Mordserie steht an, da wird mächtig in die Aufregerkiste gegriffen (Regie: Stefan Kornatz). Mancher Zuschauer wird sich zu Recht fragen, ob das Entsetzen von Conny Mey (Nina Kunzendorf) angesichts des Zustands der Leichen nicht überdreht dünnhäutig ist. Wir erinnern uns (Der Tote im Nachtzug, 20. Nov. 11), dass sie gut austeilen und einstecken kann. Von WOLF SENFF

 

Kinderland ist abgebrannt

Ist das Elend so groß? Wir müssen diesen beiden österlichen TATORT-Folgen wohl recht geben, letzten Endes. Die erste spielt in Leipzig, die zweite in Köln. Aber der Reihe nach. Mit einem Mädchen, das tot aufgefunden wird, Lisa Noack, lernen wir die Parallelwelt Leipziger Kinderstrich kennen, die einen Anlaufpunkt bietet, »wenn man so wenig wie möglich mit der beschissenen Welt der Eltern zu tun haben will« (Martin Wuttke als Hauptkommissar Andreas Keppler). Auch Anna Römer (Lotte Flack), von ihrer Mutter als vermisst gemeldet, findet sich ein. Von WOLF SENFF

 

Schusters Drahtesel und Nobelkarosse

Da kommt man ins Grübeln. Der türkische Taxifahrer (Oktay Özdemir) tritt exakt so auf, wie Sarrazin sich den türkischen Taxifahrer in Berlin vorstellt. Und was soll Ritters Hinweis auf »ausgerechnet jetzt, wo das Image der Banken wieder besser geworden ist«? Die Banken hätten aufgehört, sich an unseren staatlichen Budgets zu bereichern? Sie hätten ihre Casino-Produkte storniert? Nein, die Kommissare lassen besser mal die Finger von der Politik, der Schuh ist ihnen einige Nummern zu groß. Von WOLF SENFF

 

Sibirien in Münster

Kann eine Krimihandlung konstruiert wirken? Aber sicher: sofern sie unrealistisch viele Zutaten enthält und irgendwie Zutaten hineingeraten sind, die sich nicht zueinander fügen wollen, die nicht harmonieren. Da droht der Überblick verloren zu gehen und der innere Zusammenhang des Films. Es gibt zu viele Szenen in Hinkebein, in denen dieses Gefühl aufkommt (Regie: Manfred Stelzer). Von WOLF SENFF

 

Sie satteln drauf

Es gibt Menschen, die verändern sich. Das zieht sich leitmotivisch durch diesen TATORT. Hintergründig tritt auch Psychologin Sophie Wiesmann (Sabine Vitua) auf: der lauernde Blick qualifiziert sie gleichermaßen als Hexe wie als Dame von Welt. Dabei beginnt Der traurige König trotz des fulminanten Einstiegs harmlos, und Julia Winters (Sylta Wegmann), Assistentin auf Zeit, schmisse den Laden im Handumdrehen allein, wären da nicht noch die Männer: Als Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) den Siggi Aumeister (Lasse Myhr) mit drei gezielten Schüssen auf die Intensivstation befördert, ist er gedanklich eher bei seinem schmerzenden Zahn. Von WOLF SENFF

 

Serie läuft woanders

Vorsicht. Man muss sich einlassen können auf diesen TATORT, sonst rutscht man weg. So ungefähr muss sich Werder Bremen fühlen: zwischen den Stühlen. Die Ausgangslage von Ordnung im Lot ist klar: Ein Tankstellenbesitzer wird erschossen in seinem Verkaufsraum aufgefunden, in der Kasse befindet sich ein hoher Geldbetrag, also wird es kein Raubmord gewesen sein. Verdächtige werden im Kreis der eigenen Familie und in der des Nachbarn vermutet. Von WOLF SENFF

 

Krieg in Wien

Wenn Bibi Fellner sagt: »Sowoas moach i niamer mit, Moritz«, darf man davon ausgehen, dass einiges geschehen ist. Und Schnupfen, auch davon darf man ausgehen, ist lästig, hält sich jedoch in der Regel nicht allzu lange mit demselben Opfer auf ... Doch der Reihe nach: Eine Kerngruppe der berüchtigten serbischen Sveti-Tigar hat in Wien Fuß gefasst und begleicht eine alte Rechnung aus dem Balkankrieg. Zunächst an einem Aushilfsfahrer, irrtümlich: »Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort. Tut mir leid«, doch die Ermittler sind den tatsächlichen Zusammenhängen schnell auf der Spur. Von WOLF SENFF

 

Kein echter Bösewicht

Nach dem Mord an einem Zollbeamten unweit der Zollstation Konstanz/Kreuzlingen am Bodensee ermitteln Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) in diversen Milieus. Am Grenzübergang zeigt die Kamera Steuerbetrüger, die ihr Ererbtes, Erspartes, Ergaunertes in die vermeintlich sicheren Gefilde der Schweiz schmuggeln, ökonomisch gesehen geht es um »Peanuts«. Die Ermittlungen führen zu einem Eishockeyclub, in anrüchige Autohändler- und Bankerkreise, in die bigotte vornehme Welt, auch ins persönliche Umfeld einiger Zollbeamter. Urs Roettli (Urs Jucker), Schweizer Banker, neigt zu der Einsicht: Das Böse ist immer und überall. »Ihr Deutschen kriegt den Hals einfach nicht voll, oder?« Von WOLF SENFF

 

Prügel, Schreie, Türenknallen

Nach dramatischen Bildern einer Flucht wird in der Nähe einer Hochhaussiedlung die Leiche einer jungen Frau aufgefunden, eine zweite Entkommene überlebt, ist aber vernehmungsunfähig. Vor Jahren wurden beide als vermisst gemeldet, die Fahndung blieb damals ergebnislos. Andi Mollet, ein eigenwilliger Charakter (Thomas Bastkowski überzeugt in seinem Filmdebut), geriet schon damals unter Verdacht. Die Kommissare gehen dem erneut nach und zeigen sich völlig unbeirrbar: »Der ist ein Simulant, das seh ich doch von hier aus.« Das kann es aber nicht gewesen sein, weiß WOLF SENFF.

