Kafka geht in sein Unkraut, wir ins Verderben, doch wir bleiben gelassen.
Seien Sie »beweglich, ungebunden, flexibel«, lassen Sie ihr Schulterzucken á la »Geht mich nichts an« sowie Ihren Wunsch nach leichtlebiger Unterhaltung mit Ihren Geldbeuteln an der Garderobe zurück und lauschen Sie konzentriert Kassandra und ihren Prophezeiungen: »Versteht es als Zeichen, wenn ihr nirgends mehr Liebe findet, und eure Familien sich selbst zerstören, wenn die lang gehegte Wirtschaftsordnung zerfällt und euer Rechtsstaat wie ein Glas zerbricht.« Mit Kassandra, Agamemnon, Aerope und Kafka, allesamt Figuren des Stücks, sind wir aus dem Schneider, könnte man meinen. Alter mythologischer Schuh oder notwendige Völckersche Verfremdung, um im Gewohnten das Reale und gleichzeitig Absurde freizulegen? Von VERENA MEIS
Wirken über den Abend hinaus
Friedrich Schillers Die Jungfrau von Orleans ist ein Brocken, eine Herausforderung für Schauspieler und Zuschauer gleichermaßen. Eine Herausforderung, die Regisseur Mario Eick und sein Ensemble am Theater an der Rott freudigst angenommen und bestens gemeistert haben. Sie beschenkten sich und das Publikum am Premierenabend mit einem eindringlichen, faszinierenden, dichten, nie langweiligen dreistündigen Theaterabend, der Lust auf diese Kunstform machte und sicher über den flüchtigen Moment hinaus nachwirken wird. Von JÖRG ESCHENFELDER

Am Ende: die Väter mit ihren Lebenslügen
Überall im Verdi Kosmos: die Väter. Manchmal nerven sie (wie in La Traviata, trotz arioser Doppelrahmstufen-Nobilität oder gerade deswegen), manchmal geben sie interessante psychologische Profile (wie König Philipp in Don Carlo), manchmal verschwinden sie nach der von ihnen ausgelösten Katastrophe erfreulich schnell aus dem Stück (bei La Forza del destino). In Simon Boccanegra, einem Schmerzenskind der Verdi’schen Opernmuse – die Erstfassung 1857 fiel durch; eine mithilfe seines letzten, ingeniösen Librettisten Arrigo Boito getätigte Umarbeitung war seit 1881 (mäßig) erfolgreich – stehen gleich zwei Patriarchen im Zentrum der Handlung: Simon Boccanegra, der zum Genueser Dogen avancierte Plebejer, ein ehemaliger Korsar, und Fiesco, der alteingesessene Patrizier, sein erbitterter Feind. Politisch und persönlich. Denn Simon hatte Fiescos Tochter Maria »entehrt« und ein Kind mit ihr. Dies die Vorgeschichte; die Haupthandlung spielt (in drei Akten) 25 Jahre später, in der letzten Phase der langen Herrschaft Boccanegras. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Gruß von der Währungsreform
Im Sprung der toten Katze: Das neue Stück von Katja Hensel ist mit seinem enigmatischen Titel kein Tierdrama und kein Katzenkrimi. Börsen-Insider dürften gleich verstehen: Die Redensart »dead cat bounce« bezeichnet eine kurzzeitige Kurserholung unmittelbar nach drastischem Kursverfall, also so etwas wie eine löcherig-unzuverlässige und letztlich haltlose Erholungsinsel im reißenden Strom des Niedergangs. Das aktuelle Thema, bearbeitet als Auftragsstück des Kasseler Staatstheaters, lockte ein neugierig-animiertes Uraufführungspublikum in die Kellerräume des TIF, der Theater-Dependence im Friederizianum, das bereits einige Vorzeichen der kommenden documenta erkennen lässt (sie ist, passend zu den desaströsen Zeiten, die dreizehnte ihrer Art). Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Die Sprache und Logik des Krieges
Die Premiere von Tom Lanoyes Atropa. Die Rache des Friedens am 17. Dezember in den Münchner Kammerspielen verlief glänzend und endete unter großem Applaus. Stephan Kimmig inszenierte diese freie Bearbeitung der dramatischen Geschehnisse um Agamemnon, Iphigenie, Helena und Klytämnestra stringent und mit großem Vertrauen zu den schauspielerischen Qualitäten seines Ensembles, das dieses nicht enttäuschte. Von BJÖRN VEDDER