 

Junge alte Liebe

Todesbilder setzt mit einem brutalen Doppelmord ein: Ein junges, frisch vermähltes Paar wird am Ufer eines Sees erschlagen, die Hochzeitsgäste werden zwecks DNA-Probe ins Präsidium gebeten. Die Leipziger Kommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler gehen verschiedenen Fährten nach: einem Familienkonflikt, Verwicklungen aus dem Vorleben der Braut. Der Blick wird auf diverse Figuren gelenkt, von denen sich jede irgendwie überfordert zeigt. Von WOLF SENFF

 

Familien am Rande des Nervenzusammenbruchs

Dieser TATORT bietet stabile Spannung, Vielschichtigkeit in einem kompakten Setting, tragische Wendungen und ein überaus interessantes Nebenfigurenkabinett. Außerdem: Wann geschieht es schon einmal, dass in nur einem TATORT gleich zwei Verbrechen aufgeklärt werden - dafür sei dem Dicken und dem Schmucken hier von HANNS-WERNER PRUNCK Respekt gezollt!

 

Um Kopf und Kragen

Rumba wurde uns vor längerer Zeit bei Ritter und Stark geboten (Berliner Bärchen, März 2001). Diese unsterbliche Tanz-Szene wird auch von Tödliche Häppchen nicht getoppt. Aber sonst beeindruckt manches an dieser Neujahrseröffnung. »Sie tun ja schon wieder, als wär ich krank!« Welch wunderschön durchgeistigtes Gesicht zeigt uns Herr Pallaske (Ulrich Cyran) in seinem Kurzauftritt, und bringt das Thema des Films auf den Punkt, indem er an Emile Zola erinnert: »Die Sache der Tiere steht höher für mich als die Sorge, mich lächerlich zu machen.« Schweineverwertung. Brandaktuell, meint WOLF SENFF.

 

Ein Augenöffner, ein Glanzstück

Einen Kommissar, der sich pensionieren lässt und seinen Fall als privater Ermittler aufklärt, hatten wir noch nicht. Wäre das nicht eine Rolle für Ulrich Tukur? Ohne Hirnschaden diesmal? Stattdessen mit dramatischen Gefahrenmomenten: Bernfeld wird vom LKW eines Bauunternehmens angefahren, setzt sich mit seiner Walther P5 zur Wehr, stellt sich als Geisel zur Verfügung, wird aus dem eisigen Wasser der Donau gerettet. Das wäre doch mal eine komplexe Handlung plus reichlich Dynamik für einen Kriminalfall, findet WOLF SENFF. Dieser Fall würde jene Realität herauskitzeln, die sonst gern unter den Teppich gekehrt wird vom Sonntagabend-TATORT, der üblicherweise anheimelnd und gefühlig das Wochenende ausklingen lässt.

 

Haschen nach Wind

Was für ein Strickmuster: Ein »Wolf im Schafspelz« , Christian Marshall (Ken Duken), als Anführer der Islamistenzelle, der als Lehrer gar noch die arglosen Schüler verführt. Und dem Neuen – dem eingeschleusten undercover-Mann Taylan alias Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) – wird erst einmal das Handy entzogen; denn schließlich, so hat uns der gelegentlich recht schusselige Oswald (Martin Brambach) vom BKA längst unterrichtet, plant die Zelle »einen der größten terroristischen Anschläge seit Madrid 2004«. Der Zuschauer ist im Bilde: Ihn erwartet ganz großes Kino. Ob das wohl gutgeht, fragt sich WOLF SENFF.

 

Es sind die Feinheiten

Darauf haben wir lange warten müssen: ein weibliches Ermittlerduo. Sigrid Malchus trägt Rock oder Kleid stets geschlitzt, hinten oder seitlich, und sie hat es nicht leicht mit den Pfennigabsätzen ihrer Stöckelschuhe. Zu Anfang gibt sie noch die Dorfpomeranze. Charlotte Lindholm dagegen stöckelt und stolpert durch ihre persönliche Nebenhandlung und muss sich vorhalten lassen, »dass man seine Emotionen aus so einem Fall heraushält« – ein spannendes Team, das sich nach und nach eine tragfähige Balance erarbeitet, meint WOLF SENFF.

 

Richtig tief in die Wüste

Er: Ich bin immer wieder erstaunt über Ihre vielseitigen Fähigkeiten.

Sie: Ich bin immer wieder erstaunt, dass Sie immer wieder staunen.

Er: Da staunen Sie, was?


Lustig? Nein, kein Stück. (Soll das eine Hommage an Heinz Erhardt sein? Oder lässt Der Hexer grüßen?) Wer schreibt das als Eröffnungsdialog in ein Drehbuch? Und welcher Schauspieler tut sich das an?, fragt sich WOLF SENFF.

 

Normal nun wirklich nicht

Und auch kein Langweiler. Oder doch? Jedenfalls ein Versuch, sich auf sensiblem Terrain auch sensibel zu bewegen: Todesfälle in der Jüdischen Gemeinde Münchens. Hektik und Aufgeregtheit sind außen vor: ein ruhiger Film. Man sollte schätzen, dass die Marke TATORT den Eindruck vermeiden will, schablonenhafte Spannungsmuster anzubieten. Und wirklich nie fühlen wir uns an Derrick erinnert ... Von WOLF SENFF

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