Nicht versöhnt
Da in Kunstwerke immer auch Autobiographisches einfließt, sind viele Schauspiele und Opern in gewissem Maße auch »Künstlerdramen« gewesen. In den Meistersingern von Nürnberg entfaltet Wagner bekanntlich seine eigene Ästhetik und Theorie der Werkgenese. Freilich kann man dieses Stück auch schlichter als Liebesgeschichte mit Hindernissen und gutem Ausgang zwischen einem Ritter und einer Bürgerin genießen. Als ähnlich mehrschichtig erwies sich später etwa Hindemiths Mathis der Maler, ein Künstlerschicksal im konfliktuösen Zusammenhang der Bauernkriege. In Hans Pfitzners 1917 uraufgeführter »musikalischer Legende« Palestrina (Thomas Mann gewann aus ihr wichtige Ideen für seine problematischen Betrachtungen eines Unpolitischen) gibt es als Mittelakt zwar auch ein pittoreskes, farben- und personenreiches Geschichtstableau – die szenische Verdichtung einer Sitzung des Tridentiner Kardinalskonzils aus dem späten 16. Jahrhundert –, doch entscheidend geht es um einen scheinbar sehr viel abstrakteren Vorgang: die mühevolle Entstehung eines Kunstwerks. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Beklemmend, fesselnd, sehenswert
Im einzigen Landkreistheater Deutschlands in der niederbayerischen Provinz wurde ein echtes Theatererlebnis auf die Bühne gebracht: Herbert Achternbuschs Susn. Die Inszenierung unter Regie von Sebastian Goller gerät zu einem eindringlichen Bühnenerlebnis, das im Gedächtnis bleibt. Von JÖRG ESCHENFELDER
Transgender, knietief im Blut
Karin Henkels Inszenierung von William Shakespeares Macbeth stellt einen bemerkenswerten Zug am Stück heraus - und dreht ihn um. Bevor Lady Macbeth ihren Mann anstachelt, um selbst König zu werden, den König zu töten (und wenn es sein muss, noch viele weitere), bevor sie also diese Mordorgie in Gang setzt, hört BJÖRN VEDDER sie die Geister anrufen ...
Familie, Hort des Unheils
Der 62jährige Manfred Trojahn sieht sich gerne als Außenseiter, ist aber doch wohl ein typisch deutscher Komponist seiner Generation. Mehr als der »integrative« Wolfgang Rihm und ebenso wie die Altersgenossen Jürgen von Bose und Detlev Müller-Siemens hat er sich von der Vätergeneration der Darmstädter Avantgardisten losgesagt und verfolgt seinen eigenen, zweifellos in gewisser Weise »traditionalistischeren« Weg. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Reitimitation und echte Erkenntnis
»Meint er, dem Vaterland gelte es gleich, ob Willkür drin, ob drin die Satzung herrsche?« BJÖRN VEDDER hat Heinrich von Kleists Prinz Friedrich von Homburg am Münchner Volkstheater gesehen.
Fortwährender Füßetrappelflamenco
Die Menschen sind hart auf dem spanischen Land, so zumindest in Lorcas Bluthochzeit, das 1933 in Madrid uraufgeführt wurde und das zusammen mit Yerma und Bernada Albas Haus zu Lorcas Bauerntriologie gehört. Von BJÖRN VEDDER
Diskursive Doku-Edu-Infotainment-Assemblage
Die freie Theatergruppe theatrale subversion zeigt in Wählt Wehner! Freimachen vom Untertanengemüt das Leben und Wirken des umstrittenen Politikers Herbert Wehner als Mediencollage mit widersprüchlicher Quellenlage. Und als Jahrhundertleben. Von JAN FISCHER
Ausschweifung und Tugend
Die Dramatisierung von Prosatexten ist eine leidige Mode. Sie erweckt den Eindruck, es gäbe zu wenig Stücke, weshalb sich die Theater andernorts bedienen müssten, oder es mangele den Dramaturgen an Herausforderungen, weshalb sie versuchten, überhaupt nicht für die Bühne gemachte Prosawerke für eben diese zurecht zu schneiden. Von BJÖRN VEDDER
Handpuppe Sloterdijk
Ein Theaterversuch mit Philosophie-Texten in Karlsruhe. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Hallo! Hallo! Hallo! Willkommen! Willkommen! Willkommen!
Das Stück heißt Henceforward, in der vorzüglichen Übersetzung von Corinna Brocher und Peter Zadek nicht ganz so poetisch Ab jetzt, und wurde 1987 uraufgeführt. Sein Autor ist der englische Dramatiker Alan Ayckbourn, Jahrgang 1939. Er steht, wie sein etwas älterer Kollege Michael Frayn, für ein Boulevardtheater, für das sich auch Staatstheater nicht genieren müssen. Es ist kein Zufall, dass Peter Zadek Ab jetzt selbst knapp zwei Jahre nach der Londoner Premiere inszeniert hat. Zadek hatte stets eine hohe, wie manche Kritiker nörgelten: zu hohe Meinung vom englischen Theater. Dass der bedeutendste deutsche Regisseur des späten 20. Jahrhunderts in seiner Jugend, als Jude zum Exil gezwungen, in England lebte, spielt dabei sicher eine Rolle, aber er, der das deutsche Regietheater entscheidend mitgeprägt hat, war ohnedies habituell unkonventionell und gegen kollektive Vorurteile immun. Von THOMAS ROTHSCHILD
Was ist das, was lügt?
Spielpläne geben besser als offensichtlichere Quellen Auskunft über den Zeitgeist. Wer sie Revue passieren lässt, erkennt schlagartig, was gerade en vogue war, worüber sich die Gesellschaft ereiferte und was sie befürchtete. Und fast noch mehr als die aktuellen Uraufführungen sind es die Wiederentdeckungen und Rückbesinnungen, die herrschende Stimmungen bezeugen. Von THOMAS ROTHSCHILD
Nächte im Zirkus
Auf Russisch bedeutet Clown »Mann vom Land«. Und auf dem Land nahe Moskau wurde der alte Schausteller mit den verschiedenfarbigen Schuhen und der übergroßen Mütze geboren. Fast scheint es Vorsehung, dass ihm ein Geschenk gemacht wurde, das er in jeder seiner Vorführungen an sein Publikum weiterreicht: das Lachen. Rund sechzig Jahre begeistert und bezaubert Oleg Popov nun als Clown, die Hälfte davon im Großen Russischen Staatscircus. LIDA BACH besuchte eine Vorführung.
»O Daimon, was überschwemmt ich da, welches Meer an Leid!«
Aischylos Drama Die Perser ist bekanntlich die älteste uns überlieferte griechische Tragödie. Und vermutlich auch die langweiligste. Von BJÖRN VEDDER
Abendland in Christenhand
Der jüdische Arzt Bernhardi verweigert dem Pfarrer den Zutritt zu einer an einer Sepsis nach einem verbotenen Eingriff sterbenden Patientin – das Stück spielt Ende des 19. Jahrhunderts –, weil er ihr, die sich in einer Euphorie befindet, den Schrecken ersparen möchte, den die Todesgewissheit auszulösen droht. Es zeigt sich, dass Bernhardis Befürchtung zu Recht bestand, aber seine Handlungsweise löst bei einem Teil seiner Kollegen und bei der Politik eine Kampagne aus, die ihn schließlich wegen „Religionsstörung“ ins Gefängnis bringt. Als die Krankenschwester Ludmilla nach seiner Entlassung aus der Haft ihre belastende Aussage zurücknimmt, verzichtet Bernhardi auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Von THOMAS ROTHSCHILD
Systemstabilität frei nach Monty Python
Wenn man so will, ist Slawomir Mrozek nicht nur als Zeichner, sondern auch im Theater vor allem Karikaturist. Mit treffsicheren Strichen pinselt er übertriebene Wirklichkeit, die der abgebildeten Wirklichkeit umso näher kommt, je weiter er die Figuren in Gegenwartsferne rückt. Dies gilt auch für sein Stück Die Polizei, und mag zugleich der Ansatz der Inszenierung von Markus Czygan und Claudia Rath am Neuen Schauspiel Leipzig gewesen sein. Von WILFRIED HAPPEL
Fingerübung für 253 Bühnentode
Am Anfang schwebt Kathleen Morgeneyer über den Wassern des Bockenheimer Depots. Und weil diese Wasser Theaterwasser sind, sind sie, wie das Schwimmbecken, in dem sie dahin schwappen, eine auf den weißen Bühnenboden projizierte Realität. Morgeneyer, im Mantel mit schwarzer Cargohose und schwarzem Pulli, beginnt mit einem Prolog aus teils konträren, teils kontradiktorischen Sätzen. Ihr Thema: Der Bühnentod, der gewollte Tod und das Nichts. Von HARTFRIED KASCHMIEDER
Miniaturen aus der Welt, die die Bretter bedeuten (oder umgekehrt)
Ein bekannter Schauspieler und Regisseur, der hier lieber unerkannt bleiben möchte, wagt nach jahrelanger Berufserfahrung den ungeschönten Blick auf den ganz normalen Alltag an deutschen Theaterbühnen. Oder auf den ganz normalen deutschen Alltag. DIE REDAKTION übernimmt für seine Kurzbeiträge keine Verantwortung.
Leise verdrehter Beziehungsspuk
In dem Buch Kaputt, seinen teils erlogenen, aber stets effektvoll drapierten Reportagen aus dem letzten Weltkrieg, führt Curzio Malaparte einen kroatischen Ustascha-Staatschef von Hitlers Gnaden mit einer deliziösen Spezialität vor: seiner legendären Austernsammlung, aufbewahrt auf seinem ärarisch pompösen Schreibtisch in einer Schale, die sich denen, die der Vertraulichkeit einer näheren Betrachtung für würdig befunden werden, als ein randvoll mit den ausgerissenen Augen seiner politischen Feinde gefülltes Gefäß erweist … Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Sinnfreies Beisammensein
Nicolas Stemann reißt mit Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder! Löcher in die Bühnenwelt. Von WILFRIED HAPPEL
Komische Ritter
»Man braucht den Glauben an die Schauspieler und an den Text – und nicht an den Kommentar«, soll Dieter Dorn, einer der Granden des Münchner Theaters, einmal über eine seiner Botho Strauß-Inszenierungen gesagt haben. Von 1976 bis 2001 entstanden unter seiner Regie und später auch Intendanz an den Münchner Kammerspielen zahlreiche Inszenierungen, die in ihrer Texttreue und konservativen Souveränität als beispielshaft gelten. Im Anschluss wechselte er als Intendant an das Münchner Residenztheater. Mit Heinrich von Kleists Käthchen von Heilbronn, das am 12. Februar Premiere feierte, verabschiedet sich der inzwischen Fünfundsiebzigjährige von diesem Posten. Von BJÖRN VEDDER
|
Sollen wir Denkmäler aufstellen oder in die Luft sprengen?
Erich Loest setzt in seinem Roman Löwenstadt seinem Leipzig ein Denkmal und erzählt dabei so en passant 200 Jahre deutsche Geschichte – von der Völkerschlacht 1813 bis ...
Von transzendenten Fliegen, misslungener Rache, großen & kleinen kulturellen Unterschieden
Wenn es ein Buch schafft, seinen Leser zum Lachen, Staunen, Weinen, Erschauern und Sich-Ärgern zu bringen, dann ist es das bei dtv erschienene Werk von Rafik Schami Eine deutsche ...
Neue Welten entdecken
Schon der Titel reizt, und nicht nur die Neugier, widersprechen die Begriffe in ihrer Kombination doch allem, was wir in den letzten Jahren über Frauen in der arabischen Welt gelernt zu haben ...
Ein Geheimtipp der deutschen Literatur
Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...
Fremd bin ich eingezogen
Der Nürnberger Autor Leonhard F. Seidl bezeichnet seinen Debütroman Mutterkorn als »Geschichte einer Befreiung«. Eine Bestandsaufnahme von HUBERT ...
Nachhaltig wortgewaltig
Ich bin es gewohnt, in regelmäßigen Abständen verständnislos angeschaut zu werden – in der Tat dürfte ich wahrscheinlich deutschlandweit einer der wenigen ...
|